Besuch in einer fremden Stadt

Reportage zum Thema Erinnerung

von  Citronella

Die Straßen und Wege hießen noch wie früher, ich ging sie noch einmal voller Neugier und Erinnerungen, wie ich sie jahrelang gerne gegangen war. Aber sie fühlten sich dennoch fremd an.


Die Straßenbahnen, die U- und S-Bahnen waren zum größten Teil moderner geworden, es waren dieselben Linien, die ich jahrelang täglich gerne gefahren war. Aber die Fahrgäste gaben ein komplett anderes Bild ab.


Die Geschäfte, in denen ich früher gerne gekauft hatte, existierten zum größten Teil nicht mehr. Sie trugen nun andere Bezeichnungen, andere Namen, und es gab kaum etwas, was mich hineingezogen hätte.


Die gewohnte Sprache, für mich immer der schönste Dialekt Deutschlands, war fast ganz verschwunden. Nur ganz vereinzelt, vielleicht in einem urigen Wirtshaus, klang es noch wie früher. Die Menschen in verschiedenen Service-Bereichen versuchten ihr Bestes, sich zu verständigen, was manchmal erst auf Nachfrage gelang.


Ordnung und Sauberkeit im öffentlichen Raum waren einmal vorbildlich gewesen, Graffitis eher selten. Jetzt unterschied sich die Stadt kaum noch von anderen, sie war nachlässiger geworden.


Die Zuverlässigkeit des öffentlichen Nahverkehrs bestand nur noch rudimentär. Durchsagen zu Zugausfällen oder Verspätungen erfolgten nicht einmal auf der Flughafenlinie, am Abreisetag schien der S-Bahn-Verkehr vollkommen durcheinander geraten zu sein. „Das passiert jetzt zwei- bis dreimal die Woche“, erklärte ein Wartender, während wir frierend seit mehr als einer halben Stunde ohne Information auf einem zugigen Bahnsteig standen. Die S-Bahn zum Flughafen endete diesmal drei Stationen vor dem Ziel. Und so blieb für den letzten Teil der Reise nur ein Taxi.


Am Ende dieses Kurzbesuches zu einem traurigen Anlass warf ich einen letzten Blick aus der Luft auf die Stadt, die mir einmal so viel bedeutet hatte, und wusste: Es würde nun endgültig der letzte Besuch gewesen sein. Es gab keinen Anlass mehr, noch einmal zurückzukehren.



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Kommentare zu diesem Text


 niemand (11.03.26, 18:41)
@ Citro
Diesen Text kann ich sehr gut nachempfinden. Wenn man an Orte aus der
Vergangenheit kehrt. Orte die man noch in sich verinnerlicht fühlt, dann ist das Enttäuschende nicht selten, dass man von gestern "träumt" aber quasi ein
"heute" bekommt. Das lässt sich dann nur selten, meist garnicht mehr vereinbaren.Ich persönlich halte es inzwischen mehr mit der Erinnerung.
So wird man nicht enttäuscht, es sei denn man trägt dieses Erinnerung [gestern] in die heutige Realität. LG Irene
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