Wilma

Kurzgeschichte zum Thema Erinnerung

von  Quoth

In der Dunkelheit sehe ich sie kaum, erkenne sie auch nicht, weiß nur, dass ich sie immer verachtet habe, weil sie mir so überdeutliche Avancen machte, Avancen, die ich nicht verdient hatte und mit denen ich nichts anfangen konnte, auf die ich aber einging, um sie nicht zu verletzen und vielleicht auch aus Mangel an Alternativen. Und nun plötzlich, eigentlich schon zu spät, begriff ich, wie tief, wie ehrlich, wie kompromisslos sie ja zu mir sagte, es nicht in Worten sagte, aber in dem Blick, mit dem sie sich mir zugleich unterwarf und über mich erhob. Immer lief sie mit einem Geigenkasten herum in einem rostbraunen Futteral, der Riemen lief über ihre Brust und drückte die Bluse so fest an den Körper, dass ihre Brüste unerfreulich, ja, unsittlich hervorstachen, und auch das hatte ich verachtet. Am meisten verachtet aber hatte ich sie, als sie mich mal zum gemeinsamen Schwimmengehen überredet hatte und nun, noch nass, im Badeanzug vor mir Rad schlug, als wollte sie sagen: "Schau nur, schau mich an, wie sportlich ich bin, das alles soll dein sein, nimm es hin, es ist nicht perfekt, aber mehr und Besseres habe ich nicht.“ Regelrechter Ekel hatte mich erfüllt, und als ich dann noch den Fehler machte, zu Hause auf der Terrasse mit ihren Eltern zu Abend zu essen, wurde es ganz schlimm, denn mit ruhiger Selbstverständlichkeit saß auch die Geliebte des Vaters, eines ebenso schönen wie traurig blickenden Verlegers, mit am Tisch, dazu auch die Mutter, die das offenbar nicht als Demütigung empfand, aber auch kein Wort an die um viele Jahre Jüngere richtete, die schien Luft für sie zu sein, aber sie erkundigte sich einfühlsam nach mir, meinen Interessen, meiner Lektüre und meinem Verhältnis zu Glaubensfragen, Wilma saß stumm dabei und stocherte in ihrem Gratin, sie schien sich völlig auf ihre zur Schau gestellte Attraktivität zu verlassen, während die Mutter mir das Gefühl gab, nach Hause zu kommen, und ich merkte: In die Mutter hätte ich mich stante pede verlieben können, aber in Wilma niemals. Nun aber, von Jahrzehnten und einer unglücklichen Ehe gezeichnet, war sie da in überwältigender Präsenz, fragte mich mit der Intensität ihrer Mutter nach allem, nach wirklich allem, drang in mich ein und ergriff ebenso Besitz von mir, wie sie von mir besessen sein wollte. Und im Dunkel, das die von draußen gelb hereinblakenden Peitschenmasten ein wenig milderten, ereignete es sich und ich versank und ertrank in diesem Meer von Weiblichkeit, das mich überflutete.

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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (20.10.21)
Bären gehen nicht gerne baden, aber wat mot, dat mot.
LG
Ekki

 Quoth meinte dazu am 21.10.21:
Ich weiß nicht, ob ich Deinen Kommentar verstehe, denn wasserscheu sind Bären gar nicht, was sie beweisen, wenn die Lachse kommen. Vielen Dank! Quoth

 EkkehartMittelberg antwortete darauf am 21.10.21:
In dem Fall ist der Hunger größer als die Wasserscheu.

 Lluviagata (24.10.21)
Sind Männer Wachs in den Händen einer Frau? Hormonell gesehen schon, wie man hier lesen kann.

Ich erfreue mich jedes Mal an deinen Satzgebilden aka Satzungetümen, die mich zwingen, genau zu lesen, um auch noch die feinste Nuance einer Aussage heraus zu kitzeln. ;)

Sonntagsgrüße
Llu ♥
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