Man erzählt sich, tief hinter den alten Eichen, dort, wo morgens der Nebel zwischen den Wurzeln liegt und der Sumpf nachts leise flüstert, habe einst ein Erdfrauchen gelebt.
Sein Name war Mirabella.
Früher trug Mirabella ein Stück Sonne im Herzen. Sie konnte herzlich lachen, half den Tieren des Waldes und brachte jedem Freude, der ihr begegnete.
Wenn ein Vogel sein Nest verlor, half sie beim Wiederaufbau. Wenn ein Käfer einen schweren Stein nicht bewegen konnte, schob sie mit. Und wenn im Wald gefeiert wurde, erzählte sie die lustigsten Geschichten.
Die Tiere sagten:
„Unser Erdfrauchen hat ein gutes Herz.“
Doch niemand bemerkte den Tag, an dem sich etwas veränderte.
Vielleicht begann es mit einem kleinen Gedanken.
Warum bekommt die andere mehr Lob?
Warum bewundert man deren Blumen und nicht meine?
Warum freuen sich alle über andere und sehen mich nicht?
Tief in Mirabellas Herzen fiel ein kleiner schwarzer Same zu Boden.
Er hieß Neid.
Mirabella hätte ihn herausreißen können.
Doch sie pflegte ihn.
Mit Vergleichen.
Mit Enttäuschungen.
Mit dem Gefühl, immer zu kurz zu kommen.
Und der kleine Same wuchs.
Bald sah Mirabella nicht mehr, was sie selbst besaß.
Sie sah nur noch, was anderen gehörte.
Die Blumen der Nachbarin waren für sie nicht mehr schön.
Sie waren eine Kränkung.
Das Glück anderer war für sie kein Grund zur Freude.
Es war ein Vorwurf.
Aus einem freundlichen Lächeln wurde ein spöttischer Blick.
Aus einem warmen Herzen wurde ein kalter Stein.
Die alten Freunde bemerkten die Veränderung.
„Das ist nicht unsere Mirabella“, sagten sie.
„Sie hat vielleicht nur eine schwere Zeit.“
„Sie wird wieder die Alte.“
Sie warteten.
Sie erinnerten sich an das Erdfrauchen, das einst Freude verschenkt hatte.
Doch Mirabella wollte ihr Gift nicht mehr loslassen.
Sie begann, hinter freundlichen Worten kleine Dornen zu verstecken.
„Ich möchte ja nichts sagen ...“
„Vielleicht täusche ich mich ...“
„Aber habt ihr schon gehört, was man erzählt?“
Und so verteilte sie Zweifel wie Samen im Wind.
Bald suchte Mirabella die Nähe des Sumpfes.
Dort lebten die Kröten, die Ratten und die Schlangen.
Wesen, die sich nicht an Freude erfreuten, sondern an Unruhe.
Im Sumpf fragte niemand:
„Warum freust du dich nicht für andere?“
Dort fragte man nur:
„Über wen sprechen wir heute?“
Mirabella brachte Gerüchte.
Sie brachte Verdächtigungen.
Sie brachte Verleumdungen über alle, die heller strahlten als sie.
Je mehr Licht andere hatten, desto mehr Schatten warf sie nach ihnen.
Eines Abends saß die alte Eule am Rand des Sumpfes.
„Mirabella“, sagte sie, „weißt du, was mit dir geschehen ist?“
„Die anderen sind schuld“, antwortete das Erdfrauchen.
Die Eule schüttelte traurig den Kopf.
„Nein. Du hast dein eigenes Licht gegen den Schatten anderer eingetauscht.“
Mirabella schwieg.
„Früher hast du Blumen wachsen lassen“, sagte die Eule.
„Heute suchst du Unkraut in fremden Gärten.“
„Aber die anderen haben mehr als ich“, zischte Mirabella.
Die Eule sah sie lange an.
„Und deshalb hast du beschlossen, weniger glücklich zu sein?“
Darauf wusste Mirabella keine Antwort.
Denn tief in ihrem Herzen wusste sie:
Niemand hatte ihr das Licht genommen.
Sie selbst hatte aufgehört, es zu hüten.
Von diesem Tag an blieb sie im Sumpf.
Dort wurde ihr Gift gebraucht.
Doch je mehr Gift sie verteilte, desto leerer wurde ihr eigenes Herz.
Und eines Morgens fanden die Waldbewohner vor ihrer alten Hütte nur noch einen verwelkten Rosenbusch.
Einst hatte Mirabell ihn selbst gepflanzt und gehegt.
Nun trug er keine Blüten mehr, nur noch Dornen.
© Sigrun Al-Badri / 2026
