Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Mittwoch, 25. Mai 2022, 19:32
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Hot

von  Dieter_Rotmund


Gastkolumne von  Browiak

Schon wieder einer dieser glutheißen Sommertage, unzumutbar schön. Mein Leben könnte wunderbar sein – wenn nicht Sommer wäre. Und Schwimmbad-Saison ...
Jedes Jahr das gleiche Elend: Meine Bikinis müssen den Winter über im Schrank eingelaufen sein. Bevor ich mich im Freibad sehen lassen konnte, musste ich erst einschlägige Ware für vollreife Badenixen shoppen ...
Also verbrachte ich gefühlte Stunden im stickigen Formaldehyd-Mief eines Kaufhauses und wischte in der Bademoden-Abteilung unengagiert Bügel für Bügel an den Stangen zur Seite, an denen der heißeste Shit der Saison hing: Trendige Bikinis, hippe Zweiteiler, modische Baderöcke, hautenge Badeshirts, alles … bis Größe 36. Wer keine superschlanke Gazelle im Teenageralter mehr war, dem blieben nur noch Burkinis und Einmannzelte in XXL, in dezentem Hornhautbeige oder keckem Krampfaderbleu.
Erhitzt und schwer atmend quetschte ich mich in eine der Umkleiden in Sarggröße, wo mir eine überengagierte Verkäuferin einen Baumwoll-Lappen durch den Vorhang reichte, den sie als „dunkelblauen Badeblazer“ bezeichnete: „Der passt mega zu dem hellblauen Vintage – Badekleid aus den Fifties mit den weißen Polkadots! Schlüpfen Sie ruhig mal rein!“, gurrte sie vor meiner Kabine. Als ich verschämt den Vorhang lüpfte, wand sie mir final noch ein schmales Kopftuch um die verschwitzte Frisur, das sie Trümmerfrauen-Look kess am Oberkopf zusammenknotete.
Jetzt sah ich aus wie eine Mischung aus Witwe Bolte und Burlesk-Tänzerin.
Ich seufzte schwer und konnte mich einfach nicht daran gewöhnen: Das die Zeiten vorbei sind, als ich noch nackt und mit wehendem Haupt- und Schamhaarschmuck durch die Dünen ans Meer gehüpft bin …
Ich kaufte einen schlichten, damenhaften Einteiler – zum Preis eines Campingzeltes für vier Personen. Und alles nur, damit ich nicht wie ein Grottenolm in der abgedunkelten Wohnung hocken musste. Aber: Meine Freibad-Saison war eröffnet!
Schon der Weg durch die mittägliche Sonnenglast brachte mich an meine Leistungsgrenze. Obwohl meine prall gefüllte Badetasche nur das Nötigste enthielt: Drei Bade-Garnituren zum Wechseln, ein Paleo, Badeschuhe, zwei Handtücher, ein Strandtuch, Sonnenbrille, Lesebrille, Sonnencreme, After Sun Balsam, Kulturtasche mit Reiseföhn, Duschgel, Shampoo, Spülung, Haarbürste, zwei Packungen Taschentücher, ein Taschenbuch, eine Thermoskanne Kaffee, eine Literflasche Apfelschorle, eine Tupperdose mit geschmierten Stullen, ein Apfel, eine Packung Schoko - Kekse ... mehr brauchte ich nicht, um im Freibad glücklich zu sein.
Bereits auf der Hälfte des Weges gab ich das traurige Bild eines verschwitzten, schnaufenden Geschöpfes in ausgelatschten Schandalen ab - die einzigen Schuhe, in denen ich mit angeschwollenen, feuchten Füßen keine Blasen bekam. Ich war vermutlich das einzige weibliche Wesen auf Mittelerde, das bei vierzig Grad Hitze keine luftigen Sommerkleidchen oder Röckchen trug. Das funktionierte bei mir nicht - weil sich die Innenseiten meiner Oberschenkel beim Gehen gerne Hallo sagen. Was bei Hitze jene Reibung erzeugt, die der Volksmund gerne mit „sich den Wolf laufen“ umschreibt.
Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich nicht so der Sommertyp bin? Sobald ich dem Erstickungstod in der Umkleidekabine des Freibades entronnen war, hockte ich später im Schwimmbad - wie jedes Jahr zu Saisonbeginn - erst mal mit total verblüfftem Schamgefühl auf der grünen Wiese und wusste nicht, wo ich hingucken sollte. Fremde Arschbacken drängten sich mir in Riech- und Greifweite zur Ansicht auf. Den meisten Menschen steht Nacktheit nicht gut zu Gesicht. Ganze Romane könnte ich schreiben über männliches Elend in Badehosen …
Mit steigenden Temperaturen nehmen die Probleme, die ich schon an kühleren Tagen mit manchem Silberrücken habe, überproportional zu. Frustriert konstatierte ich, dass mit Männern meines Alters selbst harmloseste Schwimmbadflirts nicht mal mehr denkbar waren. Während ich betagten Herren in ihren let-him-swing-Schlotterbuxen dabei zusah, wie sie mimosenhaft ihre weißbehaarten Altmännerbeine ins Wasser tunkten, schoss bei mir der Pflege-Instinkt durch.
Der Anblick manch jüngeren Semesters war nicht unbedingt erfreulicher. Als ich vor dem Kiosk saß und mein Eis schleckte, umhüllt vom Lärm kreischender Kinder auf der Wasserrutsche und umgeben vom Odeur, das Sonnenmilch auf schwitzenden Körpern hinterließ, dazu der Chlorgeruch des Wassers und ein Hauch ranzigen Frittenbratfettes, das die Bude hinter mir verströmte, fläzte sich ein Muckibuden-Pumper mit Migrationshintergrund in Orang-Utan-Pose und weit geöffneten Schenkeln mir gegenüber. Von hinten klopfte ihm ein Kumpel auf die Schulter und grölte:
"Ey, was geht ab, Bruda: Eia schaukeln im Schwimmbad, wa?“
"Jap Alta. Hab` noch krassen Kata, wegen gestan.“
"Jo, Man. Hast du die Bitch gefickt? Hast du, Alta?“
"Hör`auf, Bro. Das Miststück hat mich da in was reingezogen …
“Muschi. Hö, hö."
“What?“
"Heißt Muschi, in was die dich reingezogen hat, Alta! Wuharrr, harrr ...“
Hastig suchte ich das Weite - und Abkühlung. Meinen erhitzten Körper ließ ich langsam im Schwimmerbecken zu Wasser, dabei musste ich einige Ausweichmanöver starten, um mittelalten schwimmenden Treibminen mit Badekappen auszuweichen, die nebeneinander im Wasser dümpelten, um neuesten Kleinstadttratsch auszutauschen. Direkt neben mir sprang ein älterer, glatzköpfiger Beau mit einer Angeberarschbombe vom Seitenrand. Vor mir schoss das Wasser auf wie eine Unterwassergranate, kurz darauf tauchte der Typ direkt vor mir auf und prustete mir seinen Rotz ins Gesicht. Ich wünschte ihn an einen fernen Planeten, während ich Chlorwasser hustete.
Auf der nächsten Bahn kam mir dieser glatzköpfige Athlet, rücklings auf dem Wasser kraulend, den mächtigen Wanst gen Himmel gereckt, wieder entgegen. Kurz bevor mir sein Arm ins Gesicht knallte, drehte er sich um. Ich erstarrte. Obwohl dieser Mann nur noch die homöopathische Mischung dessen darstellte, was ich vor Äonen für den hotesten Typen ever gehalten hatte, wusste ich sofort: Das ist doch … Bodo Münstermann. Der Sohn des Bademeisters … in den 70ern. Der mich als junges Mädchen mal dermaßen verarscht hatte ...
Lautlos glitt ich durchs Wasser, diesem Glatzkopf hinterher. Ich muss es wissen, ob das tatsächlich Bodo war, dieser Schmock! Ich ließ ihn noch zwei, dreimal an mir vorüber kraulen, um ganz sicher zu sein. Meine verdeckten Ermittlungen ergaben: Dieser Herr im besten Mannesalter, der da so selbstgefällig durchs Schwimmerbecken kraulte, hatte bei mir noch eine Rechnung offen ...
Beherzt machte ich meine Schwimmbrille startklar und tauchte ab. Wie ein Krokodil, das auf der Lauer lag …
"Es ist nicht, wonach es aussieht“, versuchte ich mich später vor der Menschentraube zu rechtfertigen, die sich am Beckenrand zusammendrängte, um zu sehen, wie sich der Bademeister über einen glatzköpfigen Beau beugte, dem er das Chlorwasser aus der Lunge pumpte, bis es ihm schaumig aus seinem Mund hervorquoll und er nach Luft japste.
Ich kenne diesen Mann nicht – und dass ich ihm beim Schwimmen ins Gemächt getreten habe, war ein Versehen, ährlich …!“

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


 Taina (26.05.22, 05:30)
@Dieter

Hatte mich auf die Kolumne ehrlich gefreut. Bin enttäuscht. Ein Meisterwerk des bodyshamings. Als wäre der menschliche Körper als solcher etwas ekelerregendes. Was ich nicht verstehe, warum springt eine Person (gemeint ist selbstverständlich das Lyrich) die Menschen abstoßend findet, mitten rein in eine solche  Menschenmenge, warum badet sie nicht irgendwo  anders, wo sie unter sich ist?



Übrigens, so eine "versehentliche" Unterwasserberührung am Geschlechtsteil scheint in der Literatur gerade die Runde zu machen. Ich las kürzlich etwas ähnliches, in einem Krimi (Quercher und der. Totwald).


Kommentar geändert am 26.05.2022 um 06:40 Uhr

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 26.05.22 um 08:03:

...warum badet sie nicht irgendwo  anders, wo sie unter sich ist?
Weil das daraus eine sehr langweilige Geschichte geworden wäre?

 Taina antwortete darauf am 26.05.22 um 08:49:
So meine ich die Frage nicht. Der Text ist eine einzige Beschwerde über die Menschen, wie sie nun mal sind. Als Leser möchte man dem armen geplagten Lyrich irgendwie helfen, und dann kommt der Gedanke, warum tut das Lyrich sich diese Unannehmlichkeiten ohne Not an?

Um die Leser zu amüsieren?

Als Leser bin ich übrigens nicht frei von Schadenfreude, wenn einem Protagonisten ein lustiges Missgeschick passiert. Diese wird durch so einen hämischen Text aber auch nicht geweckt.

 Dieter_Rotmund schrieb daraufhin am 26.05.22 um 12:20:

...eine einzige Beschwerde über die Menschen, wie sie nun mal sind. 
Ja, das hat ja eine lange literarische Tradition, vor allem in Zeitungsglossen. Und ja, es geht darum, den Leser zu amüsieren, das hast Du richtig erkannt.

Antwort geändert am 26.05.2022 um 12:21 Uhr

 Browiak äußerte darauf am 26.05.22 um 13:29:
Lieber @DieterRotmund. Ich hatte mich auf die Kolumne ehrlich gefreut. Und dann das. Als wären Gewässer nicht schon eklig genug: Da fi..en die Fische drin. Außerdem: Wenn schwimmen schlank machen soll, wie erklärst Du Dir dann die Wale?
Was ich nicht verstehe, warum springt eine Person (dumme Menschen sagen: "das Lyrich")- ICH meine selbstverständlich Mme Prota, ICH bin doch nicht blöd - warum springen Menschen in sowas überhaupt rein? Und warum müssen sie darüber schreiben?
Ich las kürzlich so etwas wie ... Buchstaben. Ich glaube, es war ein Text. Über Beschwerden. Über menschliche Beschwerden. Oder über Beschwerden, dass Menschen nun mal so sind, wie sie sind. In der Badeanstalt. Und anderswo.
Ich verstehe das nicht. Ich möchte der armen, geplagten Mme Prota irgendwie helfen und dann kommt mir so etwas wie: Ein Gedanke.
Warum tut sie sich das überhaupt an? "Das Lyrich" ähm ... die Mme Prota: Etwa, um mich zu foppen? Um mich zu amüsieren? Das finde ich unerhört, sowas! Als Leser*in bin ich voller Schadenfreude ... ähm... voll nicht schadenfreudig über so einen anämischen ... ähm amöbischen ... äh hämischen Text. 
Kannste mir DAS mal bitte erklären, was so ein doofer Text, den ich überhaupt nicht verstehe und der mich so grundenttäuscht hat, hier in diesem hochwertigen Forum zu suchen hat?
Danke, dass Du Deine geistige Gesundheit für mich opferst,
Browi

Antwort geändert am 26.05.2022 um 13:33 Uhr

 Taina ergänzte dazu am 26.05.22 um 16:59:
man darf sich über alles beschweren, bloss nicht über einen Beschwerdetext, hmmm?

Hehe, ich will doch keinem was wegnehmen, den Freunden des bodyshamings sei ihr Spass gegönnt. Alles eine Frage des Geschmacks, und über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 26.05.22 um 17:08:
Interessant finde ich die Inventur der Badetasche der Protagonistin, die sich doch erheblich von meiner unterscheidet, diese lautet: 1 Badetuch, Sonnencreme, Brotdose mit selbstgemachten Sandwiches, Geldbeutel, Badehose, Schwimmbrille, 1 Flasche Wasser, 1 Pckg. Kekse (ohne Schoko, das schmilzt!), 1 FAZ, Adiletten, 1 Pckg. Taschentücher, Lesebrille und natürlich die Picknickdecke.

Antwort geändert am 26.05.2022 um 17:10 Uhr

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 26.05.22 um 17:09:
Was ist denn ein Paleo? Ist das ein neuer SUV?

 Browiak meinte dazu am 26.05.22 um 17:16:
@DieterRotmund, das ist ein großes Tuch, das frau sich um die Hüften oder zum Kleid knoten kann - ähm ... könnte man(n) auch, macht aber keinen schlanken Fuß, wenn die Beine nicht rasiert sind ;)Höhö, aber ich will doch keinem was vorschreiben, den Freunden des bodyshamings sei ihr Spass gegönnt. Alles eine Frage des Geschmacks, und über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, *gnichel, gacker, grins* :P

Antwort geändert am 26.05.2022 um 17:17 Uhr

Antwort geändert am 26.05.2022 um 17:18 Uhr

Antwort geändert am 26.05.2022 um 17:20 Uhr

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 26.05.22 um 19:28:
Achso, ein Wickelrock.

P.S.: Für alle, die noch nicht so lange dabei sind: Der (Über-)Titel der Kolumne ist kein Paradigma, es dürfen hier auch Texte zu ganz anderen Themen stehen, wie in der Vergangenheit auch schon oft geschehen...

 Browiak meinte dazu am 26.05.22 um 20:31:

 Browiak meinte dazu am 26.05.22 um 20:34:
@DieterRotmund

Wie kann man einen Pareo binden?
Und so geht's:
  1. Leg dir den Pareo um den Körper – in etwa so, wie ein Handtuch nach der Dusche.
  2. Greif die beiden oberen Ecken und überkreuze sie vor der Brust.
  3. Führe die beiden Ecken nun hinter deinem Hals zusammen und verknote sie: Fertig ist der Neckholder!


Antwort geändert am 26.05.2022 um 20:35 Uhr

Antwort geändert am 26.05.2022 um 20:36 Uhr
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