Unschlüssig, was ich mir heute Mittag auf die Schnelle kochen könnte, lasse ich mich durch den Discounter treiben und bleibe vor dem Regal mit Dosensuppen hängen. Während ich versuche, die kleingedruckten Etiketten zu entziffern, höre ich unfreiwillig das Gespräch eines Paares, Ende 50 vielleicht, mit. Wollten wir nicht noch Kekse kaufen? Was meinst du? fragt sie Seit drei Tagen kaufen wir Kekse, antwortet er, abwägend, als müsse er über eine Geldanlage über 30.000 E entscheiden. Lass uns bitte beim Bäcker eine Eierschecke mitnehmen. Wäre das ok für dich?
Ich überlege, in welchem Bundesland man „Kekse“ sagt. Bei mir heißen die „Plätzchen“. Schon immer. Und ich überlege, in welchem Stadium einer Beziehung man so übertrieben höflich miteinander redet. Beim Einkaufen.
Ganz am Anfang. Wenn man sich eigentlich noch fremd ist. Haben sich vielleicht auf einer Dating-Plattform kennengelernt und sie besucht ihn jetzt das erste Mal, schießt es mir durch den Kopf. Derweil ich angewidert die Dose mit Hühner-Nudel-Topf zurückstelle.
Ich sprinte zur Kasse. Denn der Bus fährt samstags nur jede halbe Stunde. Und ich muss noch mit dem Hund raus. Überhole das Paar und lege an der Kasse meine Ware auf. Ach, da war aber jemand schneller, höre ich die bekannte Stimme, jetzt unfreundlich. Ich schaue hoch und blicke in wasserblaue, kalte Augen, Rundgesicht, auf Halbglatze. Die Frau lächelt entschuldigend. Und ich denke: Lass die Finger von dem Alten. Der ist nicht wirklich nett.
Derweil entspinnt sich ein beinahe philosophisches Gespräch zwischen den Beiden. Was wollten wir denn noch kaufen? Hach, man vergisst immer ein Teil, oder? Kaffee, Butter, Eier…irgendwas noch. Kekse, sage ich trocken und ernte einen bösen Blick von ihm. Fällt dir jetzt auch nicht ein, oder? Nee.
Menschen in vertrauten Beziehungen nennen sich beim Namen, denk ich. Ich hätt jetzt gesagt: Achim, irgendwas haben wir vergessen. Und du hättest geantwortet: Ich weiß auch nicht, Moni. Manche sagen auch, wenn sie frisch verliebt sind „Schatz“. Ok, verliebt sind die nicht, denke ich, während ich meinen Einkauf um den kostbaren Mohnstreusel, den es so lecker nur an diesem einen Marktstand gibt, drapiere. Der Bus ist weg und ich trödele.
Vor dem Eingang des Ladens laufe ich direkt auf das Paar zu. Wieder mal unschlüssig, stehen sie vor ihren pompösen E-Bikes. Wohin fahren wir denn jetzt? Was meinst du? Nach Hause, den Einkauf wegbringen oder noch etwas Rad? Sie schnallen sich ihre Helme auf. Äh ja, denke ich und grinse. Lange kennen die sich noch nicht. Sonst hätten sie das beim Frühstück schon geplant.
Meine Güte! Ich habe vierzig Jahre lang auf meinem Rad alles transportiert, Baby, Geranien, Dackel, Berge von Einkäufen. Manchmal alles zusammen. Ohne E und ohne Helm.
Der Mann läuft mir vor die Füße. Ich sag nix, schaue an ihm herunter. Er trägt eine jener so stylischen wie lächerlichen Radrennfahrerhosen, die seine dürren Beine noch dünner erscheinen lasen. Vielleicht sollte er doch noch ein paar Kekse kaufen, denk ich.
Und vergleiche gedanklich mit meinem Mann und seinen kräftigen Oberschenkeln und Waden, um die er die Jeans kurzerhand mit Wäscheklammern zusammenklemmte, damit die Hose nicht in die Kette käme. Und es war ihm völlig schnurz, wie das aussah.
Wieder muss ich grinsen, als sie die schweren Räder auf die Straße manövrieren. Autos hupen, aber sie sind im Gespräch. Immer noch, unglaublich höflich, uneins darüber, wohin es nun gehen soll.
Dann ruft sie, als bereits das dritte Auto hupt: Dann bitte ich dich, doch vor zu fahren. Ich folge dir dann. Tja, denke ich, so wird es wohl bleiben. Bis es ihr auffällt. Und sie wieder auf der Dating-App nach der Liebe ihres Lebens sucht…