TRIKOTAGEN-REPORTAGE

Reportage

von  harzgebirgler

Es riecht nach heißem Metall, frisch gewaschener Baumwolle und einer leichten Note von "Opa, komm essen". Ich stehe in der Produktionshalle der „Gebrüder Masche GmbH“, irgendwo in Deutschland, wo die Welt noch in Ordnung ist – oder zumindest gut gestrickt.

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Vor mir rattert eine Rundstrickmaschine, die aussieht, als hätte ein Roboter einen Panzer geküsst. Sie macht „Tschak-tschak-trrrrt“ und spuckt einen Endlos-Schlauch aus feinstem Feinripp aus. Der Produktionsleiter, Herr Müller, ein Mann, der wahrscheinlich auch im Schlaf im Takt wippt, schreit gegen den Lärm an: „Das ist Merino-Mix, feinste Qualität! Aber wehe, es kommt ein Fadenbruch!“

Ich nicke wissend, obwohl ich nicht einmal weiß, wie man einen Knopf annäht. Ein Fadenbruch klingt nach einer Katastrophe von der Größe eines verlorenen Sockenpaares.

Früher“, sagt Müller und streichelt liebevoll über eine Rolle Interlock-Stoff, „da war Feinripp ein Synonym für den prüden Spießer. Heute ist es 'Retro-Chic' und 'Organic Lifestyle'.“ Ich betrachte das weiße Gewebe. Es sieht aus wie die Unterhemden, die mein Großvater beim Autofahren trug.

Wir gehen weiter zur Qualitätskontrolle. Frau Schmidt, eine Frau mit einem Auge für Fehler, das selbst eine Mikroskop-Kamera neidisch machen würde, zieht ein T-Shirt über einen Metallrahmen. „Hier“, sagt sie und deutet auf eine Stelle, die für mich unsichtbar ist. „Eine Fehlmasche. Das geht zurück in den Recycling-Kreislauf.“ Der Stoff wird sofort in einen großen Sack befördert. Ein harter Job. Das Leben ist kein Ponyhof, es ist eine Strickmaschine.
Was macht gute Trikotagen aus? „Die Spannung!“, ruft Müller. Die Spannung in der Maschine muss stimmen, damit der Stoff sich nicht verzieht. Das erinnert mich an meine letzte Beziehung.

Ich erfahre, dass Trikotagen, also gestrickte Stoffe, im Gegensatz zu Webwaren, „atmen“. Sie sind dehnbar, anschmiegsam und verzeihen es, wenn man am Wochenende drei Stück Kuchen gegessen hat. Ein Hoch auf den Elasthan-Anteil.
Zum Abschluss zeigt mir Müller die neue Kollektion. „Wir gehen ins Risiko“, sagt er stolz. Er hält ein Unterhemd hoch. Es ist nicht Weiß. Es ist nicht Grau. Es ist…
Beige. „Wir nennen es 'Sahara-Soft'.“

Ich verlasse die Fabrik mit einem T-Shirt in „Sahara-Soft“ und dem Gefühl, Teil einer ganz großen, weichen Sache zu sein. Denn mal ehrlich: Die Welt mag kompliziert sein, aber solange wir unsere Feinripp-Unterhemden haben, sind wir gegen das Chaos gewappnet...




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