DAVOS

Parabel zum Thema Technik

von  Quoth

Keine Ahnung, ob es Bestrafung oder Belohnung sein sollte: Mindestens einmal, wenn nicht zweimal die Woche wurde jeder einem Ritual unterzogen, das ich hier beschreiben will. Das r am Ende von jeder habe ich bewusst nicht eingeklammert, weil es nur Männer gab in unserer Anstalt. Einmal in der Woche war Waschtag, und dann kam jeder für ein bis zwei Stunden „dran“. Der Ort des Vollzugs war die Waschküche. Dort wurde die Trommel mit der Anstaltswäsche in einem Riesentopf über Keilriemen durch einen unter Decke angebrachten Elektromotor gedreht. Der Riesentopf, in dem sie sich drehte, war mit Regenwasser aus der Zisterne gefüllt, das mit Torf erhitzt und am Kochen gehalten wurde. An dem gemauerten Ofen war eine gusseiserne Vorrichtung angebracht, die zwei gewaltigen Armen glich, und diese trugen an ihren Enden einen nach oben offenen, länglichen hölzernen Korb von etwa 150x40x30cm. Er glich einem jener Holzschlitten, in deren Mittellatte DAVOS eingebrannt war, nur mit den Kufen nach oben, und war mittels einer Achse mit den Eisenarmen verbunden. In diesen Schlitten musste der jeweilige Proband (ich habe es bisher an die 20mal durchgemacht) sich hineinlegen, Arme und Beine wurden angeschnallt, die Wäschemeisterin legte einen Hebel um – und die Arme hoben den Korb mit elektrischer Riesenkraft über die im brodelnden Wasser rotierende Wäschetrommel empor, er verharrte etwa zwei Minuten in dem stark nach Seife und gekochtem Drillich riechenden Dampf und senkte sich dann wieder ab. Dies wurde mit kurzen Verschnaufpausen an die 20mal wiederholt. Beim ersten Mal habe ich geschrien, weil ich Angst hatte, der Korb würde umschlagen und mich mit der heißen Lauge in Kontakt kommen lassen, aber er blieb wunderbarerweise immer im Gleichgewicht, ich wurde nur gedämpft. Das Personal in der Waschküche war weiblich, die Wäscherinnen arbeiteten an verschiedenen Zubern, rubbelten die oft stark verschmutzte Wäsche an Waschbrettern, wobei ihnen die Brüste fast aus den Blusen purzelten. Völlig warm durchnässt, kehrte man auf seine Pritsche zurück und erinnerte sich an den schwarzen Teppich von Mücken, der an der Decke über der Zisterne hing.

Kommentare zu diesem Text


 Lluviagata (18.03.21)
Hallo Quoth,

das kann nur ein Alptraum sein! Viel Info ist in wenige Sätze gepresst, so dass ich mehrere Male lesen muss, um halbwegs ein Bild zusammen setzen zu können. Warum wohl muss ein Mensch gedämpft werden? Um faltenfrei zu werden? Um dessen Sünden zu glätten? Fragen über Fragen, und dennoch habe ich gespannt gelesen und blieb ein wenig ratlos zurück. Nur ein wenig.
Diese hochwertigen Schweizer Schlitten werden heute noch hergestellt.

Liebe Grüße
Llu ♥

 Graeculus meinte dazu am 18.03.21:
Es hat mich zunächst an Kafkas "Strafkolonie" erinnert, und es klingt für mich auch ähnlich mythisch-symbolisch, ist aber hier gut ausgegangen. Ein eindrucksvolle Szene.

Die Schlitten kenne ich übrigens noch.

Antwort geändert am 18.03.2021 um 18:33 Uhr

 Quoth antwortete darauf am 18.03.21:
Lluviagata: Ja, faltenfrei werden, das könnte ein Ziel sein! Das Erzähl-Ich weiß es offen gesagt selber nicht genau - Alpträume geben ihre Gründe ja nicht preis!

Graeculus: Dann kennst Du bestimmt auch einen Schlitten, auf den nicht DAVOS, sondern ROSEBUD geschrieben steht!

Euch beiden Dank für Empfehlung mit Kommentar!
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