Allen ihren Lebensentscheidungen hatte sie rationale Überlegungen zugrunde gelegt, was bei der Mitwelt oft den Eindruck von großer Vernunft hervorbrachte. Ihre Kolleginnen meinten zwar, dass sie hätte Arztfrau werden können, wenn sie nur mehr Geduld aufgebracht hätte. Auf den geeigneteren Partner warten zu können hätte größerer Charakterstärke bedurft. Aber auch der Handwerksmeister bot ihr die Möglichkeit zum Ausstieg aus der anstrengenden Krankenhausarbeit. So konnte sie die Zeit der Kindheit ihres einzigen Sohnes als Hausfrau verbringen, wenn auch das feministische Umfeld "Sofamutter" höhnte.
Ihre Ehe glich, wie so viele, eher einer Freundschaft als der großen Liebe. Die Bedingungen waren sorgfältig abgesprochen. Sie stellte ihre Eigentumswohnung zur Verfügung und übernahm die Hausarbeit, während er für den Lebensunterhalt sorgte. Dass ihr Mann seine Firma auf Betrug aufgebaut hatte, focht sie ebenso wenig an wie nicht ausgestandene Konflikte mit früheren Partnerinnen. Seinem verschlossenen Verhalten setzte sie ihr therapeutisches Wissen entgegen und so entstand ein erträglicher, wenn auch aufgrund zahlreicher Kompromisse holpriger Weg für beide.
Einzig die Tatsache, dass sein Sohn aus erster Ehe während der Pubertät beschloss, die Mutter zu verlassen und sich beim Vater einzunisten, störte sie und sie trachtete danach, ihn möglichst bald wieder loszuwerden, wenn sie sich auch nach außen hin ihm schwesterlich zuwandte, um ihr Ansehen nicht zu gefährden.
Adoption funktioniert ja nur, wenn der leibliche Elternteil entweder tot oder nicht mehr aufzufinden wäre. Auf diese Weise taumeln ja viele Patchworkfamilien durch ihr unvollkommenes Leben, was sie, anders als ihr Ehemann, durchaus empfand.
"Helfersyndrom!" diagnostizierte der Gatte zynisch hinter ihrem Rücken. Die seelische Kälte offenbarte sich in der Tat auch der Kommissarin erst bei mehrmaligem Hinsehen.
Die ausgebildete Krankenschwester hatte sich einer buddhistischen Vereinigung angeschlossen, nachdem das Lesen der Bibel ihr Kopfschmerz bereitet hatte. Diese Konversion hinderte sie allerdings nicht daran, bei allen ihren Entscheidungen den eigenen Vorteil in den Vordergrund zu stellen. Eurobuddhismus krankt ja oft daran, dass dem westlichen Menschen die Selbstbehauptung quasi mit der Muttermilch eingeflößt wird, so dass Meditation keinen weiteren Effekt als den einer Beruhigungspille aufweist.
Als ihr eigener Sohn mit knapp dreißig Jahren in Kreise geriet, die schweren Drogenmissbrauch begingen, sah sie keinen Zusammenhang mit dem Umstand, dass sie ihre Blutkrankheit von einem brasilianischen Schamanen hatte heilen lassen, nachdem die westliche Medizin ihr nicht mehr helfen konnte. So ein Magier operiert ja mit Lebenskraft, die irgendwo hergenommen werden muss. So bezahlt oft ein schwacher Angehöriger die Zeche, was weder von der Patientin und eventuell auch vom Behandler nicht wahrgenommen wird. Die Apotheke liefert Pillen mit Beipackzettel, auf dem mögliche Nebenwirkungen vermerkt sind, die alternative Behandlung schweigt sich darüber aus.
Die Kommissarin schloss die Wahrscheinlichkeit eines Gattenmordes in diesem Fall aus, da er dieser Frau keinerlei Vorteile gebracht hätte. So machte sie sich auf den Weg, andere Angehörige unter die Lupe zu nehmen.