Mein erster Verrat

Text

von  Verlo

Ich war drei oder vier Jahre alt und wegen Gelbsucht im Krankenhaus Glauchau. Begleitet hat mich mein Stoffaffe Bimbo.

Abends haben die älteren Jungs sich die Zeit mit mir vertrieben. Es waren nur wenige Schwestern auf der Stadtion, und wenn sie durch mein Rufen, mein Schreien in Zimmer kamen, sagte die anderen, ich hätte Sehnsucht nach meiner Mutter.

Ja, ich war ein Muttersöhnchen. Mein Vater war tödlich verunglückt, als ich acht Wochen alt war. Seitdem waren meine Mutter und ich allein.

Mehrere Tage probierten die Jungs mit Buntstiften aus, ob ich bereits eine Frau war.

Vielleicht wollten sie mich auch zur Frau machen. Mich schönen blonden Jungen mit blauen Augen.

Später würde noch einigen einflußreichen Herren das Wasser aus dem Mund tropfen, wenn sie mich vermutete Unschuld sahen ...

Ich wollte keine Frau werden. 

Die Jungs sagte: wenn du dich nicht mehr untersuchen läßt – die waren die Onkel Doktor –, tun wir deinem Affen ganz dolle weh. Wir drehen ihm jeden Arm so und jedes Bein so weit, bis sie abreißen. Und sie deuteten mit einem Arm an, was sie tun würden.

Ich wollte meinem lieben Affen nicht weh tun lassen.

Abend um Abend nicht.

Aber dann konnte ich nicht mehr.

Ich schrie: Ihr könnt mit meinem Affen machen, was ihr wollte, aber nicht mehr mit mir. 


Viele Jahre später fragte ich meine Mutter, ob ich ihr davon erzählt hätte. Nein, sagte sie.

Ich fragte meine Mutter, wo mein Affe Bimbo geblieben ist. Sie sagte, ich hätte keinen Affen gehabt, sondern einen Bären, der den Kopf drehen konnte.

Ja, sagte ich, den habe ich noch. Aber ich habe ihn nie lieb gehabt.




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Kommentare zu diesem Text


 Moppel (04.07.26, 12:07)
eine beeindruckende und berührennde Geschichte, Verlo. Kinder neigen dazu das, was ihnen weh tat, zu verdrängen und komplett zu ersetzen.
lG von M.
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