Über die Restaurirung der eigenen Jugend

Betrachtung zum Thema Erkenntnis

von  AnselmusFederkiel

Mit zunehmendem Alter beginnt der Mensch, das Bild seiner Jugend nachzubessern. Nicht immer nach dem Original.

Eltern bewahren von ihrer eigenen Jugend ein Bild erstaunlicher Ordnung und Bescheidenheit.

Die einen wären nach dem Kriege froh gewesen, wenn ihnen der Vater ein altes Fahrrad geschenkt hätte. Später wuchsen Generationen mit Matchbox-Autos, Barbie und Cassettenrecordern heran, die sich im Erwachsenenalter ebenfalls daran erinnerten, eigentlich kaum etwas gebraucht zu haben.

Als Spielzeug hätten ein Stock, ein Ball und zwei rostige Nägel vollkommen genügt.

Die Gegenstände wechseln. Die Anspruchslosigkeit stellt sich erst rückwirkend ein.

Mit dem Essen verhält es sich ähnlich. Man aß, was auf den Tisch kam. Nörgeln und Sonderwünsche waren unbekannt. Die Existenz ganzer Generationen von Kindern, die Spinat unter Kartoffelbrei verbargen oder das Fett säuberlich vom Fleische schnitten, scheint aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden zu sein.

Im Haushalt half man selbstverständlich ohne Aufforderung.

Daß Eltern denselben Auftrag gelegentlich dreimal erteilen mußten, dürfte auf Überlieferungsfehler zurückzuführen sein.

Auch der Schulweg unterliegt im Laufe der Jahrzehnte gewissen Veränderungen.

Er wird länger, die Winter werden kälter und der Schnee höher. Aus wenigen Kilometern werden schließlich zehn – zu Fuß, bey Frost und bergauf.

In beiden Richtungen.

Nicht minder gründlich wird mit den Jahren das frühere Kinderzimmer gedanklich aufgeräumt. Was die Erinnerung stets sauber und vorzeigbar hinterläßt, bot seinerzeit Gelegenheit zu kleineren archäologischen Unternehmungen. Unter dem Bett kamen Socken zum Vorschein, deren Verbleib seit Monaten Gegenstand familiärer Ermittlungen gewesen war. Gelegentlich fanden sich dort auch Schulhefte, Tassen oder Kleidungsstücke, deren Eigenthumsverhältnisse nicht mehr zweifelsfrei zu klären waren.

Das Taschengeld war natürlich kärglich. Merkwürdig nur, daß es dennoch für Süßigkeiten, Kino und allerley Dinge reichte, von denen die Eltern besser nichts wußten.

Mit zwölf entwendete man unter Aufbietung allerlei Taschenspielertricks dem Großvater die ersten Cigaretten, um sie im Wäldchen hinterm Hause gemeinsam mit Freunden zu rauchen und dabey für eine Weile den großen Lebemann zu geben.

Wenig später, anläßlich der Jugendweihe oder Konfirmation, sammelte man auch erste Erfahrungen mit dem Alcohol – deren pädagogischer Werth sich meist erst am folgenden Morgen erschloß.

Die eigene Disciplin erscheint in der Erinnerung dennoch nahezu makellos. Widerworte gab es kaum, Lehrer wurden geachtet und elterliche Anweisungen ohne Murren befolgt.

Kündigte der Lehrer jedoch einen Elternabend an, bereitete sich das Elternhaus vorsorglich auf Enthüllungen vor, die das bisherige Bild des wohlgerathenen Kindes empfindlich beschädigen konnten.

Fremden gegenüber wurde derselbe Nachwuchs gern als besonders folgsam, wohlerzogen und brav vorgeführt.

Beym kleinsten Familienfeste im Kreise der Verwandtschaft hätte man die eigene Brut dagegen gelegentlich am liebsten im Schrank versteckt.

Irgendwann vergehen die Jahre. Aus den Kindern werden Erwachsene, aus den Erwachsenen Eltern. Und eines Tages hört man sich einen jener Sätze sagen, von denen man als Jugendlicher fest geschworen hatte, ihn niemals selbst zu verwenden:

„Solange du deine Füße unter meinen Tisch steckst …“



Dann bemerkt man, daß man von seinen Eltern nicht nur die Möbel geerbt hat.




Eltern.png
Bild: unter Mithilfe eines automatischen Vernunftapparates erstellt





Anmerkung von AnselmusFederkiel:

Über die segensreiche Wirkung der Erinnerung auf Unordnung, Ungehorsam und andere Jugenderscheinungen.

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Kommentare zu diesem Text


 franky (01.09.26, 09:03)
Hi Anselmus, 

Da finde ich mich ja in mehreren Punkten wieder! 
Gerne gelesen. 

Grüße von Franky

 AnselmusFederkiel meinte dazu am 01.09.26 um 10:02:
Werther Herr Franky,

das beruhigt mich. Ich begann bereits zu fürchten, die Restaurirungsarbeiten fänden ausschließlich in meiner näheren Umgebung statt.

Besten Dank für die freundliche Rückmeldung.
A. Federkiel

 EkkehartMittelberg (01.09.26, 10:25)
Scheinbar wird das nachgebesserte Bild dem Original immer ähnlicher.
Gruß
Ekki

 AnselmusFederkiel antwortete darauf am 01.09.26 um 10:30:
Geschätzter Herr Ekki,

das wäre allerdings ein bedenklicher Ausgang der Restaurirung. 
Am Ende käme unter all den nachträglich aufgetragenen Schichten noch das Original zum Vorschein.

A. Federkiel

 Moppel (01.09.26, 12:13)
sehr pointiert dargebracht, AAnselm. Aber das haben meine Eltern nie gesagt.
Amüsant, sich in einigenb Passagen wiederzuerkennen, doch nicht in allen.
Schmunzelgrüße von M.

 AnselmusFederkiel schrieb daraufhin am 01.09.26 um 12:20:
Gnädigste M.,

daß Ihre Eltern sich solcher Äußerungen enthalten haben, spricht entweder für ungewöhnliche Zurückhaltung oder dafür, daß die Restaurirungsarbeiten dort mit größerer Diskretion vorgenommen wurden.

Da Sie sich immerhin in einigen Passagen wiedererkannten, scheint mir die Untersuchung dennoch nicht völlig ergebnislos geblieben zu seyn.

Für die Schmunzelgrüße meinen verbindlichsten Dank.
A. Federkiel

 Quoth (01.09.26, 12:22)
Meine Eltern waren während des ersten Weltkriegs und in der darauffolgenden Zeit Kinder, die brauchten in puncto Essdisziplin und Spielzeugmangel nichts zu erfinden. Mir ging es genauso im und nach dem zweiten Weltkrieg. Es ist unhistorisch, alles über den Kamm "früher war alles besser" zu scheren.

 AnselmusFederkiel äußerte darauf am 01.09.26 um 13:46:
Werther Herr Quoth,

da haben Sie recht. Wo Krieg, Hunger und wirklicher Mangel zur eigenen Biographie gehörten, bedarf es keiner nachträglichen Ausschmückung, um eine entbehrungsreiche Jugend daraus zu machen.

Meine eigenen Eltern sind Jahrgang 1937 und 1944. Eben deshalb kam das alte Fahrrad in den Text: Solche Geschichten kenne ich aus einer Generation, für die Verzicht und Mangel keine nachträglich eingefügten Requisiten der Erinnerung waren.

Mein Spott gilt vielmehr jener späteren Neigung, aus beinahe jeder zurückliegenden Jugend im Nachhinein eine kleine Schule der Tugend, Härte und Bedürfnißlosigkeit zu machen – auch dort, wo die Lebensumstände dazu weit weniger Anlaß geben.

Ihren historischen Einwand nehme ich daher gern an.
A. Federkiel

 Quoth ergänzte dazu am 12.09.26 um 12:48:
Wobei man die aus der Not geborene Anspruchslosigkeit natürlich auch anmaßend als Maßstab für die in Watte und Wohlstand sich Wälzenden missbrauchen kann ...

 GastIltis (01.09.26, 14:17)
Also werther Herr Federkiel,
um es mal klarzustellen: meine Eltern waren Jahrgang 1903 und 1909. Ein Großvater von mir gehörte noch zum Garde-Füsilier-Regiment der Maikäfer. Zur Zeit meiner Kindheit galt grundsätzlich noch, dass Erwachsene aus der Straße, man kannte sich ja, zu grüßen waren, und wenn man als Junge eine Mütze trug, nahm man sie selbstverständlich ab. Auch galt generell, dass man in Gegenwart Erwachsener die Hände aus den Hosentaschen nahm, was damals ohnehin als große Unsitte galt. Dass mein erstes Fahrrad Holzfelgen hatte und ein Erbstück meines Vaters war, der in Kriegsgefangenschaft 45 verstorben war, hatte ich im Forum wohl schon erwähnt. Ja, früher war vieles anders. Vielleicht sogar richtig besser.
Sei herzlich gegrüßt von Gil.

 AnselmusFederkiel meinte dazu am 01.09.26 um 14:31:
Werther Herr Gil,

bei Ihren Jahrgängen und Familienerinnerungen bekommt das alte Fahrrad freilich eine andere Bedeutung. Was für spätere Generationen leicht zum Sinnbild einer vermeintlich härteren Jugend geräth, war in solchen Biographien schlicht Lebenswirklichkeit.

Daß Ihr erstes Rad noch Ihrem Vater gehört hatte, der 1945 aus dem Krieg nicht zurückkehrte, macht diesen Unterschied besonders deutlich. Solche Erinnerungen bedürfen keiner nachträglichen Restaurirung.

Auch manches, was Sie über Umgangsformen schildern, scheint mir durchaus bedenkenswert. Nicht alles Frühere war besser; daß deshalb alles Frühere schlechter gewesen seyn müsse, leuchtet mir allerdings ebenso wenig ein.

Für diese sehr persönliche Ergänzung danke ich Ihnen herzlich.

A. Federkiel

 Juli (01.09.26, 15:27)
Widerworte gab es kaum, Lehrer wurden geachtet und elterliche Anweisungen ohne Murren befolgt.

... und die brävsten prahlen mit ihren Streichen, welche sie als kleine den großen einst spielten.

 AnselmusFederkiel meinte dazu am 01.09.26 um 15:39:
Gnädigste Juli,

eben darin zeigt sich die hohe Kunst gelungener Restaurirung: Man war als Kind von untadeliger Folgsamkeit und verfügte dennoch über einen ansehnlichen Vorrath an Streichen, von denen sich Jahrzehnte später vortrefflich erzählen läßt.

Die Erinnerung scheint Widersprüche weit besser zu vertragen als die Wirklichkeit.

A. Federkiel

 niemand meinte dazu am 01.09.26 um 19:38:
Ist das nicht mit allen Erinnerungen so? Egal woran wir uns erinnern,
es bekommt mit der Zeit entweder Flügel, oder ein Zuschuss an Größe, eine Minderung von Schmerz etc. Menschen werden schöner,
edler, gütiger, oder umgekehrt, hässlicher, schlechter, dümmer.
Je nachdem, wie wir es uns zurechtlegen in den Gedanken an  Vergangenes  8-)   Nichts ist so unzuverlässig wie die Erinnerung
und je länger die Zeit über sie drüber gegangen ist,  desto mehr entfernt sie sich von der gelebten Wirklichkeit.  LG niemand

 Juli meinte dazu am 01.09.26 um 20:39:
So ist es und das ist biologisch bedingt. Das Hirn ist keine Festplatte, wo die Erinnerungen eingestanzt werden. Erinnerung wird bei jedem Abruf, zb. wenn man die Anekdote erzählt, neu gespeichert, jedes mal treten dabei kleinere oder größere  Abweichungen auf. So verändern sich die Erinnerungen, je mehr je öfter man sie zum besten gibt. Das ist gar nicht unbedingt eine bewusste Schummelei.

Antwort geändert am 02.09.2026 um 08:20 Uhr

 AnselmusFederkiel meinte dazu am 02.09.26 um 08:04:
Geschätzte Niemand,

genau darin liegt wohl ein guter Theil des Problems – und zugleich des Trostes.
Die Erinnerung bewahrt nicht einfach, sie bearbeitet. Sie glättet manches, vergrößert anderes, läßt Schmerzen verblassen und verleiht Personen bisweilen Eigenschaften, die ihnen zu Lebzeiten vielleicht nicht in diesem Umfange zur Verfügung standen.
Dabei muß nicht einmal böse Absicht im Spiele seyn. Nach genügend vielen Jahren weiß man vermutlich selbst nicht mehr genau, welcher Theil noch Erlebnis und welcher bereits Erzählung ist.
Gerade deshalb fand ich das Bild der Restaurirung so passend: Man beginnt mit dem Original und ist überzeugt, lediglich ein wenig Staub zu entfernen. Am Ende steht ein Bild vor einem, das zweifellos noch das eigene ist – nur eben in einer Fassung, die sich das Gedächtniß inzwischen etwas angenehmer eingerichtet hat.

Mit bestem Gruße
A. Federkiel

 Didi.Costaire (01.09.26, 19:41)
Moin AnselmusFederkiel,

ich erinnere mich noch immer sehr gern an die großen Pausen in der Grundschule, während derer wir an der Mauer hinter der Weitsprunggrube mit plattgetretenen Coladosen Fußball spielten. Wie herrlich lag der "Ball" am Fuß und waren die schrappenden Geräusche, wenn wir die Dose über den Asphalt schleiften.

Oder war es doch ganz anders und die Mauer lag vor der Weitsprunggrube? Da bin ich ehrlich gesagt etwas unsicher.

Schöne Grüße,
Dirk

Kommentar geändert am 01.09.2026 um 19:44 Uhr

 AnselmusFederkiel meinte dazu am 02.09.26 um 08:02:
Mein lieber Herr Dirk,

die plattgetretene Coladose auf dem Asphalt ist ein derart schönes Erinnerungsstück, daß ich geneigt bin, die Frage nach der genauen Lage der Mauer für nachrangig zu erklären.

Eine solche Dose stand mir seinerzeit allerdings nicht zur Verfügung. Diese Errungenschaft war im Arbeiter-und-Bauern-Paradies meiner Kindheit noch nicht allgemein zur sportlichen Zweckentfremdung vorgesehen.

Um so schöner finde ich, daß Sie mir den Beweis für die Restaurirungsfähigkeit des Gedächtnisses gleich selbst mitliefern: Das schrappende Geräusch ist noch da, der Ball liegt vollkommen am Fuß – nur die Mauer beginnt inzwischen ein wenig zu wandern.

Wo sie genau stand, darf das Gedächtniß inzwischen getrost selbst entscheiden.

A. Federkiel

 Hannes (01.09.26, 21:36)
Geschätzter Anselmus,
werte Kommentatoren !
ES GEHT AUCH ANDERS:
Ich will mich nicht schönreden (bin ich schon lange).
 Verbrechen habe ich als Kind auch begangen,
die morgendlichen Haferflocken in die Blumenvase gekippt oder der Katze spendiert, auf dem Schulweg Mütze und Hanschuhe im Schnee vergraben und möglichst barfuß in der Klasse erschienen, weil das lässig war, heimlich Honigmuscheln geschleckt, im Wald die trockenen Lianen ( die hießen damals "Judenstrick") auf Stuyvesant-Länge geschnitten und geraucht oder dem Vater 'ne HB geklaut, Rüscherl getrunken (frühere Bezeichnung für Alco-pop) , Kaugummis und Dornkaat-Flaschen geklaut (die waren so schön klein). Warum hat der Besitzer seine Kramerladen auch zum ersten "Selbstbedienungsgeschäft"
im Landkreis umgebaut?  Verweis- und Arrestbriefe abgefangen (und natürlich auch den Termin des Elternabends verschwiegen).
Warum ich das erzähle ?
WEIL ICH DAS ALLES AUCH MEINEN KINDERN ERZÄHLT HABE (und vieles mehr) .
Sie mußten auch nie den Teller leer essen, der Tante die Hand geben, wenn sie nicht wollten und konnten ihre oft ungewaschenen Füße unter unseren Tisch stecken, solange sie darauf Lust hatten.
Und meine Kinder, die inzwischen selber Kinder haben, machen es genauso.
Und irgendwann hab' ich bemerkt, daß sie von ihren Eltern außer den Möbeln auch etwas anderes erben.
Und ich bin froh darüber.
KONTRAPUNKT:
An ihre Kinderzimmertür außen habe ich mal den Spruch gehängt:
WAHNSINN IST ERBLICH.
DU ERBST IHN VON DEINEN KINDERN.
(Der Spruch hing dort, bis sie ausgezogen sind.)

 

 AnselmusFederkiel meinte dazu am 02.09.26 um 07:56:
Bester Herr Hannes,

Sie haben dem Restaurator offenbar rechtzeitig Hausverbot ertheilt.

Ganz fremd ist mir Ihr Sündenregister allerdings nicht. Im Laufe meiner Menschwerdung, ungefähr zwischen dem zwölften und fünfzehnten Lebensjahre, entwickelte ich eine gewisse Meisterschaft im Nachahmen elterlicher Unterschriften.

Bei besonders mißlungenen Klausuren ging ich sogar einen Schritt weiter: Meinen Eltern wurde eine von mir selbst sorgfältig verbesserte Fassung des Werkes vorgelegt; der Lehrer erhielt dagegen das Original zurück – versehen mit einer von eigener Hand gezeichneten elterlichen Kenntnißnahme.

Es war wohl mein schwerster Wiederholungstatbestand.

Daß Sie Ihren Kindern Ihre eigenen Unthaten ebenfalls erzählt haben, gefällt mir daher sehr. Es bewahrt sie wenigstens vor der Vorstellung, der Vater habe seine Jugend ausschließlich mit sauberem Kragen, gefalteten Händen und freiwilliger Hausarbeit verbracht.

Und daß Ihre Kinder nun ähnlich verfahren, spricht für eine erfreuliche Familientradition: Nicht nur die Möbel werden weitergegeben.

Der Spruch an der Kinderzimmertür dürfte damit hinreichend bewiesen seyn.

A. Federkiel

 Thomas-Wiefelhaus (01.09.26, 22:14)
Ich habe mich als Kind nicht von der Mutter disziplinieren lassen. Eher von der Schule. Sie hat auch von Ihrer Schule und Ihrem Schulweg bei hohem Schnee erzählt und ich glaube ihr diesbezüglich fast jedes Wort.

Mein Vater hat erzählt,  sie hätten als Kinder Krieg gespielt. Ausgerechnet! Sonst finde ich meine Eltern im Text nicht wieder.
Daher ist er mir zu pauschal/allgemein gehalten. Unpersönlich.

Ich selber schreibe ja teilweise sehr ausführlich über meine Kinder- und Jugendzeit. Und finde mich auch nicht wieder!

Die meisten Erwachsenen lernte ich früh als Antivorbilder kennen. Und wenn ich angeblichen Blödsinn machte, etwa die Schule schwänzen (wieso soll EIN Tag schlimm sein?), kam die Lehrerin nach Hause, oder ich kam Problemlos durch. War ich tatsächlich Krank gewesen, oder wollte brav sein, gabs Probleme. Wollte ich pünktlich in die Schule gehen, hat meine Mutter mich auch schon mal festgehalten. Lange Zeit wollte ich gerne in die Schule aber durfte nicht! 
Ein reines Chaos! Ich glaube, wenn du als Kind immer dein Zimmer aufgeräumt und jede Hausarbeit freiwillig übernommen hättest, wären deine Eltern mit dir zum Psychologen gegangen: Was stimmt denn da nur mit unserem Kinde nicht?

 AnselmusFederkiel meinte dazu am 02.09.26 um 07:38:
Geschätzter Herr Wiefelhaus,

daß Sie sich in dem Texte nicht wiederfinden, glaube ich Ihnen gern. Ihre Schilderung läßt ohnehin vermuthen, daß Ihre Jugend sich jeder nachträglichen Vereinheitlichung mit einiger Entschlossenheit widersetzt.

Mein Text wollte freilich keine allgemeine Geschichte der Kindheit und schon gar keine Abrechnung mit Eltern liefern. 
Ich habe es mit dem Blick auf solche Rückschauen wohl etwas leichter: Da ich selbst keinen Nachwuchs habe, komme ich nicht in die Verlegenheit, einer jüngeren Generation erklären zu müssen, wie außerordentlich genügsam, wohlerzogen und abgehärtet ich einst gewesen sei.

Gegenstand war vielmehr jene recht verbreitete Neigung, die eigene Jugend im Rückblick zu einer Epoche beinahe vollkommener Disciplin, Bedürfnißlosigkeit und sittlicher Festigkeit auszubauen – wobei die gleichzeitig gern erzählten Streiche mitunter eine gewisse Unordnung in dieses schöne Bild bringen.

Wer seine Kindheit dagegen schon als Chaos erinnert und auch so erzählt, erspart dem Restaurator einen erheblichen Theil der Arbeit.

Daß Ihnen der Text dadurch zu allgemein und unpersönlich erscheint, ist ein Einwand, mit dem ich gut leben kann. Er zielte diesmal weniger auf eine einzelne Biographie als auf eine bestimmte Art, sie später zu erzählen.

A. Federkiel

 AchterZwerg (02.09.26, 07:23)
Geschätzter Anselm,

unlängst erwöhnte ich bereits meinen Liebling, Herrn Schopenhauer. Und auch heute kommt er mit einem berühmten Zitat wieder ins Spiel:
"Die Erinnerung wirkt wie das Sammlungsglas in der Camera obscura: Sie zieht alles zusammen und bringt dadurch ein viel schöneres Bild hervor, als sein Original ist."
Und er hatte ja so Recht - und mithin Sie. -

Auch ich war überglückliche Besitzerin eines neuen (!) Fahrrads, das, auf künftiges Wachstum ausgerichtet, leider nur im Stehen befahrbar war. Für mich Zwergenkind zog sich dieser optimistische Prozess über Jahre hin.

Ach - vergessen ist aller Muskelschmerz!

 AnselmusFederkiel meinte dazu am 02.09.26 um 07:31:
Gnädigste Frau Zwerg,

damit haben Sie Herrn Schopenhauer sogleich noch den praktischen Beweis nachgeliefert: Das Fahrrad ist geblieben, der Muskelschmerz hingegen wurde bei der Restaurirung offenbar als nicht erhaltenswerth ausgesondert.

Und aus dem viel zu großen Rade ist inzwischen eine ausgesprochen schöne Kindheitserinnerung geworden. Besser hätte man das Sammlungsglas kaum vorführen können.

A. Federkiel
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