Mit zunehmendem Alter beginnt der Mensch, das Bild seiner Jugend nachzubessern. Nicht immer nach dem Original.
Eltern bewahren von ihrer eigenen Jugend ein Bild erstaunlicher Ordnung und Bescheidenheit.
Die einen wären nach dem Kriege froh gewesen, wenn ihnen der Vater ein altes Fahrrad geschenkt hätte. Später wuchsen Generationen mit Matchbox-Autos, Barbie und Cassettenrecordern heran, die sich im Erwachsenenalter ebenfalls daran erinnerten, eigentlich kaum etwas gebraucht zu haben.
Als Spielzeug hätten ein Stock, ein Ball und zwei rostige Nägel vollkommen genügt.
Die Gegenstände wechseln. Die Anspruchslosigkeit stellt sich erst rückwirkend ein.
Mit dem Essen verhält es sich ähnlich. Man aß, was auf den Tisch kam. Nörgeln und Sonderwünsche waren unbekannt. Die Existenz ganzer Generationen von Kindern, die Spinat unter Kartoffelbrei verbargen oder das Fett säuberlich vom Fleische schnitten, scheint aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden zu sein.
Im Haushalt half man selbstverständlich ohne Aufforderung.
Daß Eltern denselben Auftrag gelegentlich dreimal erteilen mußten, dürfte auf Überlieferungsfehler zurückzuführen sein.
Auch der Schulweg unterliegt im Laufe der Jahrzehnte gewissen Veränderungen.
Er wird länger, die Winter werden kälter und der Schnee höher. Aus wenigen Kilometern werden schließlich zehn – zu Fuß, bey Frost und bergauf.
In beiden Richtungen.
Nicht minder gründlich wird mit den Jahren das frühere Kinderzimmer gedanklich aufgeräumt. Was die Erinnerung stets sauber und vorzeigbar hinterläßt, bot seinerzeit Gelegenheit zu kleineren archäologischen Unternehmungen. Unter dem Bett kamen Socken zum Vorschein, deren Verbleib seit Monaten Gegenstand familiärer Ermittlungen gewesen war. Gelegentlich fanden sich dort auch Schulhefte, Tassen oder Kleidungsstücke, deren Eigenthumsverhältnisse nicht mehr zweifelsfrei zu klären waren.
Das Taschengeld war natürlich kärglich. Merkwürdig nur, daß es dennoch für Süßigkeiten, Kino und allerley Dinge reichte, von denen die Eltern besser nichts wußten.
Mit zwölf entwendete man unter Aufbietung allerlei Taschenspielertricks dem Großvater die ersten Cigaretten, um sie im Wäldchen hinterm Hause gemeinsam mit Freunden zu rauchen und dabey für eine Weile den großen Lebemann zu geben.
Wenig später, anläßlich der Jugendweihe oder Konfirmation, sammelte man auch erste Erfahrungen mit dem Alcohol – deren pädagogischer Werth sich meist erst am folgenden Morgen erschloß.
Die eigene Disciplin erscheint in der Erinnerung dennoch nahezu makellos. Widerworte gab es kaum, Lehrer wurden geachtet und elterliche Anweisungen ohne Murren befolgt.
Kündigte der Lehrer jedoch einen Elternabend an, bereitete sich das Elternhaus vorsorglich auf Enthüllungen vor, die das bisherige Bild des wohlgerathenen Kindes empfindlich beschädigen konnten.
Fremden gegenüber wurde derselbe Nachwuchs gern als besonders folgsam, wohlerzogen und brav vorgeführt.
Beym kleinsten Familienfeste im Kreise der Verwandtschaft hätte man die eigene Brut dagegen gelegentlich am liebsten im Schrank versteckt.
Irgendwann vergehen die Jahre. Aus den Kindern werden Erwachsene, aus den Erwachsenen Eltern. Und eines Tages hört man sich einen jener Sätze sagen, von denen man als Jugendlicher fest geschworen hatte, ihn niemals selbst zu verwenden:
„Solange du deine Füße unter meinen Tisch steckst …“
Dann bemerkt man, daß man von seinen Eltern nicht nur die Möbel geerbt hat.