KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 20. Mai 2008, 18:47
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Zwei Himmel - locido. II. Lyrik (19)

locido wurde 1987 geboren. Er sei "von Beruf Opportunist und tätig als Konsole im Zentrum der Macht", schreibt der Sachse.

Er schrieb gestern eins der schönsten Gedichte:


übermut

weil der himmel
unter mich gefallen ist

und wir bonbonpapier
vom rummel stahlen
gemeinsam
wenn du noch erinnerst

ach wenn
ich könnte
ich liefe und liefe da
am meer entlang
und rauf und runter würde

mich
im sand
im eis
vergraben sterben da



Meine ersten Gedanken waren gestern:
Starker Beginn - und starke Fortsetzung ... eines der ganz großartigen Gedichte hier!

Es beginnt mit den himmlischen Ideen, den Wünschen, Hoffnungen, mit der Utopie - aber sofort in der Erkenntnis: Nein. Der Himmel fällt unter mich - jetzt muss ich selber Himmel sein. (Das ist ein toller Gedanke!)

Dann kommt der Weg zum Ende, am Ende der Tod. Sehnsucht nach einem Spieltod. (Wieder eine ganz tolle Idee!)

Ich füge heute nur Weniges hinzu:
Jetzt steht der Schreiber der Verse über seinem Himmel und blättert zwei Zeiten auf: Erst die Vergangenheit, späte Kindheit oder Jugend, und es erscheint ein naiv empfundenes kleines Paradies, ein kleiner Himmel des Zusammenseins, mitten in der Welt! Dieser Himmel entsteht aus fast nichts - aus Bonbonpapier! Vor allem aus Gedanken und dem Zusammensein mit einer Geliebten oder einem Freund. - Dann folgt eine Vorstellung, eine Sehnsucht wird aufgeblättert: Der Strand des Meeres wird zur paradiesischen Lebensstrecke, die sich wiederholen soll, zum Augenblicke will ich sagen: Verweile doch, du bist so schön!: So ein Sterben ist das! Ich deute das Eingegraben sein in Sand und Eis als Geborgenheit - der wärmende, schützende Sand am Rand der Ufer aller Ufer, wo die Zeit in den Gezeiten sich aufhebt, oder im Eis, wo das Sein eingefroren ist, das Glück wird aufgehoben im transparenten Schatzkästlein...

Aber ach, das Leben ist nicht so einfach! Da sind Winde und Berge und weite Ebenen und andere Widerstände von innen und außen. Aber auch da liegen Paradiese!

Schauen wir zuletzt auf den Titel: Übermut - ! Da nimmt sich der Dichter von Anfang an zurück. Er weiß, dass schon das Verlangen nach Glücksewigkeit unsinnig ist. Wir sterben mitten im Leben, wenn wir so ein totales Paradies finden - den wahren Himmel müssen wir auf Erden erleben!


Ein zweites Gedicht, das mir auch sehr gefällt, zitiere ich nur, es ist der Wintermelancholie gewidmet. Die Verse sprechen für sich:


der zönobit flieht

novemberlich wo pappelspitzen
sich im fernen wind verweben
zum abendgrauen auch der keller
steht im nebel und der garten
stürmt dem nackenfall entgegen

ich suche schwarzbemäntelt
den hut ganz starr und
halbwegs vorm gebälk Hinter
eisernem gestrüpp Und dem
halbmond rinnt die blässe vom

gesicht Vielleicht tritt meine
vene aus der wund gewordnen
haut Da weit die münder
scharrten schliffen sie noch
verwegen über farblosen asphalt

violett stürmt mir die kehle
und blau läufts aus den augen
und was im vorvergangnen sommer
noch abbrach sowie erlosch der
kerze schrei'n Heuer doch zu viele

risse in mich atmet.

---

Ulrich Bergmann

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 AlmaMarieSchneider (09.05.08)
Sehr schöne Interpretation Bergmann. Es lohnt immer Deine Kolumnen zu lesen.

Schöne Pfingsttage
Alma Marie
Elias† (63)
(09.05.08)
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 Bergmann (09.05.08)
Meine Kolumne am nächsten Freitag thematisiert ReneKain,
in zwei Wochen Mondenkind,
in drei Wochen beneelim (ehem. alois5).
wupperzeit (58)
(09.05.08)
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