Sie steht am Bahnhof, als habe sie etwas zu verbergen.
Eine alte Frau, die auf die Gleise schaut und sich fragt, welchen Sinn es nach dem Tod ihres geliebten Mannes noch haben könnte, in einen Zug zu steigen, um irgendwohin zu fahren.
Sie hat sich mit Schmuck behängt, aber keiner der angeblich so gefährlichen Jugendlichen will ihn ihr stehlen. Drogensüchtige oder Betrunkene lungern in dem schmalen Gang zwischen Bahnhof und Rhein. Haben mit sich selbst zu tun.
Bepinkeln sich, bekotzen sich und schwafeln sich an.
Niemand zieht ein Messer und will sie abstechen. Sie, die alte Frau, die wirkt, als habe sie etwas zu verbergen.
Sie schaut hinauf zur Rheinbrücke, dorthin, wo sie vor zwanzig Jahren mit ihrem Mann ein Herzschloss ans Geländer gekettet hatte. Längst sind tausende darüber gehängt worden.
Sie lächelt. Ich würde ja nicht mal aufs Geländer kommen mit meinen kaputten Knochen, wenn ich mich in den Rhein werfen wollte, denkt sie. Und weint etwas. Eine Gruppe lamentierender, migrantischer Jugendlicher bleibt stehen. Vielleicht ziehen sie ja ein Messer? denkt sie hoffnungsvoll. Aber sie rufen: Hey Umma, alles ok? Was geht? Sie schmunzelt und sagt: Ja, alles ok. Nix geht.
Dann wacht sie auf vom Schrillen des Handys. Die Rollade im Zimmer wirft Schatten auf die Batterie betriebene Kerze am Nachttisch. Sie flackert unstet. Mal geht sie an, mal aus. Die Batterien sind zu schwach. Aber die alte Frau hat keine zum Wechseln.
Puh, denkt sie, was für ein Traum. Nimmt den Anruf an. Ein alter Bekannter aus der Lyrikszene ist dran und fragt sie, ob sie mit ihm in Bielefeld eine Lesung halten möchte. Verwirrt und noch ganz im Traum des Mittagsschlafs gefangen legt sie auf.