Ich bin wie meine Mama

Erlebnisgedicht zum Thema Identität

von  l.b.259

Ich bin wie meine Mama


„Du bist wie deine Mama“, höre ich meinen Vater sagen. 

Ich muss lächeln, doch für meinen Vater ist das kein Kompliment.

In einer unserer Streitereien hatte ich endlich mal dagegengehalten. 

Ich war nur meiner Mama, meinem Vorbild gefolgt. 

Übersetzt heißt das also, ich war zu stark und zu kompetent. 


„Du bist wie deine Mama“, höre ich meine Oma sagen.

Ich hätte das gleiche Lachen. 

Diesmal fühlt es sich nicht an, als würde jemand über die Parallelen klagen. 


Stolz heb’ ich den Kopf und mache mich extra groß. 

Für mich ist das das schönste Kompliment. 

Und es muss wohl stimmen, denn „Ich wusste direkt, dass das deine Mama ist - ihr seid euch so ähnlich“, sagt mir jeder, der uns kennt. 


„Boah Mama, du bist echt peinlich!“

Sie hatte im Auto lauthals gesungen. 

Dazu auch noch getanzt und das nicht besonders gut. 

Doch tief in mir drin bewundere ich sie für ihre Lebensfreude. 

Für ihre Positivität.

Für ihren Mut.


„Großherzig, lebensfroh, hilfsbereit“, höre ich meine Freunde sagen. 

Ich in drei Worten. 

Genauso würde ich doch antworten, würde mich jemand nach Mama in drei Worten fragen? 


Wir sind beide so unperfekt - so gleich und irgendwie so verschieden. 

Und plötzlich weiß ich eines ganz genau. Wenn ich auch nur ein bisschen so bin wie meine Mama, bin ich mit mir zufrieden.


„Ich bin wie meine Mama“, höre ich mich nun immer wieder selber sagen. 

Der Satz, der einst ein Vorwurf war, ist jetzt wie ein Anker. 

Wenn ich Angst habe und zweifle, klammre ich mich fest daran. 

Denn wenn das stimmt, brauche ich mich nicht zu fürchten. 

Wenn ich wie meine Mama bin, ist klar, dass ich alles schaffen kann. 



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Kommentare zu diesem Text


 Vaga (22.10.26, 12:25)
Zunächst heiße ich dich herzlich willkommen hier im Forum. Was für ein starker Einstandstext von dir, den ich mit großem Interesse las! Das Thema Identität ist alles andere als leicht, aber du hast es geschafft, ein Gedicht zu schreiben, das in meinen Augen sehr authentisch wirkt.
Ich mag, wie lebendig du dein lyrisches Ich auf diese emotionale Reise schickst: von der Abwehr gegenüber den Worten des Vaters bis zu dem Moment, in dem es denselben Satz voller Stolz als eigenen Anker wählt. 
Die Szene im Auto bringt mich zum zustimmenden Schmunzeln und zeigt mir, wie viel Feingefühl du für Alltagssituationen hast. Ich denke, dass du ein echtes Schreibtalent besitzt und weißt, wie Charaktere und Gefühle spürbar 'erzählt' werden können. Ein wirklich gelungener Start hier im Forum – ich hoffe sehr, bald mehr von deinen Texten zu lesen!
Liebe Grüße - Vaga

 Juli (22.10.26, 12:55)
„Du bist wie deine Mama“

Für mich hört sich das ohne Kontext automatisch wie ein Kompliment an :)

im Zusammenhang kann es dann so oder auch anders sein, das hast du gut beschrieben.
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