KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Montag, 30. November 2009, 19:15
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Melancholische Heiterkeit - Owald. II. Lyrik (33)

174. Kolumne


Der berühmte Verfasser der wissenschaftlichen Abhandlung „Das Spannbettlaken in der Literatur“, schon 1977 geboren, ist, wie er selbst sagt, „von Beruf Profi und z. Zeit tätig als Amateur“. Genauer lässt sich die Aufgabe (und die Bestimmung!) des Künstlers kaum definieren. Owald kommt aus Nordrhein-Westfalen, das liegt im Westen Deutschlands. Seine Muttersprache ist Deutsch, heißt es in einer volksliterarischen Internetseite. Bescheiden sagt dort Owald über sich selbst: „Bildungslücken? Damit kenn ich mich nicht aus.“ Mich erinnert dieser Satz an Sokrates’ Satz aller Sätze: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber Sokrates ist Sokrates und Owald ist Owald. Gott sei Dank nicht umgekehrt! O hätte der große Philosoph doch nur - utinamque! - die tiefe (ja die Tiefe der) Gelassenheit und die didaktisch so zwingende Heiterkeit Owalds! Der kategorische Imperativ Kants wäre längst existente Realität, jedenfalls in der Liebe, dem Trost- und Rechtfertigungsgrund unseres gesellschaftlichen Seins, wenn wir uns die Humanität anverwandelten, die aus den Owaldinischen Versen tönt und an unsere Ohren klopft.

Nicht nur Verse! Owald kann mehr! Ich werde nie vergessen, wie er - eine Art Inversion Jovanesker Extrovertiertheit - die Tasten des Keyboards anschlägt, als klopfe er elegische Daktylen auf den bloßen Rücken der Geliebten… Der Weg seiner Akkorde und Sonanzen geht nur scheinbar nach außen, in Wirklichkeit schickt Owald die Töne auf eine Umlaufbahn durch die Ohren der Hörer, damit die Rezipienten den weg nach Innen gehen. So ist es auch mit den Versen, die wir lesen.

Die Liebe ist das Fundament unseres Lebens, sagte ich. Ich verifiziere die These mit einem der schönsten Liebesgedichte, die Owald je schrieb:


Liebesbrief, beinahe

Ich schreibe einen Liebesbrief.
Es will mir nicht gelingen.
Ich kann die Worte, die ich rief,
nicht recht in Stellung bringen.

Denn wie ich sie auch schieb und füg,
sie wolln nicht richtig passen,
sooft ich sie auch tausch und bieg,
sind sie doch nicht zu fassen.

Was ich mit ihnen sagen will,
umschreiben sie nur vage.
Sie sind zu schwach, sie sind zu still,
sie sind nicht in der Lage.

Wie ich mit Worten auch jonglier,
sie puzzle und verbinde,
erzählen sie doch nichts von Dir,
von dem, was ich empfinde,

wenn ich Dich seh, wenn ich Dich fühl,
wenn ich in Dir vergehe.
Nein, Worte sind da viel zu kühl,
sie sehn nicht, was ich sehe.

So geb ichs auf und laß es sein.
Da gibts nichts zu erörtern.
Das, was da reinmuß, paßt nicht rein,
zumindest nicht mit Wörtern.

Kein Brief kann sagen, was zu Dir und mir zu sagen bliebe.
Der reichte nicht, selbst wenn ich hunderttausend Seiten schriebe.

(Das ist wohl wirklich: Liebe.)


In der Verkleidung eines Liebesgedichts, in der Maske des Lebensthemas, formulieren die Strophen die Skepsis des gebrochenen Menschen unserer Zeit. Seit Hofmannsthals Brief des Lord Chandos kann kein Dichter mehr der Sprache trauen - er ist ihr ausgeliefert wie der Sklave seinem Herrn oder, um den politischen Aspekt der Herrschaftssprache und Sprachherrschaft biologisch zu akzentuieren, wie ein Mann weiblicher Verführung. „Kein Brief kann sagen“, sagt Owald, „was zu Dir und mir zu sagen bliebe…“ Beachtlich ist an dieser Stelle, dies aber nur nebenbei, der subtile Einsatz der Groß- und Kleinschreibung: Das geliebte Du ist sprachlich unerreichbar groß, während das Ich sich nicht aufzurichten vermag, um auf gleicher Zungenhöhe gegenseitiges Verständnis zu erreichen.
Der Autor spielt zudem mit der Form, mit der Gattungszugehörigkeit seiner liedhaften Strophen. Erst nennt er sie „Liebesbrief“, schränkt dies aber sofort wieder mit einem modernistischen Epitheton ein: „beinahe“. Danach schwächt er noch einmal ab: „Text“ nennt er die gereimten Verse. Aber damit noch nicht genug: Nach ziemlich streng gebauten 6 Strophen folgt nicht etwa die vollendende 7. Strophe, sondern ein zweizeiliger Prosa-Abschluss, der allerdings das Reimprinzip dialektisch aufhebt: Er hebt es auf und bewahrt es zugleich dennoch. Der Klammer-Zusatz zeigt mit Worten auf das Unsagbare der Liebe. So findet dieses Gedicht sein Happy-Ending nicht innerhalb seines wortreich eingestandenen Sprachscheiterns, sondern in einem Post-Scriptum - genauer: Post-Dictum. In einer anderen Sprache verwirklicht sich Liebe: In der physisch-physiologischen Anbetung einer ästhetizistischen Sphäre, einer wortlosen Syntax der Zunge. Damit ist die Grammatik der Liebe natürlich noch nicht vollständig beschrieben. Owald weiß das. Ich bin sicher, er hat seinen Wittgenstein gelesen: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Aber in der 6. Strophe deutet er wenigstens an, durch welche Kraft die verbale Sprachunfähigkeit ersetzt wird. Ich vertraue hier ganz auf die Vorstellungsgabe der Leser. Immerhin wird deutlich, dass Sprache auf Bedeutungen hinzeigen kann. Dies geschieht in der Verschiebung des Sprach-Spiels in die Uneigentlichkeit der Ironie. Das ist ein Trick, um in der Maske der Verfremdung das anzudeuten, was eigentlich nicht mehr sagbar ist. So gesehen sind wir nicht dazu verdammt, völlig sprachlos zu sein. Alles in allem: Ein tiefes Gedicht! O Wald der Wörter!, ruf ich aus, du stehst so schwarz und schweige, ich bin doch nur in dir zu Haus, wo ich mich grün verzweige…


Dann reißt die Zeit.

Skizze zum Thema Unfall

In diesen Tagen sind verstaubte Lieder
in meinem Kopf, die leise leiernd klagen,
die fast vergessnes Sehnen mit sich tragen,
die mich betören, fesseln und dann wieder

zerschmettern, auf die feine, leise Weise.
Mein Werden tönt aus einem Grammophon,
die ganze Welt besteht aus schierem Ton.
Ich klinge mit und kreise, kreise, kreise.

Dann reißt die Zeit. Vorbei das Klingen.
Die Platte bricht, die Nadel sticht ins Leere, und mir bleibt nur, selbst zu singen
vom Werden und vom Sehnen, von den ausgeperrten Fragen,

doch tonlos stockt mein staubverstopfter Mund.
Ich laufe nicht mehr rund
in diesen Tagen.


In diesem Gedicht erleben wir den Autor nur noch sehr verhalten im Ton eines heiteren Selbstzweifels: Erst am Ende kippt das eigentlich (fast) Tragische ins uneigentlich Komische: „Ich laufe nicht mehr rund“, sagt das verwirrte Ich, indem es mit dem Plattenspieler eins wird. Auch hier wird Sprachlosigkeit als Grund eines großen Unbehagens genannt: „…tonlos stockt mein staubverstopfter Mund…“ Der Titel komplettiert nun endgültig die Gesamtaussage: Es geht um das Fallen aus der Welt, um Entfremdung in einem Leben, dem die Kontinuität der Person genommen wird. Indem die Zeit reißt, zerbricht die Identität.
Ich halte diese Verse für ernst - die Maske der Heiterkeit verdeckt nicht die ernste Wahrheit dieses Gedichts. Da fällt einer aus der Sicherheit seiner Erinnerungen heraus, das Fundament der Vergangenheit trägt nicht mehr die schwere Gegenwart.
Mir gefällt der Kreislauf - oder die Spiegelung - der Vergangenheit zur Gegenwart. Die Lieder der Vergangenheit bestimmen zu Beginn das Denken sozusagen von außen, vom harmonisch Gelebten, vom gut Erfahrenen. Dann aber tritt eine Krise ein, vom Sehnsucht nach Wiedererlangen der erfahrenen Harmonie ist die Rede, die alten Lieder taugen nicht mehr. Die gegenwärtige Leere oder die neue Herausforderung macht mutlos. Der Sehnende wird zerschmettert von seiner Vergangenheit, die er innerlich nicht losklassen kann, obwohl er sie vermutlich schon verloren hat. Er singt das alte Lebens- oder Liebeslied, aber er dreht sich nur im Kreis, kommt nicht weiter. „Dann reißt die Zeit“, heißt es noch einmal im Gedicht, die Erinnerung zerbricht, das Ich will „singen vom Werden und Sehnen“, will die Vergangenheit in der Gegenwart neu erschaffen - und scheitert an den „ausgesperrten Fragen.“ - Eins der besten Gedichte, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Die Wörter laufen so leicht und elegant an den Reimen entlang, dass ihre Bedeutungen fast unbemerkt durch die Ohren gehen. Die Leichtigkeit, mit der hier Tiefe ausgelotet wird, ist das Geheimnis der Schönheit solcher Verse.


Zum Schluss zwei Gedichte, die den heiteren Owald zeigen:


Abriß

Still gräbt sich der Bagger weiter.
Ein Gerüst fällt von der Leiter
in das Loch. Entschlossen klaffen
meterweit, um Platz zu schaffen,
Räume zwischen Licht und Licht.
Morsche Pfeiler tragen nicht.

Gelb rinnt Gleichmut von den Planken,
die im Nordwind zeitlos schwanken.
Trüber Sinn will beim Erblinden
schwachen Trost im Schwinden finden,
windet sich im warmen Schutt.
Was nicht heil wird, geht kaputt.

Auf dem Bauzaun sitzen Raben,
die sich nichts zu sagen haben.
Nur der eine, alte, weise,
dreht sich um und flüstert leise,
sagt zu seinem Hintermann:
Morgen fängt der Winter an.


Das Alltägliche wird zu Beginn anscheinend nüchtern geschildert, aber schon bald verwandeln sich die einfachen Wirklichkeiten in Bilder, kleine bunte Nebel bedeuten nichts und alles: „Räume zwischen Licht und Licht“. In der zweiten Strophe werden die Bilder schwerer: „Gelb rinnt Gleichmut von den Planken…“ - die Schilderung geht nach innen, und die Baustelle wird zum Seelenplatz, vom Schwinden und Vergehen ist die Rede, da haben wir die Vergänglichkeit des Menschen. Aber dieser Ernst ist hier nur gespielt. In der dritten und letzten Strophe tauchen auf einmal Raben auf, Fabeltiere an Stelle des Menschen. Deren Weisheit kündet von der Tautologie des Lebens: „Morgen fängt der Winter an.“ Jetzt wird die Metapher der Vergänglichkeit zurück gebogen ins Banale, das wirkt komisch. Diese Komik schließt aber an die zuvor gewählte Hintergründigkeit wieder an: Der Mensch ist eine Baustelle. Am Ende heißt es: Abriß! So geht es uns allen. Es gibt nichts Banaleres als diese Wirklichkeit.


Stimmungsbild mit Schafherde

Naturgedicht zum Thema Melancholie

Die Sonne scheint vom Firmament
auf Ginsterbusch und Wiese.
Und unterm Sonnenschirmament,
da blöken Schafe pirmanent.
Vergnügt und froh sind diese.

Doch bald legt schon die Dämmerung
sich sacht auf Wald und Heide.
Die Schafe spürn Beklemmerung.
Dies führt zur leichten Hemmerung
der Stimmung auf der Weide.

Dann schließlich kommt die Finsternis,
die Heide liegt im Schlafe.
Nur hinten, dort, am Ginsternis,
da wacht ein Nachtgespinsternis.
Daneben schlafen Schafe.


Ich beende meinen Gang durch Owalds Gedichtegalerie mit einem kurzen Blick auf sehr wortspielerische Verse. Jede Strophe ist streng gebaut: Im jeweils ersten Vers wird das Schwinden des Lichts beschrieben: Sonne, Dämmerung, Finsternis, im zweiten Vers der Ort. Die dritten und vierten Verse sind die wortspielerischen, mit Reimbezug zum ersten Vers. Im jeweils letzten Vers wird die Stimmung der Schafe - in Verbindung mit der Natur, die beim Dunkelwerden immer unheimlicher wird - in abnehmender Reihe beschrieben. In der mittleren Strophe gelingt das semantische Wortspiel besonders gut: Dämmerung - Beklemmerung - Hemmerung. Umrahmt wird diese Strophe von romantischer Ironie und ironischer Romantik. Apollinische Helle paart sich mit dionysischem Rausch: Anfangs Blöken im Glückstaumel, zuletzt wird Schaf zu Schlaf. Ich will nicht behaupten, dass die drei bukolischen Strophen einer Auseinandersetzung mit Nietzsches Schrift „Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“ entspringt - aber man kann sie so lesen! Derlei Seiltänze des Lyrikers Owald begeistern mich, solche Grattänze zwischen ernst und heiter, bei denen der Ernst, ohne an Gewicht zu verlieren, wunderbar leicht wird!


Ulrich Bergmann, 30.11.2009

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Theseusel (04.12.09)
Joghi schrieb mal über ihn und seine Dichtung (inhaltlich)
"Er ist ein gutes Stück Liebe!"

 Dieter_Rotmund (04.12.09)
Mich hätte mehr über „Das Spannbettlaken in der Literatur“ interessiert...

 Isaban (04.12.09)
Eine sehr gelungene Rezension, lieber Uli.
Und zu Owalds Gedichten: Wer könnte sich solchen Versen gänzlich entziehen?
Das einzig Bedauerliche ist, dass er uns so selten ein neues Stück O'Lyrik gönnt.

 AlmaMarieSchneider (04.12.09)
Ich schließe mich Isaban an lieber Uli. Da macht Lesen Spass.

Schöne Adventstage
Alma Marie

 Owald (07.12.09)
Lieber Uli,

vielen Dank für diesen ausführlichen und wohlwollenden Artikel!
Ich hätte ja nie gedacht, daß meine Gedichte so tief und schlüssig interpretierbar sind.
Melancholie und Heiterkeit sind, glaube ich, verwandt; beide enthalten je ein Quentchen des anderen. Sie sind eben nicht Depression und Überschwang. Oder so ähnlich.
Das Reizvolle am Spiel mit diesen beiden Polen (oder wie man sie nennen will) ist ja, daß die Wahrnehmung beim Leser oft anders ist als bei mir und bei verschiedenen Lesern wieder verschieden und so weiter. (Ich finde z.B. "Abriß" nicht sonderlich heiter, trotz der flapsigen Formulierungen.) Und am Ende kann man es eben so und so lesen, und es bleibt letztlich jedem Leser selbst überlassen, ob er da eher Heiterkeit oder eher Melancholie im Vordergrund sieht. Fast wie im echten Leben eben. (Davon abgesehen finde ich es - zugegeben - beim Schreiben oft ganz bequem, mich nicht festlegen zu müssen .)
Nietzsche habe ich übrigens nicht gelesen, Wittgenstein auch nicht, aber ich kenne da eine wunderbare  Vertonung.

@Dieter_Rotmund: "Das Spannbettlaken in der Literatur" heißt eigentlich "Kleine Kulturgeschichte des Spannbettlakens", ist ein Witz und ist auf meiner Autorenseite zu finden.

@Isaban: Sämtliche neue O'Lyrik landet unverzüglich bei kV. Ich schreibe nur deshalb so wenig, weil ich die Erfahrung gemacht habe, daß sich neue O'Texte nicht so einfach erzwingen lassen. O'leider. Deshalb dauert's gelegentlich *hust* etwas o'länger.

@alle: Liebe Grüße!

O.
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