KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 25. August 2010, 11:22
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EINE REISE NACH PEKING (von AZU20)

194. Kolumne

von AZU20

Eine Reise nach Peking - einige ganz persönliche Anmerkungen

Eine Stadt voller Gegensätze, die aber viele Geheimnisse nicht lange für sich behält, erwartete uns. Wir lernten schnell: Fußgänger sind das schwächste Glied in der Kette. Vor ihnen rangieren Bus, Taxi, PKW, Motorrad, Moped und Fahrrad. Ein Gang auf den Zebrastreifen bei rot oder grün ist völlig ungefährlich, wenn man Linksabbiegern und versprengten Fahrzeugen aller Art nicht die Vorfahrt nimmt. Selbst Fahrradfahrer haben es auf dem Weg zum nächsten Einsatz so eilig, dass sie sich die Betätigung von Bremsen, sofern es überhaupt welche gibt, nicht leisten können. Hupen (wovon häufig Gebrauch gemacht wird) bedeutet: Achtung, hier komme ich. Auf diese Weise kurven die Fahrzeuge in Fünferreihen und mehr umeinander herum und halten den Verkehr mit aberwitzigen Manövern aufrecht. Meine unbewiesene Theorie: Die Menschen erkämpfen sich unter den geschlossenen Augen der Polizei zumindest hier schon einmal ein Stück Bewegungsfreiheit.

Für Langnasen ist Peking nicht nur wegen der vielen, außergewöhnlichen Sehenswürdigkeiten, über die jeder Reiseführer ausführlich berichtet, ein Schlaraffenland, sondern auch wegen des exquisiten Essens (weder Hund noch Katze) und der paradiesischen Preise. So kostet eine Fahrt mit dem Taxi quer durch die Stadt (so groß wie Thüringen) etwa 10 Euro, ein Essen mit allen Feinheiten der chinesischen Küche schlägt einschließlich Getränken mit 7 Euro/Person zu Buche.

Wüsste man es nicht besser, so erschienen dem Besucher, nachdem er sich einer Kontrolle wie auf unseren Flughäfen unterzogen hat, die gertenschlanken Jungs in Uniform auf dem Platz des himmlischen Friedens beim lautlosen Einholen der Fahne wie Spielzeugsoldaten. Wir fragten uns, was die zwei Wachen vor den Botschaften im Ernstfall ausrichten könnten. Im Übrigen fehlten Uniformierte im Straßenbild fast völlig, es sei denn sie hielten mit Schaufel und Besen die Stadt sauber.
Im Stadtbild überwiegen schlanke, junge Menschen (70 % sind unter 40 Jahre alt). Wir sahen keinen einzigen Übergewichtigen in 14 Tagen trotz Pizzahut oder McDonald’s hier und dort. Die Parks beherrschten neben Spaziergängern Sängerinnen und Sänger (allein oder in Chören), Schattenboxer und Tänzer mit oder ohne lange, bunte Bänder.

Eine Stadt im Umbruch. Die alten Stadtteile (Hutongs), teilweise heruntergekommen oder abgerissen, teilweise liebevoll restauriert, Hochhausviertel aus dem vorigen Jahrhundert und Bereiche mit modernsten Glaspalästen, wo Architekten aus aller Welt ihre Spuren hinterlassen.
Die kommunistische Partei versucht ganz offensichtlich, oft mit rabiaten Methoden (aller Grund und Boden gehört dem Staat), den Spagat zwischen Machtkonzentration und moderner Marktwirtschaft. Ich glaube nicht, dass sie sich auf längere Sicht wird halten können. Der Lebensstandard steigt, aber schon klafft auch in China die Lücke zwischen den Gewinnern der Entwicklung mit ihren Porsches, Audis und Mercedes, den Menschen, die gewissermaßen als Ich- AGs vielfältig ihre Dienste anbieten, und denen, die bettelnd versuchen, am Leben zu bleiben.

Erstaunt waren wir darüber, welch reiches geistliches Leben sich wieder in den Klöstern entfaltet (Buddhismus, Taoismus). Konfuzius steht vor allem bei jungen Leuten hoch im Kurs. Vor den Statuen in den großen Klosterhallen entzünden sie ihre drei Räucherstäbchen und fallen in tiefer Frömmigkeit auf die Knie. Gespräche mit Mönchen zeigten uns, dass dem Regime am Aufblühen dieser Religiosität gelegen ist (Opium fürs Volk?).
Auffällig war auch, dass jeder Zweite, den wir ansprachen, auf Englisch antwortete (Englisch ist erste Fremdsprache). Die Karten in den Restaurants waren überall zweisprachig, Hinweise in Bussen und Bahnen und in den Kaufhäusern ebenfalls. Wenn wir hin und wieder dennoch nicht weiterwussten, erhielten wir spontan jede Hilfe, die wir brauchten.

Letzte Anmerkungen: Blonde Menschen ziehen die Blicke der Chinesen magisch auf sich. Autos fahren auch bei angehender Dunkelheit grundsätzlich ohne Licht, Fahrräder während der ganzen Nacht. Dafür wird im Straßenbild in beispielloser Verschwendung so gut wie alles beleuchtet. Wer auf den Märkten nicht handelt, bezahlt den zehnfachen Preis.
Ein Wort noch an Dieter_Rotmund: Der Sack Reis steht wieder.

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 AlmaMarieSchneider (23.04.10)
Ein toller Bericht. Ja, das Gesicht chinesischer Städte wandelt sich und es wandelt sich fast etwas zu schnell und zu radikal. Ich vermisse dort immer etwas meinen geliebten Salat. In diese Richtung stockt noch die Küchenkultur.

 Dieter_Rotmund (26.04.10)
[Titelzeile:]
"Sack Reis steht wieder"
[Unterzeile:]
"Deutscher Kolumnist berichtet Ungeheuerliches aus China"

Danke für den Hinweis, der entsprechende Artikel (s.o.) für die Lokalredaktion ist bereits in der Vorbereitung!
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