KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Samstag, 04. Mai 2013, 00:46
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Melancholische Lebensbejahung: Unsere kleine Stadt (Stücke 4)

351. Kolumne

„Unsere kleine Stadt“ von Thornton Wilder

1938 in Princeton uraufgeführt, hat das Stück nicht nur in Amerika Theatergeschichte geschrieben: Wilder bedient sich einiger Mittel des epischen Theaters von Bert Brecht - durch die drei Akte führt ein Spielleiter, auf Requisiten wird bewusst fast ganz verzichtet, die meisten Requisiten werden nur mit Worten und Gestik imaginiert.
Das Stück zeigt den Alltag in einer kleinen Stadt: Familienleben, Kindererziehung, Schule, Geburt, Liebe, Heirat, Ehe, Tod in ausschnitthaften Episoden. Die handelnden Personen haben zwar eine berufliche Funktion und eine familiäre Rolle, aber sie sind fest eingebunden in eine enge bürgerliche Welt. Wilder sagt im Vorwort seines Stücks, es habe bei aller Durchschnittlichkeit und Begrenztheit von Szene und Handlung die leidenschaftliche Suche nach dem Sinn des Lebens zum Thema. Ein Junge und ein Mädchen verlieben sich (1. Akt: 1901) und heiraten (2. Akt: 1904), Emily stirbt (3. Akt: 1913) und darf für einen einzigen Tag, ihren zwölften Geburtstag, zurück ins Leben - freiwillig kehrt sie zu den Toten zurück. Sie hat erkannt, dass sie und die Ihren zwar zufrieden und glücklich, aber blind gelebt haben und sich der Einmaligkeit ihrer Existenz nie bewusst geworden sind. Auf ihre Frage: „Begreifen die Menschen jemals das Leben, während sie's leben - jeden, jeden Augenblick?“, antwortet der Spielleiter: „Nein“, und fügt nach einer Pause hinzu: „Die Heiligen und die Dichter vielleicht - bis zu einem gewissen Grade.“

Vielleicht erkennt ein junger Zuschauer, wie sehr dieses Stück ihn selbst in archetypischen Situationen spiegelt, und wie das alles in uns angelegt erscheint. Wir verstehen die Liebe ja auch schon, bevor wir sie wirklich erfahren, die Trennung vor der Trennung, den Tod vor dem Tod. Das ist eine geheimnisvolle Idee dieses Stücks … Die Szene vor und in der Eisdiele gehört zu den stimmungsvollsten, finde ich. Wir sehen eine wunderbare Emily, erst in ihrer mädchenhaften Frische bei der Verabschiedung von den Freundinnen, dann im Gespräch, wo sie George kritisiert und gekonnt in Weinen ausbricht, schließlich schmilzt sie dahin mit schmachtenden Blicken, als George ihr seine unbedingte Liebe erklärt. Er macht das gut, der Junge strahlt, hat enorm viel Charme, wenn er dabei unbefangen bleibt. Ich wünsche mir die Unterhaltung beim Eisessen ganz langsam gespielt, fast in Zeitlupe, damit die Atmosphäre der Ewigkeitsliebe so dicht wird, dass die Rollen mit den Zuschauern verschmelzen.

Auf Stühlen sitzen ganz in Weiß die Toten ... eine wunderbar ruhig und intensiv auftretende Emily strahlt Ernst aus – von leiser Trauer bis hin zur pathetischen Gebärde. Wenn sie im Hochzeitskleid dem Grab entsteigt, entsteht eine großartige Stimmung – noch ein Weiß kommt hinzu. Weiß ist in manchen Kulturen die Farbe des Todes, bei uns ist es die Farbe des Festes, der Reinheit. Die Toten schauen in unsere Welt hinein, sie sprechen in neutraler Stimmlage. Noch einmal räsoniert der Pessimist und wird zurechtgewiesen. Der Spielleiter spricht den Epilog mal im Pathos der Lebensbejahung, mal in vollkommener Distanz und schwebt in einer leichten Melancholie hin und her. Mit gemessenen Schritten misst er noch einmal den ganzen Raum des Theaters, der Welt, aus.

Ulrich Bergmann

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