Antrittsbesuch
Kurzgeschichte zum Thema Allzu Menschliches
von Moppel
Maximalausstattung. Schicke Jeans, Kaschmirpullover, Haargel, der schon seit drei Jahren im Badschrank vor sich hin trocknet. Zarter Lippenstift und natürlich meinen Tansanit-Anhänger - gegen den bösen Blick.
Too much? Nee. Das bin ich. Elegant-sportlich, wenn ich unterwegs bin. Oder sollte ich als Witwe besser schwarz tragen? Das Trauerjahr ist in zehn Tagen vorbei. Keine Ahnung, wie die das hier halten. Außerdem weiß es ja niemand.
Meine Tochter sagte, Gemeinschaft täte mir gut und heute ist Kircheneinweihung. Die neue Kirchenglocke läutet. Holprig, etwas blechern. Muss sich vielleicht alles einspielen. Vielleicht ein Zeichen?
Ich sitz immer noch am Balkon und schau auf die frisch renovierte Kirche gegenüber. Kirchenfest ist heute. Geh ich, geh ich nicht? Ach, ich rauch noch eine. Wohl besser…
Quasi kurz vor Toresschluss komme ich an der Kirche an. Die Glocken quaken, als pfiffen sie aus dem letzten Loch. Gebraucht übernommen, wie die Pastorin später stolz erklärt. Tja, merkt man gar nicht…
Entsetzt stelle ich fest, dass der Raum proppenvoll ist. Teilweise sind Plätze mit Taschen oder Stöcken als belegt ausgewiesen. Deren Herrschaften draußen noch etwas Sekt schlürfen. Ich mag so was nicht. Vermute aber, dass die nächstenliebenden Christen keine andere Reaktion als die handtuchlegenden, englischen Touristen in Mallorca zeigen würden, wenn man den Platz besetzt. Ich muss grinsen und an das Karnevalslied vun de Paveier denken:
„Keine Liejen
mehr zu krieje.
Am Basseng
wird et eng.
Ab und zu fliejen
Zäng un Matratze…“.
Das will ich doch nicht riskieren und kurzerhand schnappe ich mir einen Stuhl aus dem benachbarten Frühstücksraum. Stelle ihn in die nächst gelegene Reihe. Ignoriere das: „Das geht aber nicht“ und setz mich. Alle sprechen. Nur nicht mit mir. Neben meinen stellt sich noch eine ankommende Dame einen Stuhl, lacht, redet freundlich. Klar. Aus Köln. Ihre Tochter singt im Chor. Also nichts für eine Bekanntschaft.
Der Gottesdienst ist gespickt mit modernen Liedern, die ich nicht kenne. Meine Nachbarin aber. Sie trällert im höchsten Sopran und lauthals mit. Meine Ohren und ich verzeihen ihr. Denn sie hat mit mir gesprochen. Was nicht jeder hier tut. Und wie ich später feststelle, auch niemand vorhat. Obwohl die niveaulose Predigt sich hauptsächlich um „Türen öffnen, Fremde annehmen und ihnen ein neues Zuhause bieten“ dreht. Ja, Gott hat es gut mit mir gemeint ( wie immer). Nur ob seine Mitarbeiter vor Ort das so umsetzen, das bezweifle ich doch ziemlich…
Nach 2 Stunden Singsang, Glockenspiel, Chor und Danksagungen an alle, die um, am, neben, über diesem Kirchenumbau beteiligt waren, schmerzt mein Rücken. Die Luft ist stickig. Und als dann noch der Superintendent zur Zweitpredigt ansetzt und der katholische Pastor mit nach vorne kommt, stehe ich auf und gehe. Zu dicke Luft, Zu heilig, zu phrasig, zu voll. Hundert Blicke strafen mich ab. Ich überlege, nach Hause zu gehen. Doch draußen steht ein Bierwagen mit fünf jungen Männern, die rauchen und scherzen. Ich stell mich dazu, unterhalte mich blendend. Es sind die bereits geehrten Handwerker.
Seelisch so gestärkt, entscheide ich, zu bleiben, zumal das Buffet und alle Getränke kostenlos sind.
Einige Amtsträger mit ihren feinen Damen stehen nun am Kircheneingang und schauen mich verächtlich an. Sie rauchen nicht. Selbstverständlich nicht! Tja, Moni, da kann auch der Kaschmirpullover nix mehr reißen, würde Achim jetzt grinsend sagen.
Ich gehe, das ignorierend, mit meinem Mineralwasser an ihnen vorbei ins Foyer. Sekt, Wein? fragt mich jemand. Denn den muss man bezahlen. Ich sag: Nein, danke, nicht vormittags. Niemand lacht.
Ich stelle mich an einen einsamen Tisch und schaue aus dem Fenster. Frag mich: Was tu ich hier eigentlich? Als mich plötzlich jemand von hinten umarmt. Ich schrecke zusammen. Ich kenne niemanden hier. Breit lacht mich die nette Portugiesin an, mit der ich morgens immer beim Hundespaziergang plausche. Komm, sagt sie, wir gehen essen.
Ich frage überrascht: Bist du nicht katholisch? Doch, sagt sie, aber wir sind auch eingeladen. Ihre Schwester, so sympathisch wie sie, hat uns einen Platz am Buffet frei gehalten. Schnattert auch wie sie. Wir lachen, futtern und lassen es uns gut gehen. Obwohl man erst beim ersten Bissen weiß, ob in dem Glässchen Selleriesalat, Reis oder Thunfisch ist. Auf Grund der Undefinierbarkeit der Essware entscheide ich mich beim nächsten Durchgang für zwei kleine Törtchen mit Pudding und Obst.
Während ich zögernd kaue, seh ich die Pastorin mal alleine stehen und gehe hin. Erzähle kurz von mir, meinen Wünschen, Lyrikgruppe ect. und sie winkt eine Frau heran, die „auch schreibt“. Können Sie alles mit Frau Sowieso besprechen. Damit ist sie mich schon mal gut los. Frau Sowieso fragt wenig begeistert: Aha, Sie schreiben? Ich sag; Ja, ich versuch’s. Naja, tönt sie überheblich, wir schreiben gerade Haikus und Elfchen. Und schaut mich an, als könnte ich unmöglich wissen, was das ist. Da sieht die Platzhirschkuh wohl eine Konkurrenz aufziehen…Simpler Kram, denke ich und sage lächelnd: Na, dann können wir ja demnächst mal Fatren schreiben. Äh… murmelt sie unsicher. Fatras, fatraisie, sehr schönes Genre, lache ich. Kennen Sie Prevért nicht? Ähm, sagt sie, das scheint mir dann aber doch sehr anspruchsvoll. Ihre Arroganz bröckelt wie der dröge Rand meines Törtchens. Sie dreht sich um und lässt mich einfach stehen.
Oookay, denk ich und hol mir einen Schokopudding. Guckst so böse, sagt die Portugiesin, is was? Ich sag. Nee, werde nur langsam müde. Ich geh auch gleich. Lieb schaut sie mich an. Schade. Na dann bis morgen an der Bushalte.
Als ich die Kirche verlasse, rufe ich der Frau, die das Essen gemacht hat, zu: War lecker. Obwohl das nicht stimmt. Danke, ruft die erfreut zurück. Sie können ja mitmachen. Wir freuen uns immer über Verstärkung. Klar. Kaltmamsell war ich 40 Jahre lang. Danke, kein Bedarf. Aber ich sage freundlich: Schau mer mal..
Zuhause angekommen, setz ich mich nach der stürmischen Begrüßung meines Mopses und nachdem ich ihm Futter gemacht habe, auf den Balkon. Schaue auf die Kirche, die zwischen den Ästen der laubenden Bäume hervorlugt. Was war das jetzt? denke ich. Ich würde mal sagen: Eine Erfahrung. Eine, die lange nachhallen wird.
Ich hab mich umgeschaut. Habe beobachtet, verglichen - ich bin das nicht. Und war es vielleicht nie.
Und doch war Gott, auch nach meinem Kirchenaustritt, stets an meiner Seite. Eine Erfahrung. Die die vermutlich nicht verstehen würden.
Erst jetzt bemerke ich, dass ich vergessen habe, den Gemeindebrief mit den neuen Terminen und Gruppen, mitzunehmen. Ich schmunzele und streichle den Hund.
Basseng- Pool
Zäng- Zähne https://www.youtube.com/watch?v=ItbxEbOlT2Q