double bind

Text

von  HannaScotti

Text

double-bind

komm näher

fass mich
nicht an

sag
die wahrheit

verletze
mich nicht

zorn
zwischen
uns

er holt aus

und trifft
sich selbst


eine Interpretation :
Das Gedicht zeigt den Double-bind nicht von außen – es baut ihn sprachlich nach. Beim Lesen gerät man selbst in die widersprüchliche Bewegung: vorwärts, zurück; Nähe, Abwehr; Wahrheit, Schonung; Angriff, Selbstverletzung.

Die Grundbewegung

komm näher

fass mich
nicht an

Das ist nicht einfach Unentschlossenheit. Das lyrische Ich verlangt Nähe und verbietet zugleich ihre körperliche Vollendung. Das „Du“ kann deshalb kaum richtig handeln:

  • Bleibt es fern, verweigert es die ersehnte Nähe.
  • Kommt es näher, droht es die Grenze zu verletzen.
  • Berührt es, handelt es gegen das Verbot.
  • Berührt es nicht, kann das als Zurückweisung erlebt werden.

Entscheidend ist: Beide Forderungen sind wahr. Keine ist bloß vorgeschoben. Die Sehnsucht nach Nähe ist ebenso wirklich wie die Angst vor Berührung, Vereinnahmung oder Auflösung. Deshalb lässt sich der Widerspruch nicht durch vernünftige Entscheidung beseitigen.

Wahrheit ohne Verwundung

sag
die wahrheit

verletze
mich nicht

Hier wiederholt sich die erste Bewegung auf einer anderen Ebene. Zunächst geht es um Körper und Nähe, nun um Sprache und Erkenntnis.

Auch diese Forderungen sind einzeln vollkommen nachvollziehbar. Zusammen werden sie beinahe unerfüllbar: Das „Du“ soll offen und wahrhaftig sein, aber die Wahrheit darf keine schmerzliche Wirkung haben. Es soll sprechen und gleichzeitig kontrollieren, was seine Worte im anderen auslösen.

Der entscheidende Punkt liegt im Wort „mich“. Das lyrische Ich sagt nicht:

sei nicht grausam

sondern:

verletze mich nicht

Damit wird die Wirkung zum Maßstab. Das „Du“ kann ehrlich sprechen und dennoch verletzen. Es kann behutsam sein und dennoch als unehrlich erlebt werden. Wieder gibt es keinen sicheren Ausgang.

Das verschwundene Ich

Auffällig ist, dass das Wort „ich“ im ganzen Gedicht nicht vorkommt.

Das lyrische Ich ist zwar deutlich vorhanden, aber nur indirekt:

mich
mich
uns
sich selbst

Es tritt nicht als handelndes Subjekt auf. Es fordert, reagiert, wird möglicherweise berührt oder verletzt – aber es sagt nicht ausdrücklich: „Ich will“, „ich fürchte“, „ich entscheide“.

Das ist formal sehr klug. Im Double-bind verliert das Ich seine freie Handlungsfähigkeit. Es befindet sich in einem Beziehungssystem, das von widersprüchlichen Impulsen bestimmt wird. Es kann nicht einfach wählen, weil jede Wahl die andere Wahrheit verrät.

Zugleich bleibt auch das angesprochene „Du“ merkwürdig stumm. Wir erfahren nicht, was es tut oder sagt. Beide Personen verschwinden beinahe hinter dem Widerspruch.

Der Zorn als Dritter

zorn
zwischen
uns

Das ist für mich die stärkste Stelle des Gedichts.

Der Zorn ist nicht eindeutig „mein Zorn“ und auch nicht „dein Zorn“. Er befindet sich zwischen beiden. Dadurch wird er zu einer eigenen Gestalt, beinahe zu einem dritten Wesen in der Beziehung.

Die Zeilenstellung verstärkt das:

zorn
zwischen
uns

„Zwischen“ steht tatsächlich zwischen „Zorn“ und „uns“. Das Wort bezeichnet nicht nur einen Zwischenraum – es erzeugt ihn auf der Seite.

Der Zorn verbindet und trennt zugleich. Er ist ein gemeinsamer Raum, aber kein friedlicher. Vielleicht hält er die Beziehung sogar zusammen: Solange Zorn vorhanden ist, besteht noch Bindung, Erwartung, Forderung. Gleichgültigkeit sähe anders aus.

Dass kein Artikel steht – nicht „der Zorn“, sondern nur „zorn“ – macht ihn elementarer. Er wirkt weniger wie ein benennbares Gefühl und mehr wie ein Zustand oder eine Kraft.

Die Wendung des Angriffs

er holt aus

und trifft
sich selbst

„Er holt aus“ erzeugt für einen Augenblick die Erwartung eines Schlags gegen das „Du“. Der Zorn scheint endlich handeln zu wollen. Nach all den widersprüchlichen Befehlen entsteht Bewegung, vielleicht sogar Befreiung.

Dann kippt sie:

und trifft
sich selbst

Der Angriff erreicht den anderen nicht. Die Energie kehrt zum Ursprung zurück. Der Zorn wird gleichzeitig Täter und Opfer.

Dabei bedeutet „sich selbst treffen“ nicht nur Selbstverletzung im wörtlichen Sinn. Es kann vieles umfassen:

  • Der unaussprechbare Zorn wird nach innen genommen.
  • Die eigene Sehnsucht wird durch die Abwehr beschädigt.
  • Der Schutzmechanismus verletzt denjenigen, den er schützen sollte.
  • Der Angriff auf die Beziehung trifft zugleich das eigene Bedürfnis nach Beziehung.
  • Wer den anderen wegstößt, verliert genau die Nähe, nach der er verlangt.

So vollendet der Schluss den Double-bind: Der Zorn kann nicht hinaus, ohne die Bindung zu gefährden. Bleibt er innen, beschädigt er sich selbst und den Menschen, in dem er lebt.

Form und Rhythmus

Das Gedicht ist sehr karg gebaut. Die kurzen Imperative haben etwas Schneidendes:

komm
fass
sag
verletze

Sie wirken wie Befehle. Aber jeder Befehl wird durch den folgenden begrenzt oder aufgehoben. Dadurch entsteht kein fließender Rhythmus, sondern ein ständiges Ansetzen und Abbrechen.

Die Leerzeilen sind dabei wesentlich. Sie geben den Gegensätzen Zeit, sich zunächst als eindeutige Forderung zu zeigen. Erst danach kommt die Gegenbewegung. Besonders stark ist:

er holt aus

und trifft
sich selbst

Die Leerstelle ist der Augenblick des Ausholens. Der erwartete Schlag hängt für einen Moment in der Luft.

Der Titel

„double-bind“ ist ein sachlicher, psychologischer Begriff. Er steht kühl über einem sehr emotionalen Gedicht. Das verhindert Sentimentalität und gibt dem Text eine präzise Konstruktion.

Allerdings erklärt der Titel den Mechanismus bereits vor dem ersten Vers. Ohne ihn müsste der Leser den Widerspruch selbst entdecken. Mit ihm liest man das Gedicht sofort als Beziehungssystem.

Hier finde ich den Titel trotzdem passend, weil er nicht bloß etikettiert. Das Gedicht führt anschließend tatsächlich vor, was das Wort bedeutet. Der Titel ist der Befund; die Verse sind das Erleben.

Gesamteinschätzung

Das Gedicht handelt nicht lediglich von Zorn. Es handelt von einer Sehnsucht, die ihre eigene Erfüllung fürchtet. Das lyrische Ich will Nähe, aber nicht den Verlust seiner Grenze; Wahrheit, aber nicht deren Schmerz. Der Zorn entsteht dort, wo diese Wünsche einander blockieren.

Der Schluss weigert sich, den Konflikt zu lösen. Niemand versteht plötzlich alles, niemand wird versöhnt, nichts wird geheilt. Die Gewalt läuft zurück und trifft sich selbst. Gerade deshalb hat das Gedicht Biss.

Es ist ein Beziehungsgedicht, aber kein Liebesgedicht im üblichen Sinn. Eher ein Gedicht über die dunkle Mechanik von Bindung: Der andere wird gebraucht, abgewehrt und für die Unerfüllbarkeit der eigenen widersprüchlichen Wünsche verantwortlich gemacht. Der Zorn will treffen – und findet am Ende nur sich selbst.

das Gedicht : double - bind noch mal von vorne aufschreiben
Text

double-bind

komm näher

fass mich
nicht an

sag
die wahrheit

verletze
mich nicht

zorn
zwischen
uns

er holt aus

und trifft
sich selbst


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