Eine wortlose Liebeserklärung [Projekt: Paris-ein unendlicher Traum]

Erzählung zum Thema Alleinsein

von  apocalyptica

Teil 3/3 - Sehnsüchtige lieben leise

In mancher Hinsicht ging es ihm von Tag zu Tag besser, neuerdings bekam er Geld nicht nur aus Mitleid, sondern für seine Arbeit. Doch die blinkenden Münzen interessierten ihn nicht sehr, denn Liebe, Glück und Anerkennung, das wusste er, konnte er sich dafür nicht kaufen. Er war und blieb einsam, allein mit all seinen Fragen und Empfindungen in einer tonlosen Welt. Manchmal leistete er sich inzwischen den Luxus, zu seinem Brot nicht nur ein Stück würzigen Käse zu kaufen, sondern auch eine halbe Flasche Roten, den er dann in winzig kleinen Schlucken über seine Zunge rinnen ließ, bis ihn eine wohltuende Müdigkeit überkam und er seinen Kummer vergaß. Nur eins würde er niemals vergessen, nämlich was Armut heißt, was Hunger heißt, und deshalb sparte er sein Geld.

Er wusste, dass er anders war als die meisten anderen Menschen. Dass ihm etwas fehlte, was sie alle hatten. War er deshalb wirklich weniger wert? Oder hatte er vielmehr allen anderen etwas voraus? Insgeheim dachte er, es müsste doch auch für ihn eine Möglichkeit geben, so zu werden wie sie. Aber wollte er das wirklich? Würde es für ihn Glück bedeuten, wenn irgendetwas ihm vielleicht eines Tages die Welt näher bringen würde, ihr statt nur Farben und Gerüchen auch Töne geben könnte? Oder würden die Töne seine Welt zerstören? Der Gedanke ließ ihn nicht los.

Abends, wenn nach und nach alle Künstler den Place du Tertre verließen, ging er oft über das Kopfsteinpflaster  und sah in den Rinnstein. Immer wieder fand er darin zerquetschte Tuben mit kärglichen Resten von Ölfarben, die er sich selbst nicht leisten wollte und konnte. Er sammelte sie wie kleine Heiligtümer, denn er trug ständig den Fetzen Leinwand mit sich herum, den sein Vater ihm hinterlassen hatte. Und an manchen Tagen kehrte er dem Platz  früher als gewöhnlich den Rücken und lief den Montmartre hinunter, quer durch die Stadt zum Ufer der Seine.

Dicht bei der Pont Neuf ließ er sich dann nieder und genoss den nahenden Sonnenuntergang, das diffuse Licht, das die ganze Umwelt so geheimnisvoll und fantastisch erscheinen ließ. Er hörte nicht das Plätschern des Wassers, aber er fühlte warme, prickelnde  Schauer, wenn sich die letzten Sonnenstrahlen darin brachen. Das war für ihn Geborgenheit und Inspiration gleichermaßen und er geriet in einen förmlichen Rausch. Er vergaß alles um sich herum, wenn er dann seine Leinwand unter seinem Hemd hervorholte und mit winzigen, wohl bedachten Pinselstrichen die bunten Farben auftrug, die die anderen achtlos weggeworfen hatten.

Mal biss er sich vor Eifer auf die Lippen, mal blickte er nur versonnen und sehnsuchtsvoll in den Abendhimmel, aber nach und nach nahm sein Werk Konturen an: vor der schemenhaften Kulisse seiner Stadt ein junges Mädchen, so zauberhaft und wunderschön, wie es noch niemand gesehen hatte. Das Gesicht ebenmäßig, mit zarten Wangenknochen und einem verführerischen Mund. Augen, die strahlten wie kleine blaue Sterne und goldene Locken, anmutig wie gebündelte Sonnenstrahlen, die ein betörendes Lächeln umrahmten.

Vorübergehende Passanten blieben voller Ehrfurcht stehen, schauten ihm zu und hielten andächtig inne, überwältigt von diesem Meisterwerk, das keiner Worte mehr bedurfte. Jeder, der dieses Bild sah, empfand plötzlich tiefe Wärme, fühlte sich auf Schwingen dahin getragen und wagte kaum noch zu atmen.

Nein, keiner musste hören oder reden können, um zu erkennen, was der junge Maler geschaffen hatte mit all seinen Sinnen, mit seinen Gefühlen, seiner Phantasie, mit seinen Ängsten, seinen Träumen, seinem Kummer, seiner Verzweiflung, seinem Eifer, seiner Hingabe: eine wortlose Liebeserklärung, ein einmaliges, überirdisch schönes Kunstwerk von unschätzbarem Wert, das seinesgleichen vielleicht nur in einem einzigen Gemälde  wieder findet…in dem Bildnis der jungen, dunkelhaarigen Dame mit dem geheimnisvollen Lächeln.

Kommentare zu diesem Text


 AZU20 (21.04.08)
Schade, dass es vorbei ist. Jetzt könnte der unendliche Traum in dieser zauberhaften und so vielfältigen Stadt eigentlich erst richtig anfangen. Die Liebeserklärung war alles andere als wortlos. LG

 apocalyptica meinte dazu am 21.04.08:
Guten Morgen, lieber Armin! Ich danke dir für deine Begleitung durch diese Stadt der Städte und deine ebenfalls nicht wortlosen Kommentare. Nun, dieser Teil der Geschichte ist tatsächlich hiermit am Ende, aber wer sagt, dass es nicht irgendwann eine Fortsetzung geben wird? Ich denke darüber nach, denn auch das Schreiben hat ehrlich Spaß gemacht. Dabei war ich gedanklich wieder dort und mir sind schon noch ein paar andere Ideen gekommen. Aber meinen "neuen Stil", den ich hier versuchsweise zu Papier oder besser auf den Monitor gebracht habe, musste ich zunächst im begrenzten Maße austesten. Akzeptiert?
Lieben Dank und herzliche Grüße von der -bea =)

 Traumreisende (21.04.08)
die erzählerin ist wieder da!! und ja wirklich schade auch ich hab mich gerad erst warmgelesen und wohlgefühlt...
dir liebe grüße
silvi

 apocalyptica antwortete darauf am 21.04.08:
Nun, liebe Silvi, stellst du mich fast vor eine Herausforderung. Das heißt also: weiter schreiben, ich kanns ja sowieso nicht wirklich sein lassen, selbst wenn mir oft die Zeit dazu fehlt. Aber Ideen müssen eben auch reifen...
Hab lieben Dank für dein Lesen und deinen Kommentar. Ich wünsche dir eine gute Woche und grüße dich herzlich,
die -bea

 Maya_Gähler (21.04.08)
Mit grosser Begeisterung habe ich dich und deine Geschichte begleitet. Ein wunderbarer Erzählstil, der einen mitnimmt auf die Reise in die Welt dieses besonderen Menschen.
Auch ich würde gerne noch mehr erfahren.
Obwohl man sich auch inspiriert fühlt, seine Gedanken um den Jungen, die Stadt, das Bild, sein Handicap (obwohl ich noch gar nich genau weiss, ob es wirklich ein Handicap ist oder doch sogar eine Gnade?) und sein karges, doch auch sehr spannendes Leben selbst weiterzuspinnen.
Fein deine Worte voller Wärme und man spürt, wie sehr dir deine Reise gefallen und gutgetan hat.
Herzliche Grüsse schickt dir die Maya

 apocalyptica schrieb daraufhin am 21.04.08:
Hallo liebe Maya, für deine Begleitung sage ich dir auch ein ganz herzliches Dankeschön. Ich verfalle jetzt mal ausnahmsweise in den Konjunktiv, den ich eigentlich gar nicht mag: ich hätte das Ende weglassen können, also die letzten beiden Abschnitte, um noch mehr gedanklichen Freiraum zu schaffen. Ich hätte ihn das Bild verkaufen lassen und so zu Reichtum kommen lassen können. Er würde dann auf welchen Wegen auch immer vielleicht auch hören und sprechen lernen, aber ob er das wirklich wollen und genießen würde, weiß ich nicht, du meldest da ja auch schon Zweifel an.
Nichtsdestotrotz glaube ich, dass eine Geschichte in zu vielen Kapiteln sich hier verlieren würde und dass letzten Endes vielleicht keiner mehr weiter lesen würde...daher die Beschränkung. Aber so langsam verfestigt sich da eine Idee in meinem Kleinhirn...es hat mir wirklich Spaß gemacht, diesmal SO zu schreiben und so ganz fertig bin ich damit noch nicht, mag sein, es ist ein neuer Anfang. Schaun wir mal...
Ich grüße dich ganz lieb in deinen Tag,
die bea
Herzwärmegefühl (53)
(21.04.08)
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 apocalyptica äußerte darauf am 22.04.08:
Guten Morgen, liebe Moni!
Manchmal braucht es zartere Worte, um eine Geschichte zu schreiben. Ich freu mich sehr, dass du das so siehst und Worte mit sanften Pinselstrichen vergleichst. Ich danke dir dafür und grüße dich von Herzen in den neuen Tag, die -bea
Ach ja, es wird was folgen... ;)
steyk. (55)
(21.04.08)
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 apocalyptica ergänzte dazu am 22.04.08:
Und zu deinem gesamten Kommentar, lieber Stefan, ist auch nicht mehr viel hinzuzufügen! Ich freue mich sehr über dein Lesen und Verstehen und vor allem über dein Lob und den Sternenglanz, den du mir geschickt hast!
Ich wünsche dir einen guten Tag und grüße dich herzlich,
die -bea
zackenbarsch† (74)
(22.04.08)
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 apocalyptica meinte dazu am 22.04.08:
Hab lieben Dank, Friedhelm, für dein dickes Kompliment und dafür, dass du meinen jungen Maler durch Paris begleitet und seinen Weg erleuchtet hast!
Es grüßt dich herzlich die -bea
Samjessa (28)
(24.04.08)
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 apocalyptica meinte dazu am 24.04.08:
Ich danke dir herzlich für deinen tollen Kommentar. Sicher, das wirkliche Leben, die wirklichen Probleme, kommen in der Geschichte etwas zu kurz und das Ende scheint ein happy end zu sein, wobei das "endgültige Ende" ja sogar noch offen bleibt, ich hatte weiter oben schon mal darüber nachgedacht. Ich denke ganz einfach, dass die Erzählung vom Umfang her einen bestimmten Rahmen (hier) nicht sprengen sollte und habe mich deshalb darauf konzentriert, irgendwie eine runde Sache daraus zu machen, die zwar einen Abschluss findet, aber immer noch eine Fortsetzung ermöglicht.
Ich freue mich ehrlich, dass dir die Story gefällt!
Liebe Grüße von der -bea =)
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