Farben und Töne, Motherfucker und Metaphern
Betrachtung
von adlibitum
Als ich mich katepetel nannte, veröffentlichte ich folgenden Text in einem Literaturforum:
1.
Am Anfang allen Übels steht meine Mutter und heult. Am Ende liegt mein Vater in seinem Grab. Das Maul voll Erde. Auf seinem Grabstein steht mein Name. Mein Vater starb drei verdammte Wochen zu spät für eine Abtreibung. Er hatte keine Ahnung, dass es mich geben würde, als er sich im Suff auf die Landstraße gelegt hat, um noch ne Runde zu pennen. Ich glaub, der wollte einfach nicht nach Hause. So eine Alte wie meine Mutter kann man sich nicht schön saufen. Die hält man nur im Koma aus. Und er war halt noch kurz vor Koma. Aber schon so matschig im Hirn, dass er sich einfach hingelegt hat, drauf geschissen wo. Stell ich mir so vor. Hat nicht damit gerechnet, dass er einen Blutsbruder hat, der ihn totfährt. Blutsbruder sage ich, weil die Bonzenfotze, genauso besoffen war wie mein Alter. Exakt 3,1 Promille. War sowas von Pussy der Typ. Keine Eier, aber Papas BMW. Ist so einem scheißegal, ob er jemanden totfährt, wenn er Gas gibt. Aber dem Typ war glatt alles scheißegal. Der hat sich gleich mit totgefahren. Einmal über den Alten drüber und dann mit Vollgas rein in die deutsche Eiche. Kann sein, dass das der Plan war, dass er es von Anfang an auf die Eiche abgesehen hatte und mein Alter lag nur so im Weg rum. Kein Hindernis für einen BMW. Die Eiche aber. Am Ende ist die Natur doch stärker als der Mensch und seine Technik. So eine Kitsch-Tussi wie Marie findet das sicher beruhigend. Manchmal glaub ich, mein Alter hat vielleicht doch mit der Bonzenfotze gerechnet. Der war gar nicht zu verpeilt, sondern der hatte einfach keinen Bock mehr. Ich würds den Brüdern wünschen. Dann hätten die zwei feigen Säue zumindest einmal im Leben was gerissen, was sie sich selbst ausgedacht haben. Aber ich kanns nicht wissen. In den Akten steht nichts von Schicksal. Die Alte hätte mich gleich wegmachen sollen. Es gibt Länder, in denen man ein paar Wochen mehr hat. England zum Beispiel. London, das wäre doch geil gewesen, wenn mich so ein hochnäsiger Engländer aus ihr rausgeschabt hätte. Dass sie mich bekommen hat, war purer Egoismus. Die Schlampe hat ihre Chance gewittert. Meine Mutter ist nur dumm, wenns ums selber Checken geht. Wenns drum geht, andere abzuzocken, ist sie schlau. Dann kriegt sie Dollarzeichen in den Augen und lockt ihr Opfer in die Falle. Die hat die Schuld der Bonzeneltern gerochen, wie sie ihrem Loser-Sohn nachgeheult haben. Hat auf gebrochenes Herz gemacht. Gerade mal zwanzig und schon die Liebe ihres Lebens verloren, dann auch noch schwanger. Heiraten hatten sie wollen. Und jetzt nicht mal eine Witwenrente. Aber das Kind kann nichts dafür. Das solls doch einmal besser haben. Das haben die Bonzeneltern geschluckt. Wo sie den Sohn los waren, hatten die auch keinen mehr zum Schuld abbezahlen. War win-win für die ganze Heuchlerbagage. Gerade hatten es zwei junge Typen rausgeschafft aus ihrem Drecksleben und dafür musste ich rein. Marie sagt, ich sei ein Glück im Unglück. Aber da täuscht sie sich. Ich bin totgeboren. Seit ich mich erinnern kann, stehe ich an einem Grab und starre meinen eigenen Namen an.
Der Text war eine Parodie. Ich wandte mich damit an ein bestimmtes Grüppchen im Forum: die Hartgesottenen. Sie benahmen sich wie ich es aus der Schule kannte, von solchen die als die Coolen galten. Also von außen betrachtet, ziemlich peinlich. Aber innerhalb des Forums übten sie Macht aus. Sie gefielen sich darin, Texte zu vernichten. Sie bestimmten was Kitsch ist. Verachteten Metaphern.
Sie bedachten den Text dann auch mit Herzchen. Motherfucker heißt er, weil ein paar von ihnen gerade noch ein Muttergedicht einer älteren Dame zertrampelt hatten. Es war wie die Szene aus Kids, als eine ganze Gruppe auf einen einzelnen eindrischt. Vielleicht im Central Park.
Jahre später meldete sich eine Person im Forum an, deren Vater wirklich bei einem Verkehrsunfall vor ihrer Geburt gestorben war. Vielleicht auch kurz nachher. Aber es war kein Auto, es war ein Mofa oder ein Roller, vielleicht ein Motorrad. Es ist eine Person, die sich nicht gern erinnert. Einmal habe ich von dieser Person geträumt, sie stank ensetzlich.
Im Forum gibt es auch Menschen, die sich gegen das Denken an sich wenden. Ja. Im Literaturforum gibt es viele Ideologien. Ideologische Nichtdenker, Nichterinnerer, Nichtfühler. Aber für mich, ist alles, was sie ablehnen: Freiheit. Denken ist für mich ein ungesteuertes Ineinanderfließen von Tönen, Farben, Gerüchen und Bewegungen.
Der Text von katepetel ist Graubraun bis Ocker. Rhythmisch eintönig, immer wieder dasselbe Bam bambam bam.