Prof. Trampolina Grandiosa, LL.M. invisibilis – und Schrödingers Meisterstück

Satire zum Thema Politik

von  AnselmusFederkiel

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Bild: unter Mithilfe eines automatischen Vernunftapparates erstellt



Der akademische Grad „LL.M. invisibilis“ zeichnet sich bekanntlich dadurch aus, daß das zugehörige Werk zwar vorhanden sein soll, sich der unmittelbaren Anschauung jedoch hartnäckig entzieht.


Daß ihr akademisches Werk seit Jahren in einem gewissen Halbdunkel ruht, hat der Laufbahn Prof. Trampolina Grandiosas keinen erkennbaren Schaden zugefügt. Im Gegentheil: Der Grad entwickelte erstaunliche Laufbahnkräfte, trug durch hohe Regierungsämter, über internationale Bühnen und schließlich bis in den erlauchten Kreis der versammelten Nationen.


Man stelle sich dasselbe Verfahren einmal im Handwerk vor.


Ein Goldschmied führt seinen Meisterbrief mit berechtigtem Stolze. Auf die Bitte jedoch, das seinerzeitige Meisterstück einmal betrachten zu dürfen, erfährt man, es befinde sich an sicherem Orte. Versichert wird indessen, die Fassung sei von unerhörter Feinheit, der Schliff makellos und das Ganze ein Kleinod abendländischer Goldschmiedekunst.


Photographien? Nicht verfügbar. Besichtigung? Bedauerlicherweise nein.


In der Goldschmiedezunft würde eine solche Auskunft vermutlich gewisse Rückfragen hervorrufen. In höheren akademischen Sphären scheint man gegenüber dergleichen Fragen von erfreulich größerem Gottvertrauen beseelt zu sein.


Der Goldschmied besitzt für solche Fälle einen Tresor.


Die Wissenschaft offenbar eine Bundeslade.


Man möchte beinahe glauben, das sagenumwobene Werk lagere nicht in einem Universitätsarchiv, sondern in einer unterirdischen Kammer, bewacht von drei Archivaren, zwei Juristen und einem Manne mit weißen Handschuhen und schütterem Haar, der auf jede Nachfrage lediglich den Kopf schüttelt.


Möglicherweise geschieht dies aus Fürsorge.


Wer weiß schließlich, welche Wirkung ein unvorbereiteter Blick auf ein derartiges Werk entfalten könnte. Womöglich verbrennt sich der Leser an der Erhabenheit der Argumentation die Augen, erblindet an der Meisterhaftigkeit einzelner Fußnoten oder muß nach dem dritten Kapitel wegen akuter akademischer Überwältigung ärztlich betreut werden.


Die biblische Bundeslade enthielt der Überlieferung nach immerhin Steintafeln, Manna und Aarons wundersamen Stab.


Bei der akademischen Bundeslade unserer Frau Professorin wissen wir nicht einmal mit Sicherheit, welcher Art das sagenumwobene Werk überhaupt ist.


Manches Wissen verlangt eben Abstand.


Hinzu tritt ein Problem, das Schrödinger gewiß entzückt hätte. Solange die Lade geschlossen bleibt, befindet sich das Werk in einem Zustande vollkommener akademischer Überlagerung: Es ist zugleich brillant und banal, bahnbrechend und gewöhnlich, meisterhaft und mittelmäßig.


Erst das Öffnen würde entscheiden.


Ein wissenschaftlich verantwortungsvoller Mensch wird daher verstehen, weshalb man mit dem Deckel nicht leichtfertig hantirt.


Ganz ohne Hinweise auf das mögliche geistige Inventar sind wir indes nicht. Im Laufe der Jahre gelangten einzelne Fundstücke an die Oberfläche: ein Kobold unter den technischen Rohstoffen, ein unvermutheter Schinken der Hoffnung und ein Stromnetz mit Eigenschaften, von denen mancher Elektrotechniker bis dahin nichts geahnt hatte.


Ob es sich dabei um bloße Versprecher oder um verstreute Fragmente eines größeren Gedankengebäudes handelt, muß mangels Zugang zur Bundeslade offenbleiben.


Nun also Columbia University.


Dort wird Prof. Trampolina Grandiosa künftig als „Professor of Professional Practice“ wirken – ungefähr also als Professorin für professionelle Praxis.


Schon diese Amtsbezeichnung besitzt eine gewisse Vollkommenheit. Sie beantwortet eine Frage, von der man zuvor nicht wußte, daß man sie stellen sollte: ob es neben professioneller Praxis womöglich auch jene andere Sorte gebe.


Eine abgeschlossene Promotion war hierfür ersichtlich nicht erforderlich.


Das vorhandene akademische Wirken besitzt schließlich bereits jene seltene Eigenschaft, nach der viele wissenschaftliche Arbeiten ein Forscherleben lang vergeblich streben:


Es erzeugt Ehrfurcht, ohne daß man es gelesen haben muß.


So vollendet sich die erstaunliche Laufbahn des LL.M. invisibilis: Das sagenumwobene Werk bleibt der Anschauung entzogen, seine akademische Fernwirkung reicht dagegen mittlerweile über Regierungsämter und die versammelten Nationen bis an eine amerikanische Universität.


Vom unsichtbaren Master zur sichtbaren Professur.




Anmerkung von AnselmusFederkiel:

Vom Nutzen unsichtbarer Werke für durchaus sichtbare Laufbahnen.

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Kommentare zu diesem Text


 Aber (02.09.26, 09:21)
Wir beide hätten auch Politiker werden sollen, Archivarius.

 AnselmusFederkiel meinte dazu am 02.09.26 um 09:28:
Geschätzter Herr Aber,

der Gedanke ist verlockend. Allein fürchte ich, wir hätten den entscheidenden Fehler begangen, unsere Arbeiten tatsächlich vorzuzeigen.

Damit wäre die Laufbahn womöglich frühzeitig beendet gewesen.

A. Federkiel

 Aber antwortete darauf am 02.09.26 um 10:13:
Bei der Pension doch egal.

 AnselmusFederkiel schrieb daraufhin am 02.09.26 um 10:33:
Werther Herr Aber,

bei diesem Argument muß ich einräumen, daß unsere damalige Berufswahl womöglich tatsächlich einer gewissen Weitsicht entbehrte.

A. Federkiel

 Citronella (02.09.26, 09:26)
Grandios!

 AnselmusFederkiel äußerte darauf am 02.09.26 um 09:31:
Verehrte Citronella,

vor einem solchen Urtheil verbeuge ich mich tief – und, im Gegensatze zum Gegenstande des Textes, vollkommen sichtbar.

A. Federkiel

 Moppel ergänzte dazu am 02.09.26 um 09:36:
sehr amüsant geschrieben, Anselmus.  Unglaublich, die Sache. Ist nicht jede Hausfrau auch "Professorin  für professionelke Praxis"? 
Eben-t! Grins von M.

 AnselmusFederkiel meinte dazu am 02.09.26 um 09:49:
Verehrte M.,

dieser Gedanke hat einiges für sich. Eine Hausfrau dürfte auf dem Gebiete professioneller Praxis sogar über beträchtliche Erfahrung verfügen – einschließlich zahlreicher Feldversuche unter erschwerten Bedingungen.

Der entscheidende Unterschied besteht womöglich darin, daß bislang noch niemand auf die Idee gekommen ist, ihr dafür einen Lehrstuhl einzurichten.

Eben-t.

Für den Grins meinen verbindlichsten Dank.

A. Federkiel

 Aber meinte dazu am 02.09.26 um 10:15:
Unsere Moppel müsste dann ja auch schon Germanistikprofessorin sein, ebenso Citronella.

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 02.09.26 um 10:26:
Serenissimus Anselmus,

das Invisible ist in der Lage, uns in die Nähe Gottes zu rücken, den auch noch keiner gesehen hat.

Mit erleuchteten Grüßen
Ekki

 AnselmusFederkiel meinte dazu am 02.09.26 um 10:35:
Erleuchteter Herr Ekki,

dann wäre der LL.M. invisibilis am Ende weniger ein akademischer Grad als eine theologische Übung: 

Je weniger der Gegenstand der Anschauung zugänglich ist, desto größer die geforderte Glaubensleistung.

Ich fürchte nur, die Fakultäten könnten diesen Gedanken noch aufgreifen.

Mit durchaus irdischen Grüßen
A. Federkiel

 AnselmusFederkiel meinte dazu am 02.09.26 um 10:36:
Herr Aber,

dann wäre die Berufung wohl längst überfällig. Moppel und Citronella fehlt womöglich nur jener letzte akademische Kunstgriff, der aus erkennbarer Befähigung eine professorale macht.

A. Federkiel

 Aber meinte dazu am 02.09.26 um 10:46:
Welcher Kunstgriff?
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