KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Donnerstag, 14. Mai 2009, 19:06
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DIE KLEINEN BIESTER

147. Kolumne

Da sitzen sie und schreiben die Zentrale Abschlussprüfung in der 10 in Deutsch. ZAP. Da entwickeln sie tatsächlich noch einmal etwas Ehrgeiz- hoffe ich. Wie ernst die Gesichter sind! Wie schön sie aussehen, wenn sie denken! Denken macht schön, ich weiß es aus eigener Erfahrung. Es ist eine lebenslange Aufgabe, ein Charaktergesicht zu entwickeln. Ich will doch nicht aussehen wie Leonardo di Caprio beim Untergang der Titanic, sondern wie ich selber. Ich bin ich und habe Ecken und Kanten im Gesicht, Linien vom Leben, und Schatten, die das Gesicht zu etwas Besonderem machen, eine Landschaft, durch die du mit deinen Augen wandern willst, ein Bild, das du lieben kannst. Eine Persönlichkeit, nicht wie Britney Spears, so gestylt und zusammengehalten von Stretch-Hose und gelifteten Brüsten, darüber ein Kindweibgesicht, eine Mischung aus Engel und Nutte, Himmel und Strich, ohne jede tiefere Bedeutung. So sehen die schreibenden Schüler der 10A heute nicht aus, nicht wie hohle Medienköppe, Strohpuppen und Mucki-Macchos.

Da schreiben sie und schauen ernst aus ihren Augen und sehen tatsächlich gut aus, denke ich, frisch, jung - und ich glaube, auch das Talent gibt sich oft eine äußere Schönheit schon in diesem zarten Alter, auch die haben schon eine kleine Landschaft im Gesicht, haben ja auch schon dies und das erlebt, kennen Trauer und Angst, Hoffen und Bangen, Trennung der Eltern, schulisches Versagen, Einsamkeit, Computersucht, falschen Ehrgeiz, Kritik und Tadel, ein bisschen Mobbing, den Tod der Großeltern, und den kleinen Schmerz der Erkenntnis: Scheiße, ich bin kein Albert Einstein, kein Ballack, keine Madonna, kein Bushido, kein von und zu Guttenberg, und im Grunde bin ich froh, wenn ich später mal meinen Bachelor schaffe oder Master.

Potential ist da! Das ahne ich, das sehe ich. Manches aber weiß man noch nicht. Wer weiß, vielleicht wird unter diesen kleinen Bestien doch eines Tages eine bedeutendere Karriere entstehen. Das wird nicht unbedingt der oder die mit den besten Noten sein. Ich schaue mich um… Da hinten, Daniela, meine geliebte Feindin, die mich immer so gern kritisiert, die hat Power in der Zunge, die kann loslegen, wenn es ihr drauf ankommt. Wird vielleicht mal Abteilungsleiterin bei Telekom und macht die männlichen Don Juans zur Schnecke… Oder Anne, die redet jeden unter den Tisch, die macht dich besoffen mit ihren Argumenten, die wäre was für die Politik, denke ich, ganz bestimmt belebend in der derzeitigen Berliner Konzentration von Langweilern.

Da sitzen sie, alle diese Kommunikaze-Süchtigen, und sind endlich einmal stumm, fast wie kleine Philosophen. Si tacuisses, philosophus mansisses, fällt mir ein. Aber sie können nicht schweigen, ihr Sprechen ist ein einziger Automatismus, und sie wissen nicht, was sie sagen, wissen nicht, was sie sagen sollen, deswegen reden sie ja so viel. Denn dann ist vielleicht ein Satz dabei, ein Gedankenblitz, eine Idee, die funkelt. … Da sitzt Dede, der funkelt nicht so schnell. Wenn alles gut geht, funkt es mit der Lichtanlage im Theaterkeller, aber ob er ein Intellektueller wird, frage ich mich - das will er bestimmt selber eher nicht.
Ja, ihr kleinen intellektuellen Biester! Immer wenn ihr über euren eigenen Vorteil reflektiert, lauft ihr zur Höchstform auf. Da glitzern die 31 Festplatten wie Brillanten. … Oder Flocke… Sitzt da wie Schnee, weiß und unschuldig, weich und kristallin, taut nicht. Gehört zu den wenigen Gutmütigeren hier, denkt gern in sich hinein, träumt vom Himmel, der ihn erzeugt, träumt vom Flockengeschwader, das zur Erde niederfällt, und manchmal auch vom Flöckchen, das ihn berührt mit zarter Stimme: Schmilz, Flocke, schmilz! … Der Streetboy in der zweiten Reihe, der Junge mit den wachen, lebendigen Augen, der vor lauter Selbstverliebtheit durch sein junges Leben tanzt, schreibt unter allen hier wohl am leichtesten, er ist komplett entspannt und denkt, schreibt, träumt, beobachtet und genießt die Anbetung der Liebenden - multitasking! Typisch Mann! Wir Männer können alles. Frauen tun nur so. Daniel lebt gern, er lässt lieben, die Mädchen mögen ihn, sie wollen das Spiel der Herzen, auch wenn sie die ersten sind, die weinen, wenn das Porzellan zerbricht.

Die Köpfe sprechen, auch wenn sie schweigen. Die Augen reden immer, die Lippen sind geschlossen, aber der Mund nimmt Haltung an und spricht symbolisch. Die Körpersprache bekennt den Inhalt der Seele, der Herzen und der Bauchgefühle. Aber kann ich wirklich hinter die Schädelknochen schauen und lesen, was in den grauen Zellen los ist, welche elektrischen Ströme in den Ganglien der Gehirne fließen und was sie bedeuten? Gedanken und Gefühle - schwer zu erkennen. Ich vermute, oft wissen die Youngster selber nicht, was sie denken, so sehr flüchten ihre Gedanken in die Deutungsvielfalt der Ironie. Sie lernen ja noch den Ernst, das geht nur über Unernst, Albernheit, Nonsense, über Gegenwelten und Antithesen. Das Eigentliche erreichen sie über das Uneigentliche - wenn sie dort nicht stehen bleiben, sondern diesen Prozess als dialektische Bewegung nutzen.

Kleine Biester… Ich sehe sie aus der Perspektive der großen Bestie, die immer noch lernt, ein Mensch zu sein und keine animalische Selbstentfaltung der Natur. Ich kann’s auch anders sagen: Ihr verliert eure Kindheit, ihr häutet euch nur, ihr werft die Schale der Unschuld ab. Das ist alles. Anders geht es nicht. Euer Egoismus wandelt sich, stuft sich empor, steigt auf in die höchste Liga: Ihr werdet erwachsen, reif fürs kollektive Handeln. Identität ist das Ziel, und bald klappt es dann auch, vielleicht schon morgen…

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (29.05.09)
Haha, sehr lustig!

Hat ein, zwei Längen, finde ich, gefällt mir aber ansonsten gut.

Im Abschluß hätte man den überbordenen Optimismus vielleicht etwas ausbremsen sollen. Seien wir doch ehrlich: 99,9% der Schüler enden als langweilige Ingenieure, Sachbearbeiterinnen mit Plagen am Hals, Häuschen im Grünen, Töle und ein nicht abbezahlter, hässlicher, aber dafür umso teurerer Kombi. Das ist nun mal normal. Um da auszubrechen, das schafft auch die meisten der Generation nicht, die nun gerade bei Abi und/oder "ZAP" sitzt.
wupperzeit (58)
(02.06.09)
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