KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 02. Dezember 2008, 17:55
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Zur Poesie der Leerzeile

Die Lücke zwischen Worten, wenn sie mehr will als die bessere Lesbarkeit der Worte, ist partielle Leerzeile und gewinnt - je nach Kontext - Polyvalenz (mit und ohne Pünktchen oder andere Verdeutlichungen der Auslassung).

Da, wo eine Leerzeile mehrfach in gleicher Weise strukturiert (Absatz, Strophe...), 'reimt' sie sich gleichsam auf die vorhergehende. In diesem Fall kann man vielleicht doch von einer identischen Leerzeile reden wie bei identischen Reimen.

In der Nähe der leeren Leerzeile steht die ästhetische Leerzeile, die 'nur' der Textaufteilung auf einer Seite dient; die großzügige Leerzeile (auch doppelt, dreifach und mehrfach). Sie steht zwischen der strukturellen und der leeren Leerzeile.

Es ließe sich eine hierarchisch gegliedertes System der Leerzeilen formulieren - die Hierarchie hätte als Kriterium die Bedeutungsfülle (polyvalent bis absolut leer; die abolut leere Leerzeile wäre dann die Inversion der ästhetischen Leerzeile); hinzu kommen die verschiedenen Funktionen von Leerzeilen.

Interessant wäre dann auch die philosophische Herangehensweise an das bisher weitgehend linguistisch betrachtete Thema. Hier ginge es um die Meta-Leerzeilen. Als Beispiel nenne ich die (noch)

ungeschriebene Zeile,

die undenkbare oder unschreibbare Zeile,

die transzendente Zeile.

Es geht hier - versuchsweise - um eine Poetik der Leerzeile bzw. um eine Poetik des ungeschriebenen und/oder unschreibbaren Textes. Vielleicht stoßen wir damit in eine Poesie vor, der die Abhängigkeit der geschriebenen Sprache von der Zeichenhaftigkeit überwindet, dergestalt, dass etwa ein leeres Notizbuch einen Roman darstellt, der vollständig vom Leser abhängt. Damit wäre der Autor überwunden, der Leser souverän. Der gelesene Text, der aus unendlich vielen Leerzeilen besteht, erreicht somit absolute Polyvalenz. Letztlich enthielte so ein Text aus unendlich vielen Leerzeilen nichts Geringeres als die Menge sämtlicher geschriebenen und ungeschriebenen Romane oder Gedichte, d. h. aller Texte. Den eben erwähnten leeren Notizblock stelle ich mir als Spiralblock vor, den ich unendlich lange umblättern kann. Im Prinzip genügt ein einziges Blatt, die Spirale kann entfallen, weil ich das Blatt einfach umdrehe, wenn ich unten angekommen bin.
Wenn die Poesie der leeren Zeile allgemein funktioniert, ist die herkömmliche Poesie aufgehoben. Vielleicht ist dann das Leben selbst zur Poesie geworden, sodass der Leser, der der Poesie der leeren Zeilen folgt, am Ende das Buch und damit alle Bücher fortwerfen kann. Er ist dann selbst zum Buch geworden und liest sich, indem er lebt.

[Angeregt durch einen preiswürdigen Thread, der weder in Off Topic noch im Gruselkabinett der schlimmsten Threads landete]

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Ingmar (20.01.09)
"Es geht hier - versuchsweise - um eine Poetik der Leerzeile bzw. um eine Poetik des ungeschriebenen und/oder unschreibbaren Textes. Vielleicht stoßen wir damit in eine Poesie vor, der die Abhängigkeit der geschriebenen Sprache von der Zeichenhaftigkeit überwindet, dergestalt, dass etwa ein leeres Notizbuch einen Roman darstellt, der vollständig vom Leser abhängt. Damit wäre der Autor überwunden, der Leser souverän. Der gelesene Text, der aus unendlich vielen Leerzeilen besteht, erreicht somit absolute Polyvalenz. Letztlich enthielte so ein Text aus unendlich vielen Leerzeilen nichts Geringeres als die Menge sämtlicher geschriebenen und ungeschriebenen Romane oder Gedichte, d. h. aller Texte. Den eben erwähnten leeren Notizblock stelle ich mir als Spiralblock vor, den ich unendlich lange umblättern kann. Im Prinzip genügt ein einziges Blatt, die Spirale kann entfallen, weil ich das Blatt einfach umdrehe, wenn ich unten angekommen bin.
Wenn die Poesie der leeren Zeile allgemein funktioniert, ist die herkömmliche Poesie aufgehoben. Vielleicht ist dann das Leben selbst zur Poesie geworden, sodass der Leser, der der Poesie der leeren Zeilen folgt, am Ende das Buch und damit alle Bücher fortwerfen kann. Er ist dann selbst zum Buch geworden und liest sich, indem er lebt."

paradox, aber - ganz ohne ironie - so isses!

ein wenig ne andere kurve wär auch vorstellbar: das endziel des lesens: die leere lesen, die eigenen geschichten in die leere proijezieren. die eigenen geschichten in die leere schreiben. selber schreiben. der leser ist der schriftsteller. dabei wollte er doch bloss lesen!

ingmar

 Bergmann (20.01.09)
Lieber Ingmar, ja - so verstehe ich es auch. Klar, dass dieser Gedanke eine Utopie bleibt. Beuys hat schon die Politik als Kunst gewollt, die Sozialplastik. Man sieht aber leicht, dass die Erfüllung der Utopie das Ende unseres sinnlich-sinnvollen Lebens bedeutet. So schlimm es zu sein scheint: Ohne Schmerz ist Leben kein Leben, sondern die Hölle der Langeweile, ohne Tod kein Leben, und der Himmel gar nicht wünschenswert - und unbewusste Glückseligkeit? Ich weiß es (noch) nicht. Herzlichst zurückgedacht: Uli
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