KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 31. Dezember 2010, 00:43
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Adorno und Celans Todesfuge

230. Kolumne

... Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng ...

Nach Auschwitz noch Lyrik zu schreiben, sagt Adorno, sei barbarisch. „Durchs ästhetische Stilisierungsprinzip ... erscheint das unausdenkliche Schicksal doch, als hätte es irgend Sinn gehabt; es wird verklärt, etwas von dem Grauen weggenommen; damit allein schon widerfährt den Opfern Unrecht.“ (Theodor W. Adorno, Noten zur Literatur III, Frankfurt am Main 1965. S. 127)

Sprechen Adorno und Wackenroder („Phantasien über die Kunst“, Ein Brief Joseph Berglingers) von derselben Dichtung? Wackenroder schreibt: „Die Kunst ist eine verführerische, verbotene Frucht; wer einmal ihren innersten, süßesten Saft geschmeckt hat, der ist unwiederbringlich verloren für die tätige, lebendige Welt. Immer enger kriecht er in seinen selbsteignen Genuß hinein, und seine Hand verliert ganz die Kraft, sich einem Nebenmenschen wirkend entgegenzustrecken...“
Gefühl teilt sich über Gefühl mit. Geht dabei etwas verloren? Kann nicht sogar etwas hinzugewonnen werden? Abgesehen davon, dass selbst unpolitisch gemeinte Kunst gar nicht anders als eben in ihrer politischen Relevanz rezipiert wird und wirkt (dieser Gedanke fehlt bei Wackenroder), wird doch gerade durch die ‚Verklärung’ ein anderes, bisher so oder überhaupt noch nicht Erkanntes klar, und es ist zu bezweifeln, ob berichtende oder essayistische Prosa oder geschichtliche Quellen jeder Art dieses neu Erkannte zu vermitteln vermögen.
Natürlich geschieht dies teilweise durch ästhetische Stilisierung. Ich habe den Verdacht, dass Adorno bei Celans Gedicht angesichts des lyrischen Gegenstands einen eng eingeschränkten Begriff von Ästhetik hat, den er in der traumatischen Zeit nach den Auschwitzmorden benötigte. Jeder Stilisierung aber geht der Reflex von Gedanken und Gefühlen voraus, sie ermöglicht die richtige Vermittlung der Intention.

Als ich gerade zu studieren begonnen hatte, hörte ich Vorlesungen über Realismustheorien. Das war 1970. Es war eine Zeit, in der die Professoren es schwer hatten, wenn sie ihre Lehre nicht gesellschaftspolitisch legitimierten. Benno von Wiese, Nestor der Bonner Germanistik, lehnte die neue Mode der Vorlesungs-Rechtfertigung ab. Was der sehr bürgerliche alte Herr, der stets mit Fliege am Pult stand, sagte, galt vielen von uns als Schwafelei. Der Professor behandelte in seinen Vorlesungen Georg Lukács, als Celan starb. In der Vorlesung nach Celans Freitod erklärte Benno von Wiese, ihm sei ein Freund gestorben, und trug die Todesfuge vor, das größte Gedicht seit 1945, sagte er, sonst nichts, und beendete die Vorlesung. Ich kannte damals das Gedicht nicht. Die Musikalität der ineinander gefugten Motive berührte mich, der Inhalt wurde noch intensiver, und ich spürte, dass ich die Folgen des Faschismus dergestalt mitzuverantworten habe, dass nie wieder auf deutschem und auf europäischem Boden ein neues Auschwitz möglich werde.

Ist es nicht die Voraussetzung jeder Tätigkeit, dass ich bewusster werde, dass ich mein Bewusstsein mitteile? Ist nicht auch die Bestätigung vorhandenen Bewusstseins durch die Literatur genug, um Poesie für legitim zu halten? Gehört zum Bewusstsein nicht auch das Gefühl wie ein Kleid der Gedanken?

Klar ist auch: Adornos sehr verständliche Skrupel fordern immer wieder die Verantwortung des Poeten gegenüber dem Wort.

[An Julia Riepe 25.3.1982]

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag

tausendschön (33)
(31.12.10)
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 Bergmann (31.12.10)
Manchmal muss man verlieren, um gewinnen zu können. Die Diskussion in der Zeit über die Zeit der Geschichte ist immer dialektischen Verwerfungen ausgesetzt.
Adorno steckte in seiner Zeit - mehr als wir. Wachsam müssen wir sein, aber es darf kein Thema geben, das die Lyrik ausklammert. Celan, der ja kein Romantiker war, nahm das für ihn als Jude besonders schwere und schmerzliche Thema in seinen Band "Mohn und Gedächtnis" auf, obwohl er es in seinem Leben nicht bewältigte, es war einer der Gründe für seine Selbsttötung. Ich denke, du verwendest hier den Begriff der Romantik nicht differenziert genug und nicht adäquat.
Eine ähnliche Diskussion gibt es im Zusammenhang mit Herta Müllers "Atemschaukel" - Iris Radisch verurteilte den Roman, der Oskar Pastiors Erlebnisse verdichtend erzählt. Ich habe Herta Müller verteidigt. Siehe meine Kritik bei poetenladen.de (am schnellsten zu finden unter meinem Namen).

 loslosch (01.01.11)
... Jeder Stilisierung aber geht der Reflex von Gedanken und Gefühlen voraus, sie ermöglicht die richtige Vermittlung der Intention ...

Ein wichtiger Gedanke aus der Kolumne. Man hätte ihn Adorno vorlesen sollen. Er schrieb seine Lyrik-Kritik als Traumatisierter, wohl auch in depressiver Stimmung. Und man hätte ihm sagen können: Der Vatikan hat doch 1945 mit seiner Verkündigung weiter gemacht. Obwohl: Diesen Schuh hätte er sich nicht anziehen wollen ...

Zu Celan: Ich finde zuhauf Plagiatsvorwürfe. Am meisten beunruhigt der schützende Hinweis der unverdächtigen Rose Ausländer, "Schwarze Milch der Frühe" habe sie 1925 formuliert (erst 1939, weit vor der Todesfuge, veröffentlicht) und freue sich, dass der große Celan das aufgenommen und eigenständig verarbeitet habe.

Anmerkung zu Benno von Wiese: Der soll in der Nazizeit ein Opportunist mit vorauseilendem Gehorsam gewesen sein. Zweifellos ein Germanistik-Experte, so wie Erich Trunz, aus dem gleichen Holz geschnitzt. Wusstest Du eigentlich, Uli, dass ich Vorlesungen des Vaters von Benno von Wiese (Jg. 1903) Anfang der 1960er besucht habe? Es war Leopold von Wiese und Kaiserswaldau, Nestor der deutschen Soziologie, Jg. von Adenauer, 1876. Der alte Herr las noch mit 86. Die Geste von Benno von Wiese 1970 mag auch etwas von seinem schlechten Gewissen ausdrücken, als Akt verdeckter Reue - wenn er zu dieser Gefühlsregung fähig war. Lothar
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