KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Montag, 10. August 2026, 22:40
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TOD

892. Kolumne


 
Seine Todesstunde zu wissen ist wie ständiges Sterben – Pereundi scire tempus assidue mori. Publilius Syrus (1. Jh. v. Chr.), Sententiae
 
Der religiöse Mensch, der es schafft, an seine Wiederaufstehung zu glauben, ist noch besser dran, denn ihm kann der Tod nichts anhaben. Glauben – ein gerechtfertigter lebenskünstlerischer Selbstbetrug? Zwar weiß auch der Glaubende nicht, wann er (anders) weiterlebt, aber er kann sich im Gegensatz zu Atheisten und Agnostikern zudem noch in Vorfreude steigern! Es ist erwiesen, dass gläubige Menschen im Durchschnitt länger leben, insbesondere Mönche und Nonnen. Die besten Lebenskünstler unter ihnen dehnen ihre Vorfreude auf den Tod aus wie einen Liebesakt, und so genießen sie auch ihr Leben mehr als die meisten, zumal sie weniger weltliche Ablenkung und Abwechslung benötigen. 
Ich erinnere auch an Thomas Manns zentralen Erkenntnissatz: „Du sollst dem Tod keine Macht über deine Gedanken geben!“ Das ist im „Zauberberg“ nicht primär christlich gemeint. Sondern als kluges Lebensgesetz. Aus höchster Erkenntnis erfolgt vollkommene Verdrängungskunst! Den Tod verdrängen und zugleich in Leichtigkeit akzeptieren, das ist die Überwindung falschen Lebens.
 
Ernst Jünger sagt im Ersten Pariser Tagebuch: „In der Tat ist es ein Vorrecht des Menschen, die Zukunft nicht zu kennen; das ist einer der Diamanten im Diadem der Willensfreiheit, das er trägt.“ Ich schätze Ernst Jünger als Schriftsteller sehr, und es war gut, dass er den Rausch des Soldaten „In Stahlgewittern“ protokollierte und seiner Eitelkeit nicht die Maske einer falschen Bescheidenheit aufsetzte. Aber in dem zitierten Satz kann ich weder den Begriff des Vorrechts akzeptieren noch wohltuendes Nichtwissen als „Diamant im Diadem der Willensfreiheit“ (Krone der Schöpfung...) begreifen. 
Mit der Gewissheit des Todes müssen wir fertig werden. Manche fallen in tiefe Depressionen, zumal wenn sich der Tod im hohen Alter immer mehr andeutet und in Unbeweglichkeit und Schmerzen bemerkbar macht. Da wird es auch immer schwieriger mit der Verdrängungskunst. Wenn wir nicht mehr mit dem Tod kokettieren können, hat er uns schon angefasst.
 
Der Tod
Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer,
Tönt so traurig, wenn er sich bewegt
Und nun aufhebt seinen schweren Hammer
Und die Stunde schlägt. – Matthias Claudius, 1799
 
Es gibt auch einen leichteren und spielerischen Umgang mit dem Tod. Hier ist ein Beispiel, wo der Tod nur indirekt aufscheint in der Ängstlichkeit eines Kindes: 
 
Abgehauen
Als er ein kleiner Junge war, hielt er das Leben für ein Märchen, in dem er ein Abenteuer nach dem anderen gewann. Immer wieder lief er in Gefahren, die er sich ausdachte, oder in Gefahren, die ihm wirklich drohten. Eines Tages nahm ihn seine Mutter, die ihn über alles liebte und immer beschützte, in die Hand und brachte ihn weit weg vor der Stadt zu einem gläsernen Haus. Darin lebte ein alter Mann mit vielen Figuren aus Gips, aus Stein und Bronze. Da sagte die Mutter zu dem Jungen: Ich will ein Bild von dir, das ich anfassen kann. Sie deutete, bevor sie das Glashaus erreichten, auf den alten Mann hinter den Scheiben: Das ist der Bildhauer! Der Bildhauer öffnete das Glas und führte die beiden in seine Werkstatt. Es geht ganz schnell, sagte der Bildhauer, ich brauche nur deinen Kopf. Da sah der Junge an seinen Augen vorbei: In einem Regal standen lauter Köpfe nebeneinander, wie abgeschnitten. Er wand sich aus der Hand seiner Mutter und lief davon. – Ulrich Bergmann, 1997
 
Oder noch spielerischer: 
 
Bumerang
Das einzige Tor fiel in der letzten Sekunde. Als der Zauberer noch einmal ins Eis stieg, wurde es totenstill. Die Luft über der weißen Fläche kochte, die Haut der Arena blähte auf, bis der Himmel über den Köpfen platzte. Tausende ahnten das Ungeheuerliche. Der Zauberer hieb die Kufen ins splitternde Kristall und schwang den Schläger hoch über den Helm. Dann schlug er zu. Im Spiel seines Lebens schnitt er den Puck so scharf an, dass er vom Eis zu den Scheinwerfern aufstieg, im Auge des Flutlichts drehte und wieder zurückschoss. Die schwarze Scheibe prallte aufs blanke Eis, direkt vor die Füße des Schützen, zischte steil unter den Helm und zerschmetterte Kiefer und Stirn. Sand fiel knirschend ins kalte Feld. Der Mann wankte und fiel mit dem Puck zwischen den Augen ins gegnerische Tor. Von den Sternen schwebte Wrigleys dünner Stoff ins Bild. – UB, 2002
 
Todsicheres Leben
Ich habe mir eine Lebensversicherung aufschwatzen lassen, sagt Arthur. Dann kannst du leichter sterben, sage ich. - Nein, sagt Arthur, ich lebe leichter. - Wieso, sage ich, ist dein Leben nun sicherer geworden? - Nein, sagt Arthur, mein Tod. -
Da machst du aber kein gutes Geschäft, sage ich. - Im Gegenteil, sagt Arthur, je früher ich sterbe, umso größer der Gewinn. – UB, 1996
 
Und es geht noch ganz anders. Ich erinnere an die Tarot-Karten. Der Tod eröffnet auch die Chance für Neubeginn und Wandel, er erlöst und erzeugt zugleich Neues, er schafft Spannung und Bedeutung des Lebens, ohne ihn würde die Sinn-Frage zu Nichts schrumpfen oder aber auf uns lasten ... Wir sehen also ein weites Feld der Möglichkeiten vor uns, wie wir über das vielleicht interessanteste Thema schreiben können – denn wer über den Tod schreibt, sagt viel aus über das Leben. 

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