KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Samstag, 08. Mai 2021, 20:40
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Mein kv - 9. Intermezzo I

757. Kolumne

Mein-kv - Intermezzo: 578

Von nun an geht’s bergab.
Fin-de-siècle-Stimmung macht sich breit in mir, hätte ich mal nicht gedacht vor fünfzehn Jahren.
Ob kv dieses Jahr übersteht? Sein oder Nichtsein, das ist die Frage. Es sieht so aus, als ob der Sinkflug leicht Fahrt aufnimmt.
500 ist die Zahl für den Shutdown. Wenn sich weniger als 500 Autoren auf kv tummeln, dann stirbt diese Webseite nach einem teilweise heldenhaften Leben, an dem teilzunehmen ich die Ehre habe. Mir fehlt nur die Gründungsphase 2003-2004-2005. Immerhin habe ich noch einen Zipfel dieser hochromantischen Zeit erwischt, als ich beitrat. Da hatte der kv-Verein noch hochfliegende Pläne und wollte mehr, als ihm zustand. Das war eine Zeit, als ich glaubte, der Verein sei nicht nur die Seele von kv, sondern das Machtzentrum. Aber das täuschte oder richtiger: Da täuschte ich mich. Ich kannte noch nicht die Machtstruktur. Als sie zu durchschauen begann, hielt ich den Besitzer der Webseite für einen Monarchen, und das hat er mir bis heute nicht vergessen. Dabei ist Jan Zenker ein freundlicher und sehr demokratisch gesinnter Mensch. Und die Webseite hat er selbstlos getragen, wahrscheinlich musste er Geld zuschießen, und für seinen Idealismus hat er eh keinen Pfennig bekommen, abgesehen von den paar Spenden aus unseren Reihen.
Nun kommt in mir doch schon etwas Abschiedsstimmung auf. In meinen fünfzehn Jahren bei und auf kv war ich unterschiedlich engagiert. Anfangs stellte ich auch mehr Texte ein und beteiligte mich stark an den Diskussionen in den Foren, aber meist nur bei literarischen Themen. Die Literatur hatte als Thema jedoch immer einen schweren Stand gegen Albernheiten, Sentimentalität und private Frustthemen. Leider nahm das literarische Interesse allmählich immer mehr ab. Dass das allein den Niedergang von kv erklärt, glaube ich nicht. Aber Corona ist es nicht, eigentlich ist die Zeit jetzt eher günstig für das Schreiben literarischer Texte.
Als Plattform für psychotherapeutische Zwecke von Nutzern (Usern) hat kv sicherlich für einzelne Sinn gemacht, aber fürs Literarische war und ist es das größte Gift.
Als eine Plattform für interessante, wertvolle Begegnungen war und ist kv großartig, jedenfalls gilt das für mich, und ich kenne einige, die es ähnlich erlebten wie ich.
Ich will auch nicht verschweigen, dass kv viel von seinem eigentlichen Zweck erreicht hat: Gute Texte zu präsentieren, anzuregen und den Gedankenaustausch darüber zu fördern.

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Judas (12.03.21)
"aber fürs Literarische war und ist es das größte Gift" wie kommst du darauf? Mich hat es als Literat weiter gebracht. Ohne kV hätte ich sicher nicht meine Poetry Slam Karriere gehabt (auf der Hochzeit vor 600 Leuten gelesen) und diverse andere Autoren und Künstler kennen gelernt, die mich wiederum in meinem Schaffen weiter gebracht haben, u.a. zB durch Dinge wie die Zusammen/Kunst.

 Bergmann meinte dazu am 12.03.21:
Wenn dir kv als psychotherapeutische Couch für dich erfolgreich nutzen konntest, dann rufe ich dir liebevoll zu: So werde glücklich, mein Kind. Aber literarisch gesehen, und das war doch meine Behauptung, ist das irrelevant.

 Judas antwortete darauf am 12.03.21:
Du hast meinen Kommentar offenbar nicht verstanden, ich habe kV nie als psychotherapeutische Couch genutzt und das steht auch nicht in meinem Kommentar.

 Bergmann schrieb daraufhin am 12.03.21:
Du schreibst doch, dass dich es, das Gift, weiterbrachte.
Mag sein.
Ich habe (belletristische) Literatur im Blick, nicht poetry slams.
Natürlich kann jeder nach seiner Façon selig werden, also auch du.

 Judas äußerte darauf am 12.03.21:
Poetry Slam ist doch auch nur ein neuer, fancy Begriff für "Lesung". Das macht die Texte dort nicht weniger zu Literatur. Einige jetzt berühmte Autoren mit Büchern auf dem Markt haben auf Lesungen und Slams angefangen.

 DanceWith1Life (12.03.21)
ich denke, es fehlt eine Erkenntnis über das Wesen der Literaturkritik, und wenn diese fehlt, wird fast automatisch ein persönliches Geplänkel daraus. Und dieses dann multipliziert auf mehr als 500 Plänkler, skipper, das ist tough. Und es gibt da ja einige die sich diesen Schuh anziehen, obwohl er ihnen gar nicht passt. Wir wissen wie das Märchen weiter geht.
Ich denke ferner, dieses Verständnis besteht aus mehreren Faktoren.
Einer davon ist ein Balanceakt, man kann nämlich einen Text zerlegen und dem Autor trotzdem, a) das Gefühl geben nicht einfach abgeschmettert zu sein, das geht nur über echtes Interesse.
b) Welche Rolle spielt die literarische Qualität eines Textes.
Nicht jeder ist ein Böll, Hanke, Hesse, Joyce, von den Dichtern brauchen wir da ja gar nicht anfangen.
Das würde helfen dem Kritiker eine Spur zu vermitteln, weil wer kennt das nicht, da ist man von einem Text merkwürdig berührt und schon sprudeln die abstrusesten Formulierungen aus einem hervor.
Das geht nur über Selbstdiziplin.
Die wäre dann auch vom Kritiker gefordert und das muss der kritisierte Autor spüren. (ich behaupte nicht, dass ich das schon kann, das ist Ergebnis meiner Analyse der Vorkommnisse)
Soweit ein paar meiner Gedanken zu diesem Thema.
Ich hoffe das klingt Dir nicht allzu "verträumt", denn das ist es eigentlich nicht, meiner Einschätzung nach( wie immer ohne Gewähr). Und danke für diesen Rückblick.

Kommentar geändert am 12.03.2021 um 18:43 Uhr

 Bergmann ergänzte dazu am 12.03.21:
Ich stimme dir zu.
Und ich räume ein, dass jeder in kv seinen Nutzen suchen und finden soll, wenn es ihm gefällt und nützt.
Inwieweit ein Kritiker pädagogisch sein soll, wird wohl unterschiedlich beantwortet. Auf kv sollte im Idealfall eine pädagogische Tendenz angestrebt werden, möglichst auf Augenhöhe, sofern es geht.
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