Arbeitsalltag
Glosse
von SchroedingersKaters
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Ich betrete das Gebäude wie immer durch den Hintereingang.
Nicht, weil ich mich unbemerkt einschleichen möchte. Der Fahrradstellplatz ist einfach dort.
Mehr Bedeutung hat es nicht. Oder vielleicht doch. Vielleicht ist es einfach der ehrlichere Zugang.
Weniger Vollverglasung, weniger Aufmerksamkeit.
Mit dem ersten Schritt durch die Tür ist sie da, diese Stimmung.
Schlechte Laune wäre zu harmlos formuliert. Es ist eher ein sofortiges Absacken. Wie ein Aufzug ohne Tragseile.
Ich denke: Du könntest auch einfach wieder gehen und deine Lebenszeit sinnvoller gestalten
– Longevity.
Wie erwartet gehe ich nicht. Ich habe einen Vertrag unterschrieben.
Meine Arbeit fühlt sich in diesem Moment an wie das Sinnloseste auf diesem Planeten. Ich weiß, das ist übertrieben, und vermutlich gibt es objektiv Sinnloseres.
Aber hier, in diesem Gebäude, genau in diesem Augenblick, gewinnt meine Tätigkeit mühelos jeden Wettbewerb.
Und dann ist da noch mein Teamleiter.
Ich korrigiere mich innerlich: Teamleiter ist ein Titel. Eine Behauptung. Ein Fantasiegebäude.
Wer sich über den Bundeskanzler zweiter Wahl beschwert, sollte einen Tag mit meinem Teamleiter verbringen. Der Kanzler wirkt dagegen wie ein Ohrenschmeichler. Ein durchdachtes Konzept.
Ich frage mich regelmäßig, welches Team er eigentlich leitet.
Unseres kann es nicht sein.
Vielleicht gibt es im Keller ein geheimes, hochproduktives Heinzelmännchen-Team, das die Arbeit erledigt, die wir für unsere eigene halten – oder auch nicht.
Das würde zumindest erklären, warum hier alles weiter funktioniert.
Es ist die einzige logische Erklärung.
Eine seiner bemerkenswertesten Angewohnheiten betrifft seine Tür.
Seine Tür.
Und jetzt sind wir wieder bei der Aufmerksamkeit.
Sie steht immer offen. Sperrangelweit. Als Einladung oder als Drohung. Ich bin mir nicht sicher. Und direkt gegenüber mein Büro.
Meine Tür ist geschlossen. Wie die einer mittelalterlichen Burg – leider ohne Graben. Wenn ich mein Büro verlasse, ist diese Tür in meinem Blickfeld, ob ich will oder nicht.
Wie ein permanenter Rahmen ohne Inhalt. Oder vielleicht ist er selbst das Bild.
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit …“
Der Satz schiebt sich ungefragt in meinen Kopf.
„… dort sitzt der Herr der Herrlichkeit.“
Ich starre kurz auf die offene Tür und frage mich, ob er dieses Lied in seiner Kindheit zu oft hören musste. Ob sich da etwas festgesetzt hat. Eine Idee von absoluter Wichtigkeit.
Dort sitzt er jetzt.
Hinter einer offenen Tür.
Wahrscheinlich wartet er, dass jemand eintritt.
Ich trete nicht ein.
Meine Tür ist geschlossen.
Ich sitze da, schaue auf meinen Bildschirm und denke:
Das ist also mein Alltag.
Nicht spektakulär oder dramatisch. Nur … konstant irritierend.
Und irgendwo zwischen offener Tür, konstanter Genervtheit und der Frage, warum ich eigentlich hier bin, wird mir klar:
Das hier ist ein eigener Mikrokosmos.
Mit eigenen Regeln.
Eigener Logik.
Und sehr eigener Realität.
Ich atme tief durch und greife nach meiner imaginären Arbeit.