Gott ist ungerecht

Text

von  Verlo

Als vor Jahren hier einzog und mit dem Vermieter guckte, ob ich einen Briefkasten nehmen könnte, kam er von seinem Haus den kleinen steilen Hand hoch, überquerte die Straße und beschimpfte uns.

Der Postbote bestätigte, besagte Briefkasten würde nicht mehr benutzt, er könnte den Besitzer fragen, ob ich ihn übernehmen könnte.

Einige Zeit später hatte der Nachbar Mühe den kleinen Hand hochzugehen, rutschte immer öfter aus, fiel um, und irgendwann holte seine Frau die Post.

Die Spaziergänge mit seiner Frau wurden immer kürzer. Irgendwann ging sie allein.

Irgendwann stand der Leichenwagen vor dem Haus.

Als wir – er, sie und ich –, uns, kurz nachdem ich eingezogen war, im Dorfladen trafen, lachte sie mich an. Seit er gestorben ist, läßt sie jeden Abend die Rollos runter.

Seit er gestorben ist, hat sie viele Kilo abgenommen, ist abgemagert. Haut und Knochen. Braucht zum Laufen Krücken.

Zum Glück hat sie Kinder und Enkelkinder, die sie besuchen.

Aber ihre Lebensfreude, die sie jeden Tag hatte, als ihr noch lebte, wird sie nie mehr haben.


Der andere Nachbar lebt in einem großen Haus allein. Seine Frau wohnte bereits betreut, als ich hier einzog. Zweimal war sie im Sommer zu Besuch. Es schien, als erkannte sie nicht, wo sie war, bei wem sie war. 

Irgendwann besuchte er sie nicht mehr im Heim, sondern auf dem Friedhof.

Hin und wieder hat er Besuch von einer Freundin, aber sie kann sein Leid nicht lindern. Zusehends baut er ab. 

Als ich voriges Jahr bei ihm war und fragte, ob er einen Kompressor hat, mit dem ich meine Motorradreifen aufpumpen kann, bereute ich, ihn aufgesucht zu haben. Ich dachte: wenn ich sehe, wie schlecht er aussieht, wie seine Energie schwindet, die Resignation in seinen Augen nicht übersehen kann, sieht er auch, daß es ich noch der bin, als der ich hier her gezogen bin.


Na ja, ich bin auch sechs Jahre älter geworden, aber ich freue mich auf noch einige gute Jahre. Ich sehe im Tod keine Erlösung, sondern ein vorzeitiges Ende.

Ich habe noch einige Träume, die ich mir noch erfüllen will, bevor ich abtrete.

Ich fühle mich stark genug. 


Ja, Opi, du fühlst. Ich lach mich schlapp, ...


Heute nicht, mein Lieber. Entweder du schreibst selbst oder du verkriechst dich und bringst dich mit deinen Witzen selbst zum Lachen. 

Weißt du, du Versager, ich glaube, du bist ein Stück meines sadistischen und dummen Stiefvaters, das sich eingeschlichen hat, das mir implantiert wurde, das ich mir vielleicht selbst eingepflanzt habe, warum auch immer, als Abschreckung, damit ich mit dir auf Augenhöhe kommunizieren kann, egal, ich sage dir, halte dich zurück, komm mir nicht in die Quere, sonst ficke ich dich dermaßen in den Arsch, daß du dein Herz auskotzt.

Ich habe dich Kinderficker lange genug ausgehalten, geduldet, Verständnis gehabt, immerhin bist du nicht als Kinderficker auf die Welt gekommen.

Aber nun ist Schluß! 


Er sagt, wenn ihn rausschmeiße, werde ich nichts erben.

Das ist selbstverständlich ärgerlich. Aber gern kann mein Bruder auch meinen Teil bekommen, wenn ich damit jede Verbindung kappe. Endgültig.


Vielleicht habe ich noch einige Jahre ohne diesen stinkenden Ballast ... 




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