Flusskinder (Teil 1)

Parabel zum Thema Streit

von  tulpenrot

Wenn es Abend wurde, war unser Dorf wunderschön ruhig. Die Vögel sangen ihr letztes Lied und die Blumen schlossen ihre Blüten. Am Morgen vor dem ersten Sonnenstrahl erwachten die Vögel wieder, zwitscherten ihren Morgengruß und die Blumen öffneten ihre Blütenkelche und strahlten in der hellen Morgensonne.
Es war schön in unserem Dorf.

Jeden Morgen liefen die Kinder zur Schule. Einige mussten über die Brücke gehen. Durch unser Dorf fließt nämlich ein großer Fluss. Die Kinder, die über die Brücke zu uns in die Schule kamen, waren die Ostkinder. Wir waren die Westkinder. Auf unserer Seite war die Schule.

Bei uns ging die Sonne abends unter, am anderen Ufer des Flusses ging die Sonne morgens auf und kam dann zu uns herüber. Und wenn bei uns Dämmerung war und noch die Sonne ein wenig funkelte, war es drüben schon dunkel und ganz still. Nur manchmal bellte ein Hund auf, weil eine Katze ihn erschreckte.

Linte kam morgens immer schon sehr früh über die Brücke in unser Dorf und Mulle rannte hinter ihm her, damit sie uns immer ärgern konnten, weil wir noch gar nicht richtig wach waren vor der Schule.
Sie klopften an unser Fenster und riefen:
"Rasselmasse - Borstenriecher" oder "Milchbecher - Nadelstecher". Was uns richtig wütend machte.

Und etwas später lief Olme über die Brücke, bog in unsere Straße ein und klopfte mit einem Stock an unsere Haustür so laut, dass unser Vater ärgerlich wurde und die Mutter auch.
Unsere Katze fauchte wütend und peitschte mit ihrem dicken Schwanz. Aber das störte Olme nicht.

Der alte Schneider auf unserer Seite war schon ein wenig schwerhörig. Nach der Schule liefen Linte, Olme und und Mulle zu ihm hin ans Gartentor und riefen laut:
"Der Topf kocht!" – doch er verstand: "Der Kopf pocht" und wusste nicht, was gemeint war.
Ein anderes Mal riefen sie: „Es regnet wirklich literweise!“
Und er verstand: "Ach, wäre das Gewitter leise!" und sagte: „Ach, was; das Gewitter ist nie leise.“ Da lachten Mulle, Olme und Linte und hielten sich die Bäuche.

Einmal füllten die Ostkinder rote Farbe in die Schläuche bei unserer Feuerwehr und freuten sich, als beim Löschen unserer Brücke rote Farbe rausspitzte statt Wasser … Aber so weit sind wir noch nicht in unserer Geschichte, das geschieht eigentlich erst später. Vorher muss ich noch erzählen, was wir den Ostleuten für Streiche spielten.

Abends ist es ja auf der Ostseite früher dunkel als bei uns. Im Dunkeln rannten wir über die Brücke. Niemand konnte uns sehen.
Jalte schlich sich in die Räucherkammer und stahl dem Metzger heimlich einen Schinken.
Hanko schüttete Milch auf die Straße, die der Bauer in einer Kanne an den Straßenrand gestellt hatte, damit das Milchauto sie am nächsten Morgen abholen sollte. Stellt euch das vor:
Alle Autos, die in der Dunkelheit durch die Milchpfützen fuhren, wurden weiß gespritzt und am nächsten Morgen schon stank die ganze Stadt nach saurer Milch. Das war ein Spaß.

Tremge aber schlich sich zum Haus des Lehrers, zerstach die Reifen seines Fahrrads und nahm heimlich alle Bücher des Lehrers mit. Er rannte mit ihnen über die Brücke und versteckte sie am Ende der Brücke in einem Gebüsch.
Wir wollten nicht, dass die Ostkinder in unsere Schule kamen. Und den Lehrer wollten wir auch nicht.

Schließlich konnten wir alle auf unserer Seite des Flusses die Leute auf der anderen Seite des Flusses nie gut leiden.
Mulles Vater hatte Streit mit Tremges Vater.
Lintes Mutter hatte Streit mit Jaltes Mutter.
Hankos Schwester hatte Streit mit Olmes Schwester.

Eigentlich war es ziemlich überflüssig, dass wir eine Brücke hatten. Die Leute auf der anderen Seite sollten alleine bleiben. Wir wollten sie nicht bei uns haben. Und die Leute drüben waren ärgerlich auf uns. Keiner mochte den anderen leiden.


Anmerkung von tulpenrot:

In Anlehnung an:
Max Bolliger, Die Kinderbrücke
und an J. Oppenheim, Auf der anderen Seite des Flusses

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