Die Räuber vom Liang-Schan-Moor

Dialog

von  Quoth

Da lag doch ein Ehepaar miteinander im Bett, und der Mann las seiner Gattin aus den Räubern vom Liang-Schan-Moor vor. Kennen Sie diesen chinesischen Roman?

Nein, nur den mit dem Titel Jin Ping Mei, in dem so viel gevögelt wird, und der Held stirbt am Schluss, weil er zu viel von einem Aphrodisiacum getrunken hat.

Nun, wenn Sie die Räuber kennen würden, sicherlich wären Ihnen dann ein paar Namen im Gedächtnis geblieben: Schlammflussdrache, Weißer Aal oder Eiserner Büffel … Er handelt von lauter braven Männern, zu denen sich auch ein paar Frauen gesellen, sie haben sich zusammengetan, um gegen ein korruptes und verwahrlostes Kaisertum zu kämpfen, das ihre Rechte brutal missachtet.

Sie hatten miteinander geschlafen und dann las er ihr aus dieser Räuberpistole vor?

Nein, stattdessen! Er war es leid, dass sie bei seinen Liebesbemühungen beinah einschlief. Er hatte erkannt, dass er diesen Wettkampf nie gewinnen konnte.

Welchen Wettkampf?

Nun, den mit einem aus einem Abruzzendorf stammenden Römer, mit dem sie sieben Jahre zusammengelebt hatte. Er war Produktionsleiter in Cinecittà und war ein Liebhaber, der mit ihr wirklich alles angestellt hatte, was ein italienischer Liebhaber mit einer Frau anstellen kann. Der Ehemann merkte, er würde immer im Schatten dieses Abruzzenräubers stehen, den sie nur verlassen hatte, weil er mit ihr nach Afrika ziehen wollte, und in Afrika gab es für sie keine Arbeit, denn sie war ausgebildet als Restauratorin von Kunstwerken. Hinzukam, dass ihr Desinteresse an den Liebesbeweisen ihres Mannes auch dazu führte, dass sie nie schwanger wurde, obgleich sie nicht verhüteten. Da er sie aber von Herzen respektierte, las er ihr aus seinem Lieblingsbuch vor, das auch gut zu dem passte, was sich gerade in Deutschland abspielte: Die RAF war in vollem Angriffsmodus …

Was – die Royal Air Force warf wieder Bomben auf Deutschland? Daran kann ich mich gar nicht erinnern.

Nein, die Rote Armee Fraktion! Nie gehört? Meinhof, Baader und so weiter …

Ah ja, es dämmert mir! Gab es nicht einen Film darüber? Die bleierne Zeit. Und der Ehemann sympathisierte mit diesen Terroristen?

Nein, aber auch er hatte zeitweilig in den 60er Jahren die Mao-Bibel geschwenkt, auch seine Eltern waren Nazis gewesen, vielleicht zog er sich in die romantische Räuberwelt zurück, weil er sich vorwarf, selbst zu wenig gegen das Gesocks von Kiesinger und Co.

Was hätte erschon tun sollen?

Na, eine runterhauen.



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