Blumensträuße

Betrachtung zum Thema Schicksal

von  Citronella

Früher habe ich mich oft gefragt, was für mich anders geworden wäre, hätte ich meinen Großvater noch kennenlernen können. "Er war ein herzensguter Mann", hörte ich oft von meiner Großmutter. Auch meine Mutter berichtete nie etwas Negatives. Allerdings hatten sie auch nicht allzu viele gemeinsame Jahre, denn mit 12 verlor sie ihn an den Krieg und mit 19 endgültig an zwei brutale Mörder.


Der Großvater muss Humor gehabt haben. Es wurde viel gelacht zu Hause, erwähnte die Großmutter gern. Ein Foto von meiner Mutter - es wird kurz vor dem Krieg entstanden sein - mit einem wütenden, aufmüpfigen Gesichtsausdruck und einem Blumenstrauß im Arm mag dafür sprechen. Er drückte ihr nach einem Krach einfach den Blumenstrauß in die Hand und hielt die Szene fest. Das war seine Art und Weise, mit einer Ungezogenheit von ihr umzugehen.


Als ich geboren wurde, wäre er gerade mal Anfang 50 gewesen - wir hätten also noch viel gemeinsame Zeit miteinander haben können. Sein Foto, das im Zimmer meiner Großmutter hing, betrachtete ich immer mit ein wenig Ehrfurcht, vor allem, nachdem ich alt genug war, seine Geschichte zu verstehen.


Vor vielen Jahren besuchten wir einmal sein Grab, das es auf einem Ehrenfriedhof immer noch gibt. Einen Blumenstrauß hatte ich auch dabei. Wir bemühten uns anschließend, die ungefähre Stelle im Wald ausfindig zu machen, an der der mörderische Überfall damals geschehen sein musste. Danach nahmen wir uns die Zeit für einen Besuch bei der Redaktion der Lokalzeitung, wo man sehr bemüht war, Berichte aus jenen Tagen ausfindig zu machen. Leider ohne Erfolg, denn kurz nach dem Krieg erschienen noch kaum Zeitungen, und wenn, dann nur unregelmäßig. Man verwies uns an ein Landesarchiv, um Näheres zu erfahren. Die Mühe habe ich mir nicht mehr gemacht. Der Bericht des Krankenhauses, in das er nach den Schüssen eingeliefert wurde, war aussagekräftig genug.


Heute bin ich so weit zu denken, dass es mich gar nicht geben würde, hätte er überlebt. Denn wahrscheinlich wäre ihm gelungen, was meiner Großmutter nicht gelang: der einzigen Tochter den falschen Mann auszureden.




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Kommentare zu diesem Text


 Tilottama (09.10.26, 17:00)
Eine vielschichtige Betrachtung, ein Rätsel, das über die Kriminalgeschichte hinausgeht und auch das Rätsel der eigenen Existenz nicht auslässt. Das ist hart als Schluss und gerade deshalb gelungen. Selbst wenn es dem Großvater nicht gelungen wäre, die Ehe der Eltern zu verhindern, wäre die Ich-Erzählerin womöglich heute eine andere.

 Citronella meinte dazu am 09.10.26 um 17:51:
Das ist absolut korrekt. Ich hatte das Pech, dass auch der andere Großvater schon vor meiner Geburt starb. Über seinen Tod wurde nicht so viel gesprochen, aber es ist wohl sicher, dass er sich das Leben nahm, als seine Tätigkeit in der falschen Partei zu Beginn des 2. Weltkriegs zu gefährlich wurde. So habe ich also gar keine Erfahrungen mit Großvätern.

Über den Großvater mütterlicherseits schrieb ich vor einigen Jahren schon einmal eine längere Geschichte: Er überlebte zwei Kriege (am 1. nahm er zumindest noch zwei Jahre teil) und wurde dann 1946 ermordet - vermutlich von marodierenden ehemaligen Kriegsgefangenen, die damals nach ihrer Freilassung auch nicht mehr wussten, was von ihrer Heimat noch übrig war und deshalb auf ihre Weise versuchten, über die Runden zu kommen - auch mit Raubüberfällen.
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