Tabuthema: In Pflege

Kurzgeschichte zum Thema Allzu Menschliches

von  Moppel


 

Sie geht anders, die Frau mit dem weißen Riesenpudel. Die, die mir vor fast einem Jahr noch mit rosa Wangen und forschem Gang entgegenkam, geht jetzt leicht nach vorn gebeugt. Unsicher ist ihr Schritt, als habe sie das Selbstbewusstsein nicht mehr, fest aufzutreten.

Heute frage ich sie und nicht sie mich: Wie geht es Ihnen? Die, die mich nach dem Tod meines Mannes bedauerte mit der Ausstrahlung einer aufblühenden Orchidee. Heute hat sie den Blick für andere verloren. Ist fixiert auf ihre eigene Welt. Seit längerem pflegt sie ihren Mann, aber sein Zustand hat sich in dem Jahr massiv verschlechtert. Vor kurzem erzählte sie mir noch schockiert, dass er sie anbrülle, obwohl sie doch alles für ihn tue. Ich versuchte zu trösten. Voller Mitleid, denn ich kannte das.

Manche der zu Pflegenden verändern sich. Werden dementer, egoistischer, teilnahmsloser oder aggressiver. Und Pflegende sacken mit der Zeit unter der Last der Verantwortung und der krassen Veränderung des geliebten Menschen in sich zusammen.

Das ständige Leid sehen. Die Hilflosigkeit, irgendwann erkennen zu müssen, dass es nicht mehr besser wird, hängen wie Blei am Fuß des Pflegenden. Arztermine, Physio, der Kampf um die richtigen Tabletten ( sie sind nicht lieferbar) bestimmen den Tag. Dazu Haushalt, Einkauf, Alltag. Das alles läuft vor meinem inneren Auge ab, als ich sie sehe, die Frau mit dem weißen Riesenpudel.

Neuerdings klagt sie. Behauptet, dass mein Mann ja nicht so belastend war wie ihrer. Obwohl sie das gar nicht beurteilen kann. Aber sie hat die nächste Stufe schon erreicht, denke ich: Aggression gegen alle wegen Überforderung.

Dann wird es auch zuhause schwieriger. Dann streichelt man nicht mehr, sondern brüllt zurück.

Wenn man mit einem zu Pflegenden zusammenlebt, dann bleibt kein Platz mehr für einen selbst. Die Zimmer sehen irgendwie alle aus wie Krankenhaus. Haben das Heimelige verloren. Und einen Pflegedienst nehmen? Nein, um Gottes Willen, das bin ich ihm doch schuldig, ihn selbst zu pflegen. So denkt der Pflegende und hat noch Schuldgefühle, nicht genug zu leisten.

Niemand kann das nachvollziehen, der es nicht selbst erlebt hat. Denn niemand spricht darüber.

Blass lächelt sie mich an, die Frau mit dem weißen Riesenpudel. Ich zögere, sie tröstend zu umarmen, denn sie sagt: Ich wünschte, ich hätte es so gut wie Sie und müsste nichts tun als mich um meinen Hund zu kümmern.

 Ich ziehe eine Augenbraue hoch. Das ist unverschämt, Aber fast ein Jahr nach dem Todesfall kann man als Witwe kein Mitleid mehr erwarten. Tu ich auch nicht. Ich habe mein Leben sortiert. Gelernt, ohne meinen geliebten Mann zu leben. Ich habe ja Möppi.

Da ich nicht antworte, wiederholt sie vorwurfsvoll: Sie haben es gut! Und ich schweige.



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Kommentare zu diesem Text


 EVdR (09.09.26, 12:00)
Triggerwarnung

Danke für diese kurze, harte und ehrliche Beschreibung der Pflege.

Von außen lässt sich vieles leicht sagen – doch Pflege bringt Menschen in einen Zwiespalt, der kaum auszuhalten ist.
Sie kann zur Überforderung werden, zu inneren Abgründen, zu Gedanken, die man eigentlich niemandem anvertrauen mag. Die ich hier jedoch offen benennen will. Das Paradoxon aus Pflicht, Verantwortung, Zuneigung, Schuld kann zu Gedanken an Selbstmord oder gar Mord führen können. Hier zeigt sich dann, das nächste Problem, die nächste Überlastung, die Frage nach der Abgabe der Last an Fachpersonal, Pflegeeinrichtung, ohne sich selbst zu verraten.
Pflege verändert den Alltag, die Beziehung und den Menschen selbst.
Wer es nicht erlebt hat, kann die Schwere kaum ermessen.

 S4SCH4 (09.09.26, 12:31)
Ich maße mir kein abschließendes Urteil an, kann aber aus Erfahrung an mir und meiner Familie einiges nachvollziehen.

Zeiten ändern sich und uns, der Text zeigt das sehr besonders. Nicht nur die Gepflegten kommen und gehen, sondern auch die Pflegenden befinden sich in einem auf und ab. Der/die ein/e bleibt länger im Jammertal und kommt vielleicht nie wieder heraus, während andere dreimal neue Kraft schöpf(t)en.

Vielleicht richten sich manche Menschen auch (einfach?!) in ihrem Tief ein, stellen Bilder von Sonnenaufgängen und sonnigen Tagen auf, sehen diese aber nicht mehr wirklich und bleiben in ihrem Bilderbuch mit GROSSBUCHSTABEN verhaftet. Sie resignieren und ergeben sich, so denken sie, und meinen ein Schicksal anzunehmen, von dem sie nicht merken, das weitere Missgünstigkeit auf dem Trittbrett ihres mobilen Schneckenhauses bereits mitfährt. Sie nehmen alles an und alles auf. Sortieren ist ihnen zu viel, zu komplex, zu unangenehm, denn es bedeutet unangenehme Einsicht und auch Entscheidung. Das muss manche/r erst lernen. 

Entscheidung für ein Leben heißt nicht selten: etwas gehen zu lassen. Doch wenn das Schuldgefühl die Peitsche schwingt, welcher „gute“ Mensch wagt da aufzubegehren? Respekt ist so oder so angebracht; Mitleid hingegen nicht immer.

 Verlo (09.09.26, 12:37)
Ich wünsche, abzutreten, bevor ich gepflegt werden muß.

 Verlo (09.09.26, 12:43)
Danke, Moppel für deinen Text und die Einblicke!
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