Schnee-blind

Kurzgeschichte zum Thema Nachdenkliches

von  Moppel

 

Schnee fällt. Zunächst zögerlich, doch bald schon tanzen dicke Flocken um die Bäume. Landen wie Raumschiffchen lautlos.

Da ist es wieder, dieses seltsame Gefühl aus Kindertagen, wenn ich am Fenster saß und den Flocken zuschaute. Wie grazil sie waren, wie schön! Sie verbreiteten diese besondere Schnee-Stille, die entsteht, wenn die Schneemassen die Menschen in die Häuser zwingen. Wenn der Straßenlärm versiegt, als habe eine Decke ihn geschluckt. Ich liebte diese Stille. Mein Leben lang. Sie hat etwas Erhabenes.

Doch war da auch ein anderes Gefühl. Mein Kinderblick schweifte über die schneeverhangenen, mächtigen Tannen. Hin zu der steilen Anliegerstraße, die zu unserem Haus führte. Stundenlang wartete ich auf Vater, der zu den arbeitenden Menschen gehörte, die bei Schneetreiben nicht einfach zuhause bleiben konnten.

Ich war etwa fünf, als ich dachte: Die Kinder mit ihren Schlitten machen die Fahrbahn noch glatter. Papas Auto wird rutschen, er sich verletzen. Vielleicht sogar sterben. Meine Angst wuchs mit jedem rodelnden Kind, das ich sah. Daraus entstand eine nachhaltige Abneigung gegen Schlittenfahren und rutschige Untergründe im Allgemeinen. Eislaufen, Skifahren waren für mich tabu. Als ich älter war, genoss ich den Zauber der Winterlandschaft bei langen Spaziergängen mit dem Hund. Mein Schlitten jedoch blieb im Keller und ich mit einem spannenden Buch auf der Couch vor dem alten Ölofen.

Wieder beschleicht mich dieses Gefühl. Denn Schnee fällt. Autos rutschen, geben Vollgas. Die können hier alle bei Schnee nicht fahren, denke ich. Da bremst man mit dem Gang und fährt im Ersten. So hat mein Vater es mir beigebracht, als ich mit achtzehn im Sauerland den Führerschein machte. Ich fuhr gut, kam überall weg mit meinem Käfer, hatte nie einen Unfall. Aber die hier mit ihren Allwetterreifen, die keinen wirklichen Winter kennen, die bauen Massenkarambolagen und landen im Graben. Ich erinnere mich gut, wie oft mein Onkel erzählte, dass er wieder Flachlandtouristen, die mal kurz im Sauerland Schlitten fahren wollten, mit dem Trecker aus den Abhängen gezogen hat.

Und mein Enkel geht morgen auf Klassenfahrt. 60 Kinder mit Rheinlandbussen ins Hochsauerland. Niemals würde ich mein Kind da mitfahren lassen. Aber es ist mein Enkel, nicht mein Kind. Ich kann nur warnen, nicht entscheiden. Man tippt sich vor den Kopf und hält mich für verschroben.

Ich schaue auf die sich mit Schnee bedeckende Straße, Auf den Linienbus, dem die Hinterräder durchdrehen. Wenn es hier schon so ist, wie wird es im Hochsauerland sein? Ich weiß es, denn ich bin dort geboren.

Und die Angst steigt in mir auf wie die rote Säule im Fieberthermometer. Die Angst vor der gottlosen Unvernunft der Lehrerinnen. Und der Mutlosigkeit meiner Tochter, sich nicht lächerlich machen zu wollen mit einem Nein.

Und ich weiß, ich werde am Fenster stehen wie als Kind. Drei Tage lang. Beten und warten…

 



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Kommentare zu diesem Text


 Regina (07.01.26, 10:01)
Früher hatten wir unsere Freude an dem kleinen Schlittenhügel in der Nähe, wo kein Auto hochfahren musste. Könnte man sowas nicht mit der Klasse machen und Winterreisen, wenn sie denn schon sein müssen, den Eltern überlassen? Aber nein, Größenwahn schlägt Vernunft allemal heute. 
Freilich kann man Kinder nicht vor jedem Unfall schützen, aber man könnte, was nicht sein muss, unterlassen. Ich wünsche dem Enkel eine behütete Heimreise.

 niemand meinte dazu am 07.01.26 um 10:43:
@ Moppel

Und der Mutlosigkeit meiner Tochter, sich nicht lächerlich machen zu wollen mit einem Nein.
Es gäbe zwei Möglichkeiten, Obiges zu betrachten. Die erste wäre,

die Tochter sieht das Ganze weniger dramatisch. Es gibt Menschen, die sind von einer großen Zuversicht beseelt. Die zweite Möglichkeit wäre, dieses sich, besonders im Moment verstärkende "Abnicken" vieler Dinge, aus Angst nicht dazu zu gehören, aus Furcht mit dem Mainstream nicht mithalten zu können, so daß man sogar Privates in dieses "sich der Allgemeinheit beugen" einbezieht, obwohl man es nicht möchte. Auch eine Art  von Feigheit, welche zu beobachten ist.Ich persönlich kann Deine Angst voll verstehen und es tut mir Leid, dass Du Dich ihr unterwerfen musst und nichts tun kannst. Daher wünsche ich Dir einen guten Ausgang der Dinge und hoffe, Dein Enkel und auch die anderen Kinder kommen heil wieder zurück.  LG Irene

 Moppel antwortete darauf am 07.01.26 um 14:27:
danke Regina, erst ,uss er ja mal ankommen. Noch habe och darüber keine Nachricht. Und ich stimme einer AussaGE zu. LG von M.

 Moppel schrieb daraufhin am 07.01.26 um 14:33:
ich würde es eher naiv nennen als zuversichtlich, liebe Irene.
Ja, diese Stadt ist voller dominanter und rechthaberischer Menschen, die alles ganz genau wissen. Meine Tochter wohnt schon zzu lange hier, hat sich scheinbar angepasst.
Dieses aber ist eine Sondersituation. Und wie ich schon schrieb, schätzen Flachlandtiroler Wetter-und Straßenverhältnise im Hochsauerland oftmals falsch ein.
Die Idiotie der Lehrer, solch einen Ausflug im Winter zu planen, das grenzt schon an Verantwortunglosdigkeit. Klar, Nachtwanderung durch den verschneiten und vereisten Tannenwald ( würde nie ein Sauerländer machen!)und Lagerfeuer im Eisregen- eine sicherlich unnachahmliche Erfahrung für Kinder. Die ja mit 10 noch klein sind.
Ich krieg Schüttelfrost...
Danke und lG von M.

 niemand äußerte darauf am 07.01.26 um 14:57:
Das ist ja wirklich schlimm, liebe Monika. Wenn ich diese Aktivitäten hier lese, frage ich mich sind diese Lehrer wirklich schon dermaßen verblödet und fremdbestimmt? Ich könnte es noch verstehen, wenn sie aus der russischen Taiga kämen, wo die Menschen von Natur aus und bedingt durch Lebensumstände dermaßen abgehärtet sind. Aber 10-Jährige, die sowas noch nie erlebt haben, dermaßen unter Gefahr zu setzen, das ist schon starker Tobak. Ich weiß nicht, was den Menschen hier aufs Gehirn geschlagen ist, aber mir kommt der Verdacht, Corona hat nicht wenigen davon das Hirn ein wenig zersetzt. Es wäre lustig, wenn es nicht so ernst und traurig käme.
Ich wünsche, dass Deine Ängste sich auflösen und die Kinder wieder heil nach Hause kommen. Ich drücke die Daumen!  LG Irene

 Moppel ergänzte dazu am 07.01.26 um 18:20:
ich hoffe insrändig, dass sie sich nicht alle die Haxen brechen. Ich kenne den Ort. Wir sind als Jugendliche da öfters auf die Burg gefahren in der Nähe. Man kann tatsächlich nur beten...
Seltsam, seitdem Opa tot ist, gilt Oma irgendwie als dumme alte Frau...

 harzgebirgler (07.01.26, 14:57)
"gott befohlen!" könnte man zwar sagen
dennoch bliebe wohl ein unbehagen...

lg vom harzer

 Moppel meinte dazu am 07.01.26 um 18:21:
tatsächlich kann man es nur in Gottes Hände legen, Harzer. Dass er da mal ne ganze Horde Schutzengel hinschickt.

 Moja (07.01.26, 17:09)
Deine Befürchtungen kann ich voll verstehen, liebe Moppel, jetzt liegen quälende Tage des Abwartens und der Ungewissheit vor dir. Auch ich hoffe sehr, dass alles gut geht für die Kinder und sie heil zurückkommen. Und frage mich, ob denn immer alles, was irgendwie möglich ist, auch gemacht werden muss? Zuviel wollen, denke ich.
Komm gut über diese Tage, herzlichen Gruß vom Moja

 Moppel meinte dazu am 07.01.26 um 18:22:
ja, genau das ist der Punkt, Moja. Man hätte doch im Frühling fahren können. Naja, ich kann da außer Beten nix machen. Danke dir und lG von M.
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