DER MAN, DER VIEL ZU SPÄT SPRACH
Monolog
von Drita
(Rolf steht auf der Bühne mit einem Strauß weißer Rosen in der Hand.)
Ich bin Rolf.
Ein Mann, der immer geglaubt hat, er könne das Leben verstehen.
Ein Mann, der dachte, dass die Liebe nur der Geduld bedürfe.
Und jetzt stehe ich hier.
Mit leeren Händen.
Mit einer Stimme, die zu spät vernommen wird.
(Er nimmt eine Rose aus dem Strauß und betrachtet sie lange.)
Bin ich denn ein Versager?
Oder einfach ein Mensch, der zu lagen geschwiegen hat?
Dalina.
Dalina.
Dein Name ist keine Erinnerung.
Dein Name ist Licht.
Ein Licht, das die Dunkelheit durchläuft, ohne völlig zu verlöschen.
(Er legt langsam eine Rose auf den Boden.)
Dein Name ist Hoffnung für jene, die keine Hoffnung mehr hatten.
Und vielleicht …
Vielleicht auch ein Fluch für jene, die dich nicht zu retten vermochten.
Ich sehe dich noch.
An der Haltestelle.
Inmitten der fremden Gesichter.
Die Menschen kamen, die Menschen gingen.
Die Züge fuhren weiter,
das Leben ging weiter –
aber du …
Du bliebst dort, als wartetest du auf etwas, was niemals kommen würde.
Allein.
Immer allein.
(Er reicht jemandem im Publikum eine Rose.)
Du gingst zum Restaurant „Blinde Kuh“.
Allein.
Du aßest, als ob die Speise dir keine Wärme gäbe.
Und ich?
Ich dachte, du seist nur eine schweigsame Frau.
Eine komplizierte Frau.
Eine melancholische Frau.
Ich sah nicht, dass du schon halb gebrochen warst.
Ich sah deine Augen, aber nicht deine Nacht.
Ich sah dein Antlitz, aber nicht deine Wunden.
(Er verteilt langsam eine andere Rose.)
Und vielleicht …
Vielleicht ist das meine Schuld.
Manchmal frage ich mich:
Wann beginn ein Mensch zu sterben?
Wenn sein Herz aufhört zu schlagen?
Oder dann, wenn ihn wirklich niemand mehr sieht?
Dalina …
Du warst von Menschen umgeben und dennoch verlassen.
Wie unbarmherzig die Welt sein kann.
Sie gibt dir Straßen, Restaurants, Städte, Licht –
aber kein Zuhause.
Kein Zuhause.
(Er drückt eine Rose ans Herz.)
Und ich wollte dir eines bauen.
Nicht aus Stein.
Nicht aus Beton.
Nicht aus kalten Mauern.
Ich wollte dir ein Haus bauen aus Wärme.
Aus Schweigen.
Aus Vertrauen.
Ein kleines Haus irgendwo,
mit weißen Vorhängen,
einem Edelweißgarten
und einem Fenster, durch welches das Morgenlicht fällt.
Ein Ort, wo du endlich ohne Furcht schlafen kannst.
Ohne Krieg.
Ohne Erinnerungen.
Ohne Stimmen aus der Vergangenheit.
Aber ich habe sehr lange gewartet.
Ich habe sehr lange nachgedacht.
Ich habe sehr lange geschwiegen.
Und das Schweigen …
Es kann erbarmungsloser sein als der Hass.
(Er zerdrückt fast die Rose in der Hand.)
Dalina …
Während ich schlief in warmem Bett,
unter einer weichen Seidendecke,
kehrtest du zurück zu deinen Wurzeln.
In dein Land.
Zu deinem Schmerz.
Ich erinnere mich an das Datum.
Juni 1999.
Die anderen vergessen die Daten.
Ich nicht.
Einige Tage brennen für immer in der Seele.
Du kehrtest zurück in ein Land voller Wunden.
Und dort …
Dort schliefst du auf einem Grab.
Vielleicht auf dem Grab deiner Mutter.
Vielleicht auf dem Grab deines Vaters.
Vielleicht auf dem Grab deiner Kindheit.
(Er legt eine weitere Rose auf den Boden.)
Wer macht schon solche Sachen?
Nur ein Mensch, der keinen Platz mehr auf der Welt hat.
Und ich frage noch immer:
Wo war ich?
Warum war ich nicht an deiner Seite?
Warum hielt ich dich nicht fest?
War ich feige?
War ich blind?
Oder einfach ein Mann, der gelernt hatte, seine Gefühle zu verbergen, bis sie zu Stein wurden?
Dalina …
Du warst niemals nur eine Frau.
Du warst viele Frauen zugleich.
Du warst jene, die schweigend leidet.
Jene, die den Krieg im Körper mit sich trägt.
Jene, die in der Nacht lächelt, damit keiner ihre Angst bemerkt.
(Er verteilt zwei Rosen zugleich.)
Du warst alle Frauen, die gelernt hatten zu gehorchen, statt zu leben.
Frauen, die niemals gefragt wurden, was sie selbst wollten.
Frauen, deren Entscheidungen getroffen wurden von den Männern.
Von den Vätern.
Von den Brüdern.
Von der Tradition.
Von der Angst.
Und dennoch …
Unabhängig von allem …
Du bewahrtest die Liebe in dir.
Wie war das möglich?
Wie kann ein Mensch nach so vielen Schmerzen weiterhin lieben?
Ich denke, das war deine größte Schönheit.
Nicht dein Antlitz.
Nicht deine Stimme.
Nicht deine traurigen Augen.
Sondern die Tatsache, dass dein Herz nicht ganz gestorben war.
(Er riecht an einer Rose wie an einer Erinnerung.)
Du wolltest weggehen.
Immer.
Von den Menschen.
Von den Erinnerungen.
Von deiner Vergangenheit.
Aber der Mensch kann das Vaterland nicht aus seinem Blut reißen.
Du trugst stets das Albanersein in dir.
Hier.
Im Herzen.
Wie eine offene Wunde.
Wie ein Lied, das niemals endet.
Und vielleicht hofftest du, die Welt zu ändern.
Vielleicht wolltest du eine bessere Geschichte schreiben.
Eine gerechtere.
Eine mildere.
Eine Welt, wo die Frauen nicht gebrochen werden, um als stark zu gelten.
Vielleicht wolltest du den Krieg besiegen.
Vielleicht das Schicksal.
Vielleicht einfach nur leben.
Einfach nur leben.
Aber das Leben war nicht sanft zu dir.
(Er blickt lange ins Publikum.)
Und dann gingst du weg.
So plötzlich.
So endgültig.
Die Leute sagen:
Der Tod bringt Frieden.
Nein.
Nicht immer.
Manchmal bringt er nur Schweigen.
Und Schweigen ist nicht Frieden.
Es kann Einsamkeit sein.
Es kann Reue sein.
Es kann Schuld sein.
Dalina …
Ich spreche heute, weil ich damals geschwiegen habe.
Das ist meine Strafe.
Jedes ungesagte Wort wiegt mir wie ein Stein auf der Brust.
Und manchmal denke ich:
Vielleicht ein einziges Wort hätte genügt.
„Bleib.“
Oder:
„Ich brauche dich.“
Oder einfach:
„Ich liebe dich.“
(Er gibt einem alten Mann im Publikum die vorletzte Rose.)
Aber ich sagte nichts.
Nichts.
Weil ich Angst hatte.
Angst vor der Nähe.
Angst vor der Wahrheit.
Angst davor, mich selbst zu verlieren.
Und jetzt habe ich dich verloren.
Ist das nicht eine Ironie?
Der Mensch schützt sich vor dem Schmerz, bis der Schmerz selbst zu seinem Leben wird.
Dalina …
Du suchtest immer die Würde.
Nicht Reichtum.
Nicht Ruhm.
Nicht Erbarmen.
Würde.
Einen Ort, wo deine Seele nicht mehr kämpfen musste.
Und dieser Alban …
Dieser Mann, auf den du wartetest …
Der niemals kam …
Ja.
Vielleicht hat er Schuld.
Vielleicht hat er Schuld, dass du immer hofftest.
Vielleicht hat er Schuld, dass ich niemals wagte, dir meine Liebe zu offenbaren.
Weil ich mich neben deinem großen Wunsch so klein fühlte.
Wie hätte ich mit einem Gespenst kämpfen können?
Mit einer Erinnerung?
Mit einer Liebe, die stärker war als die Zeit?
Aber heute …
Heute schweige ich nicht mehr.
Heute strömt alles aus mir.
Heute bin ich wie ein Fluss, der seine Quelle verloren hat.
Und deshalb sage ich es jetzt.
Endlich.
Viel zu spät.
Aber aufrichtig.
Ich glaube, ich liebe dich, Dalina.
Ja … ich glaube, ich liebe dich.
Nicht wie ein Held.
Nicht wie ein Retter.
Nicht wie ein Sieger.
Sondern wie ein müder Mensch, der erst zu spät begriffen hat, dass Liebe nicht vollkommen sein muss, um wahr zu sein.
(Er betrachtet die letzte Rose in der Hand.)
Und noch immer will ich ein Haus bauen.
Nicht aus Stein.
Nicht aus Mauern.
Sondern aus Liebe.
Aus Erinnerung.
Aus Worten.
Vielleicht ist das alles, was mir geblieben ist.
Worte.
Verspätete Worte.
(Er legt langsam die letzte Rose auf den Boden.)
Und dennoch …
Manchmal höre ich noch deine Stimme.
Im Wind.
An den Haltestellen.
Auf den Straßen im Regen.
Nachts, wenn die Welt schweigt.
Dann denke ich, dass du noch irgendwo auf dieser Welt herumgehst.
Erschöpft.
Schön.
Traurig.
Wie ein verlorenes Licht.
Und vielleicht …
Vielleicht verzeihst du mir eines Tages.
Vielleicht verstehst du, dass einige Menschen erst dann zu lieben lernen, wenn sie alles verloren haben.
Ja, Dalina …
Du hattest recht.
Ich war niemals dein Albaner.
Auch nicht jener Mann, auf den du wartetest.
Auch nicht jener, der deine Vergangenheit zu heilen vermochte.
Aber glaube mir:
Kein Mensch hat mehr um dich getrauert als ich.
Und kein Schweigen ist jemals schwerer gewesen als meines.
Nachwort
Dieser Monolog ist nicht aus dem Wunsch geboren, ein Theaterstück zu schreiben. Er ist das Ergebnis einer inneren Stimme, die nicht länger schweigen konnte.
Die Figur der Dalina begleitet mich schon seit einer langen Zeit. Mit ihr kamen Erinnerungen, Ansichten, Fragen und eine tiefe Traurigkeit über die Menschen, die mitten unter uns leben und dennoch unsichtbar bleiben.
Der Monolog „Der Mann, der viel zu spät sprach“ ist eng mit meinem Roman „Gefangenes Licht“ („Drita e burgosur“) verbunden.
Beide Werke gehören der gleichen seelischen Welt an.
Sie sprechen von Verlust, Krieg, Einsamkeit, Emigration, Würde der Frau und jener Liebe, die oft erst dann verstanden wird, wenn es schon zu spät ist.
Rolf ist nicht nur eine einzige Figur. Er repräsentiert viele Menschen, die fühlen, aber schweigen.
Jene, die ihre Liebe verbergen, bis das Leben ihnen keine Zeit mehr lässt.
Dalina hingegen ist mehr als nur eine Frau.
In ihr leben die Stimmen vieler Frauen: der Frauen des Kriegs, der Frauen des Schweigens, der Frauen der Erinnerung, der Frauen, die zu überleben gelernt haben, auch wenn ihre Seelen schon seit langer Zeit erschöpft sind.
Dieses Buch wünscht niemanden anzuklagen. Es wünscht zu erinnern.
Zu erinnern, dass hinter jedem schweigsamen Menschen sich eine Geschichte verbergen kann, die niemand kennt. Und dass manchmal ein einziges zur rechten Zeit ausgesprochenes Wort ein Leben verändern kann.
Vielleicht existiert die Literatur genau für diesen Zweck: dass das Unausgesprochene wenigstens eine Stimme erhält.
Ich widme diesen Text sowohl jenen Menschen, die viel zu spät gesprochen haben, als auch jenen, auf die niemand gewartet hat.
Drita Ademi