Merkwürdiges Erlebnis in einer Kirche

Kurzgeschichte zum Thema Glaube

von  Quoth

Meiner Gewohnheit folgend, besuchte ich auch in M. zuerst die Hauptkirche, einen romanischen Bau aus dem 11. Jahrhundert. War das nicht die Zeit des Kampfes zwischen Kirche und Reich? Canossa ging mir durch den Kopf, als ich, an einem Penner vorbei, durchs Portal eintrat und zu meiner Freude Orgelmusik vernahm, die zu dieser vormittäglichen Zeit von oben herabklang. Ich nahm sogleich in einer der Holzbänke Platz, die an ihren Ende Kopfstützen hatten wie Ohrensessel. Der dämmrige Innenraum, das grau gestrichene Gestühl mit den Tafeln, die den altansässigen Familien, den von Dohnas, von Holstein und von Styrum, den Sitzplatz sicherten, der Altar mit Bibel, aus dem die Kanzel gleichsam hervorquoll und darüber die Orgel, die wirklich meisterhaft gespielt wurde, dazu mein eigener Unglaube, all das verband sich zu einer Gemengelage, die sich als Sehnsucht nach Glauben vielleicht umschreiben lässt. Der Organist entlockte dem Instrument schrille Klangfarben in der Höhe, dumpf brausende in der Tiefe, hielt inne, man hörte das Klock-Klock der Registerzüge, und nun war die Tiefe aufgehellt, die Höhe klang oboenartig sanft, die Choralmelodie, die mir vorher in ihrer Härte gefallen hatte, gefiel mir nun in ihrer Sanftheit, gerade als hätte eine waffenklirrende Amazone sich in ein sanftes, anmutiges Schäfermädchen verwandelt, meine Gedanken kuppelten hinauf ins Gewölbe und erhoben sich zu einem namenlosen Etwas, das nicht bezeichnet werden wollte und in dem ich, unbenennbar, unbenannt, die Substanz spürte, die letzte, sinnhafte, die unglaublich leuchtende, ja, und ich wusste, dass Glaube möglich war auch für mich, und ich hielt ihn, hatte ihn, hielt ihn fest und empfand mich als er- und durchleuchtet auf eine Weise, die mich zwischen tiefster Zerknirschung und triumphaler Erhabenheit gleichsam schweben ließ wie eine Fliege, die ja bei aller Bedeutungslosigkeit doch auch aus der Hand des einen stammt, der alles geschaffen...


Die Musik verstummte, ich hörte Papier rascheln und kurz darauf stieg jemand die Holztreppe von der Orgel herab. Der Gedanke, dass ich mich für das Geschenk, das mir soeben gemacht worden war, bedanken müsse, ergriff von mir Besitz, ich stand auf und erwartete den Organisten. Eine Frau ging an mir vorbei, der niemand folgte. Sollte es... „Entschuldigen Sie!“, rief ich ihr nach, „haben Sie eben so wunderschön gespielt?“

Die Frau wandte sich um und sah mich mit schmalen blauen Augen durchdringend an. „Ja, das war ich,“ erwiderte sie kühl mit etwas kehliger Stimme. „Warum?“

„Ich wollte mich bedanken,“ sagte ich, „Sie haben mir – Sie haben mir...“ Angesichts ihres kalten Blickes blieb mir das Wort im Halse stecken.

„Ein Geschenk gemacht?“, ergänzte sie mich nicht ohne Spott.

Ich nickte eifrig, streckte ihr die Hand entgegen und sagte: „Raabe. Irmin Raabe.“

Sie gab mir die Hand, die fest, breit, rauh und verarbeitet war. „Else Singer.“

„Ich habe die Festigkeit, die Tiefe Ihres Glaubens gespürt – und er ist – auf mich übergesprungen. Ja, anders kann ich es nicht beschreiben.“

Und hierauf antwortete sie nun etwas, das ich bis heute nicht begreifen kann, ja, ich frage mich, ob sie nicht aus irgendeinem, mir unverständlichen Grund gelogen hat. Sie sagte und lächelte verschmitzt dabei: „Es tut mir leid, Herr Raabe. Ich glaube an nichts. Vielleicht ein wenig an Kunst, an Schönheit und Wahrhaftigkeit. Aber ansonsten...“ Sie sah sich traurig in der Kirche um. „Das ist doch ein Museum hier, ein Mausoleum, eine Gruft.“

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Ich fühlte mich – beschämt, aber in gewisser Hinsicht auch – verraten. Nein, schlimmer: Ich hatte das Gefühl, selbst ein Verräter zu sein, der seinen bewährten Agnostizismus auf Grund einer seichten musikalischen Ergriffenheit verraten hatte. Ich konnte nicht weitersprechen, setzte mich zurück in die Bank und lehnte den Kopf auf die graue Rückenlehne vor mir.

„Was war das?“ fragte ich mich, „wie konnte mir das passieren? Wie konnte ich eine rein künstlerische Botschaft in eine religiöse umfrisieren?“ Ich verfluchte meine Sehnsucht nach Glauben, drückte die Stirn noch fester auf die kühle Ölfarbe. Ich hörte die Kirchentür gehen. Frau Singer war gegangen. Dabei hatte ich ihr doch noch etwas zu sagen! Ich sprang auf und rannte ihr nach. Aber sie war schon fort, hatte sich in der auf dem Vorplatz um Marktstände flottierenden Menschenmenge verloren.

„Ihr Unglaube ist die wahre Frömmigkeit!“ rief ich laut. „Man muss Gott verneinen, um ihn zu bejahen!“

„Du hes ja so Rech,“ sagte eine rauhe Stimme, und eine schmutzige, prallrote Hand streckte sich mir entgegen.




Anmerkung von Quoth:

Erstveröffentlichung 2004 in "text-für-text", geringfügig verändert

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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (15.02.22, 15:46)
Sehr unsympathischer Erzähler, dessen Übergriffigkeit du gut dargestellt hast.

 Quoth meinte dazu am 15.02.22 um 15:59:
Findest Du, er hätte die Organistin nicht ansprechen sollen? Ich bin froh, dass er es getan hat, Übergriffigkeit hin oder her!

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 15.02.22 um 16:06:
„Ich habe die Festigkeit, die Tiefe Ihres Glaubens gespürt " - ja, das ist übergriffig. Ein einfaches Lob wäre angemessen gewesen, nicht diese persönliche Unterstellung. Aber nur weil der Erzähler unsympathisch wirkt, muss es ja keine schlechte Geschichte sein. Dass er am Ende so gut wegkommt, stößt allerdings ingesamt unangenehm auf, das hätte man offener gestalten können. Ich hätte z.B. dafür auch keinen Ich-Erzähler gewählt.

 Willibald (15.02.22, 17:03)
Meisterhaft in Perspektive und Sprache, einschließlich des Bettlers, der hier etwas bestätigt und nicht bestätigt, scheint mir.
Greetse

 Dieter_Rotmund schrieb daraufhin am 16.02.22 um 08:58:
Ja, die Figur ist gut gewählt.

 Quoth äußerte darauf am 16.02.22 um 09:59:
Ja, der Bettler, ich nenne ihn Penner, erinnert an die moralische Dimension des Glaubens, der Erzähler scheint ihn auf die ästhetische reduzieren zu wollen. Vielen Dank, Willibald und Dieter_Rotmund! Gruß Quoth

 AchterZwerg (15.02.22, 17:45)
meine Gedanken kuppelten hinauf ins Gewölbe und erhoben sich zu einem namenlosen Etwas, das nicht bezeichnet werden wollte und in dem ich, unbenennbar, unbenannt, die Substanz spürte, die letzte, sinnhafte, die unglaublich leuchtende, ja, und ich wusste, dass Glaube möglich war auch für mich ...
Ein sprachliches Leckerli, Quot!

Hach, die "kuppelnden Gedanken" - ganz toll!

Entzückte Grüße
der8.

 Quoth ergänzte dazu am 16.02.22 um 09:54:
Freue mich über Deine Wertschätzung. Ja, vor fast zwanzig Jahren war ich manchmal ganz gut ....
Danke für den Lieblingstext. Gruß Quoth

 Dieter Wal (15.02.22, 20:35)
Interessante Erzählung.

 Quoth meinte dazu am 16.02.22 um 09:55:
Mich würde natürlich interessieren, was Du daran "interessant" gefunden hast!

 Dieter Wal meinte dazu am 16.02.22 um 10:08:
Gehe mit der Organistin davon aus, dass paulinisches Christentum einem Antiken-Museum gleicht und begegnete in Kirchenmusikern gleichfalls oftmals Freigeistern.

Kirchenmusik transportiert Spiritualität besser als Dogmen.

 Quoth meinte dazu am 19.02.22 um 11:19:
So sehe ich das auch, würde zur Kirchenmusik aber noch Architektur und Kunst hinzufügen. Vielen Dank, Dieter Wal!

Antwort geändert am 19.02.2022 um 11:19 Uhr

 Lluviagata (19.02.22, 07:17)
Hallo Quoth,

mir ergeht es ebenso in einer Kirche, und wenn dann noch die Orgel gespielt wird, dann bin ich vollends davon überzeugt - es gibt ihn, Gott. Doch kaum wieder auf der Straße, schüttele ich mich und denke, eine Kirche ist eben ein Haus, in dem sich einfach nur die Geister der Vergangenheit Respekt verschaffen wollen - und es auch zumeist hinbekommen. Lediglich in der Frauenkirche Dresden, von Helge Schneider neckisch als "Damenkirche" bezeichnet, ergeht es mir nicht so. Selbst bei einem Güttler-Konzert beschränkte sich meine Ehrfurcht auf nur einen Meister - auf Ludwig Güttler. 

Liebe Grüße
Llu ♥

 Quoth meinte dazu am 19.02.22 um 11:23:
Vielleicht liegt es daran, dass ein sklavisch genauer Wiederaufbau den "Geistern der Vergangenheit" nicht zusagt, sie ziehen in den Neubau nicht ein! Gruß Quoth
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