Aufstand der Versfüße

Groteske zum Thema Literatur

von  Saira

Was machen Versfüße eigentlich, wenn gerade niemand dichtet?

Sie gehen etwas trinken.
Dumm nur, wenn dabei Jambus und Trochäus aufeinandertreffen.

Denn mit der metrischen Ruhe ist es dann schnell vorbei.


Was dabei herauskommt, liest sich ungefähr so:


Es saß der Jambus spät beim Wein
und lud den Herrn Trochäus ein.

Der Jambus sprach:

„Ich geh voran, ich heb den Fuß,
ich weiß genau, wohin ich muss.
Ich steig empor mit jedem Schritt,
so komm, mein Freund, und steige mit!“

Der Trochäus lachte:

„Jambus, höre meine Schritte!
Trochäus schreitet durch die Mitte.
Vorne kräftig, hinten leise –
so beginnt bei mir die Reise.“

„Du fällst!“

„Du hinkst!“

„Du läufst verkehrt!“

„Von dir werd ich hier nicht belehrt!“

Da tanzte der Daktylus herein:

„Tänzelnde, wirbelnde, muntere Silben,
hüpfende, purzelnde, springende Wörter!“

Er stolperte.

Stand auf.

Klopfte sich den Staub vom Ärmel.

„Fast.“

Eine Weile geschah nichts.

„Fehlt nicht einer?“, fragte der Jambus.

„Der Anapäst.“

Noch eine Weile geschah nichts.

Dann hörte man draußen Schritte.

ta-ta-TAM.

ta-ta-TAM.

ta-ta-TAM.

Sie kamen näher.

ta-ta-TAM.

Die Tür ging auf.

Der Anapäst trat herein.

„Da bin ich.“

Der Trochäus sah ihn an.

„Du bist spät.“

Der Anapäst lächelte.

„Natürlich. Bei mir kommt die Betonung
schließlich erst am Ende.“

Der Jambus sah zur Uhr.

„Zu spät.“

Der Anapäst verbeugte sich.

„Zwei unbetonte Silben brauchen nun einmal Zeit.“

Da meldete sich hinten der Reim zu Wort:

„Entschuldigung – weiß hier vielleicht jemand,
was sich auf Metrik reimt?“

„Poetik!“

„Kritik!“

„Diätetik!“

Der Reim wurde bleich.

„Ich kündige.“

Das Enjambement erhob sich und sagte,
es finde die Unsitte höchst beklagenswert,
Gedanken am Ende einer Zeile immer künstlich
abzubrechen, obwohl sie doch ohne Weiteres
in die nächste hinübergleiten könnten, wenn man ...

Die Zäsur hob die Hand.

Das Enjambement stockte.

... sie nur ließe.

„Du unterbrichst mich!“

„Berufsbedingt.“

Die Zäsur nickte zufrieden.

Sie liebte Pausen.

Mitten im Vers.

Und klare Verhältnisse.

Da öffnete Goethe gemessen die Tür.
Die Versfüße rückten und machten Spalier.

„Die Form“, sprach er, „trägt Gedanken und Klang.
Doch wird sie zum Käfig, wird Dichtung zum Zwang.“

„FREIHEIT!“, rief Schiller und stürmte herein.

Goethe schloss kurz die Augen.

„Das musste ja sein.“

Schiller setzte sich.

„Man wird ja wohl noch etwas Grundsätzliches
sagen dürfen.“

Goethe bestellte Wein.

Da kam einer leise. Ihm folgte ein Tier,
halb schien es von dort und halb gar nicht von hier.

Es tappte herein, sah sich schweigend kurz um
und setzte sich nieder.

Niemand fragte, warum.

„Morgenstern“, flüsterte Goethe.

Das Tier

war zoologisch

bedenklich,

doch grammatisch korrekt.

Schiller betrachtete es.

„So etwas gibt es nicht.“

Morgenstern sah zu dem Tier.

„Jetzt schon.“

Dann kam Ringelnatz,

etwas windschief im Gang,

mit Seeluft im Ärmel

und Unsinn im Klang.

Er musterte den Jambus.

„Zu ordentlich.“

Den Trochäus.

„Dito.“

Den Daktylus.

„Zu viele Füße.“

Den Anapäst.

„Zu spät.“

„Das hatten wir schon.“

Ringelnatz nickte.

„Dann stimmt es wohl.“

Schiller räusperte sich.

„Und was macht Ihrer Meinung nach
ein gutes Gedicht aus?“

Ringelnatz dachte einen Augenblick nach.

„Dass es lebt.“

Da schwiegen sie alle.

Sogar der Reim
fand nichts auf „lebt“.

Dann riss er die Augen auf.

„Bebt!“

Goethe seufzte.

Nun trat, ohne anzuklopfen,
ein freier Vers herein.

Ohne Takt.

Ohne Reim.

Ohne schlechtes Gewissen.

Der Jambus musterte ihn.

„Ihr Versfuß?“

„Keiner.“

„Reim?“, fragte der Reim hoffnungsvoll.

„Wenn er kommt.“

Die Zäsur hob eine Augenbraue.

„Und ich?“

„Wenn ich dich brauche.“

Die Zäsur wurde blass.

Der Trochäus erhob sich.

„Aber irgendeine Regel
müssen Sie doch haben!“

Der freie Vers schwieg einen Moment.

„Nicht langweilen.“

Ringelnatz hob sein Glas.

„Endlich ein Metrum,
das ich verstehe!“

Da bebten die Gläser.

Von draußen kamen

schwere,

weit ausholende Schritte.

Der Hexameter erschien.

Alt.

Ehrwürdig.

Weitschreitend.

Und offensichtlich

nicht in Eile.

Er holte Luft.

„Als Homer und ich seinerzeit –“

„NEIN!“, riefen alle.

„Nur eine kleine Geschichte.“

„NEIN!“

„Sie handelt von Troja.“

Der freie Vers ging.

Ringelnatz folgte.

Morgenstern nahm sein Tier mit.

Goethe fasste Schiller am Arm.

„Ich kann allein gehen!“

„Das bezweifle ich.“

Das Enjambement floh durch die Tür und
redete draußen selbstverständlich noch
weiter.

Die Zäsur blieb.

Endlich

Ruhe.

Nur der Jambus und der Trochäus saßen noch da.

Der Jambus klopfte auf den Tisch.

leise – LAUT.

Der Trochäus klopfte zurück.

LAUT – leise.

Der Jambus wieder.

leise – LAUT.

Der Trochäus antwortete.

LAUT – leise.

Eine Weile hörten sie einander zu.

Dann sagte der Jambus:

„Eigentlich
klingen wir zusammen ganz gut.“

Der Trochäus nickte.

„Mitunter.“

„Obwohl du verkehrt herum läufst.“

„Ich?“

„Du.“

„Du!“

Da steckte der Reim
noch einmal den Kopf durch die Tür.

„Ich hätte übrigens noch einen Reim
auf Trochäus.“

Beide sahen ihn an.

„Welchen?“

Der Reim strahlte.

„Chaos.“

Stille.

Der Trochäus verzog das Gesicht.

„Das reimt sich nicht sauber.“

„Nein“, sagte der Jambus.

„Aber es passt.“

Und irgendwo

zwischen Regel und Freiheit

fiel eine unbetonte Silbe

vom Stuhl.

Niemand hob sie auf.

Niemand zählte sie.

Am nächsten Morgen

erklärte man sie

zur modernen

Lyrik.




© Sigrun Al-Badri / 2026



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Bild mit Hilfe von KI erstellt









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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (29.08.26, 12:04)
Ganz entzückend, Sigi.

Mal ehrlich, ich mag Freie Rhythmen, aber ich möchte sie alle nicht missen, die du hier aufeinander treffen lässt, wenn es auch ein bisschen Mühe erfordert, ihnen gerecht zu werden.
Das reizende KI-erstellte Bild passt vorzüglich zu deinem Text.

Liebe Grüße
Ekki
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