KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Montag, 10. August 2026, 22:53
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Narziss. Eine Schreibaufgabe

894. Kolumne

MYTHOS VII: Narziss
 
Narziss  (Νάρκισσος Nárkissos, Narcissus) ist in der griechischen Mythologie ein schöner Jüngling, der die Liebe anderer zurückwies und sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte, vor Sehnsucht dahinschwand und in die gleichnamige Blume verwandelt wurde.
 
Ausweitung: 
Die narzisstische Neigung gibt es in jedem Alter, in jedem Geschlecht, bei einem Kind eher unschuldig, aber wohl durchaus bewusst.
 
Abgrenzung:
Narzissmus als Neurose, als pathologische Erscheinung. 
 
Weitere Unterscheidung:
Eitelkeit ist ein Teilaspekt – im Rahmen mädchenhaften Drangs nach Schönheit oder im Konkurrenzkampf des Gefallens sowohl beim eigenen als auch beim anderen Geschlecht.
Schönheit um ihrer selbst willen – von hier geht es aber recht bald zur Selbstliebe als narzisstisches Phänomen. 
 
Selbstliebe:
ist eine wesentliche Voraussetzung für die Liebe zu anderen, Selbstannahme befähigt erst zur Liebe. 
 
Rein äußerliche Selbstliebe gibt es wahrscheinlich nicht, weil eine rein ästhetische Selbstbetrachtung eher nur der äußerlichen Selbstkontrolle dient. Wenn dies jedoch zur Sucht wird, überschreitet das die Grenze zum Narzissmus. Solche Äußerlichkeit involviert eigentlich immer auch psychische Kategorien. 
 
Wer sich tatsächlich in sich selbst verliebt, sei es optisch oder psychisch – etwa wegen Leistung, Erfolg, Ruhm – oder weil es sonst nichts zu lieben gibt, beweist damit augenfällig, dass er/sie nur sich selbst lieben kann. 
Eine solche Selbstbezogenheit, die nicht der Selbstkritik dient, sondern sie sogar ausschließt, ist eine gravierende Schwäche und führt zwangsläufig in die Einsamkeit und damit letztlich in den Selbstverlust. 
 
Wie lässt sich da ein erzählender Text entwickeln?
Man kann die schrittweise Entwicklung zu Vereinsamung und Selbstverlust darstellen in Episoden der Begegnung mit anderen, am besten vielleicht bei Konfrontationen oder (un)gewollten Entgleisungen. 
Denkbar auch Ehe- und Beziehungsszenen, wo sich einer von beiden vom anderen entfernt, weil er sich selbst zu sehr absolut setzt. Denkbar sind sexuelle Bestätigungsexpeditionen oder Versenkung nur in eigene Interessen ... aber das sind nur Beispiele. 
 
Für das Schreiben eines Textes sind alle die Fälle interessant, wo das Pathologische gestreift wird – wo etwa eine Person mit ihrer äußerlichen Schönheit oder inneren Fähigkeit protzt oder auffällig kokettiert: Dann haben wir meist skurrile oder humoristische Texte.
Oder wo die Selbstbezogenheit allmählich zur Selbstsucht wird – hier spielt oft Selbstbelügen, Selbstbetrug, Überschätzung ... eine Rolle.
 
Man kann sich fragen, ob ein Künstler eine narzisstische Seite hat, ja haben muss, um ein Künstler sein zu können, der überpersönliche Kunstwerke erschafft. Möglicherweise kann er seine narzisstische Seite professionell nutzen und im privaten und öffentlichen Leben beherrschen. Wir könnten das instrumentalisierten Narzissmus nennen. Nicht nur der Künstler betrifft das – auch ein Lehrer steht in der Schule auf einer Bühne, die ihm eine gewisse narzisstische Kompetenz abverlangt. Und erst der Schauspieler“ Muss er sich nicht wenigstens in seiner Rolle, die er spielt, gefallen? 
 
Und wir sind doch alle in unserem Leben ab und zu in einer ‚künstlerischen Situation‘ und in einer Rolle, in der uns ein gewisses Quantum an Selbstliebe nützt ... Es könnte gut sein, dass Lebenskunst besonders gut gelingt, wenn wir zwischen weiser Bescheidenheit und spielerischer Selbstvergessenheit und Selbstliebe changieren können. Ein abgewogenes Maß an Selbstliebe tut also uns selbst und allen anderen gut – entweder als Material zum ablästern oder als Entlastung eigener narzisstischer Neigungen. 
 
Aber was schreibe ich jetzt? Bringt mir das Nachdenken eine Idee? 
Du kannst über dich selbst schreiben, vielleicht gibt es eine Episode in deiner Jugend, die sich autofiktional nutzen lässt.
Vielleicht ein Lehrer in deiner Schulzeit, der sich in seiner Selbstliebe spiegelte ...
Oder du erzählst Ovids Metamorphose vom Narziss nach und modernisierst die Verwandlung in die Blume ...
 
 
 
(Das Narziss-Motiv in der neueren Literatur: Selten besonders ausgeprägt.
asketisch: Hermann Hesse, Narziß und Goldmund
eher verborgen: Kafka, Der Prozeß
eher beiläufig: Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
am offenkundigsten, vor allem im Hinblick auf Altern, Selbstverlust und Tod: Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray)
 

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