Das Wasser und seine höhere Bestimmung

Satire zum Thema Esoterik

von  AnselmusFederkiel

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Bild: unter Mithilfe eines automatischen Vernunftapparates erstellt


Mein Taschentelegraph meldete sich unlängst durch ein unschickliches Vibrieren in der Rocktasche. Die Botschaft kam über einen sogenannten Messenger – eine der wenigen neuzeitlichen Bezeichnungen, die wenigstens dem Namen nach noch an das gute alte Telegramm erinnert.
Er unterrichtete mich über eine Entdeckung, welche der Menschheit seit dem Jahre 2017 zur Verfügung steht, ohne daß dieselbe davon bislang in gebührendem Maße Gebrauch gemacht hätte.

Man kann Wasser einkochen.

Diese Nachricht allein hätte mich kaum beunruhigt. Meine Großmutter kochte Pflaumen ein, meine Mutter Kirschen, und beiden wäre vermutlich auch Wasser gelungen, hätte man ihnen einen vernünftigen Grund dafür genannt.

Die „Bild der Frau“ lieferte ihn. Unter Berufung auf die Ayurveda-Lehre wurde empfohlen, einen Liter Wasser bei mittlerer Hitze und ohne Deckel auf etwa 875 Milliliter zu reduzieren. Die Wassermoleküle würden dabei neu geordnet, ihr Molekularverbund verdichtet und dem Wasser auf diesem Wege zu besonderer Bekömmlichkeit verholfen.

Hier legte ich den Taschentelegraphen beiseite.

Gegen Ayurveda ist damit noch gar nichts gesagt. Die alte indische Heilkunde empfiehlt heißes oder abgekochtes Wasser seit Jahrhunderten und verbindet damit Vorstellungen von Verdauung und Wohlbefinden. Das mag man glauben oder lassen; immerhin weiß man, in welchem Hause man sich befindet. Und in Gegenden, in denen sauberes Trinkwasser keineswegs selbstverständlich war, besitzt das Abkochen einen so handfesten Nutzen, daß man dafür weder Molekülcluster noch höhere Mächte bemühen muß.

Erst als die Moleküle ins Spiel kamen, wurde es erklärungsbedürftig.

Gewöhnliches Wasser hat es heutzutage schwer. Zwei Wasserstoffatome und ein Sauerstoffatom genügten der Menschheit lange Zeit. Nun muß es geordnet, aktiviert, strukturiert und nach Möglichkeit so behandelt werden, daß es seines früheren Zustandes mit einer gewissen Verlegenheit gedenkt.

Der Alchemist vergangener Jahrhunderte wollte wenigstens noch Blei in Gold verwandeln. Sein moderner Nachfolger ist bescheidener geworden: Ihm genügt es, aus Wasser besseres Wasser zu machen.

Ich beschloß den Selbstversuch.

Der Topf wurde mit einem Liter Leitungswasser versehen und auf das Feuer gestellt. 125 Milliliter mußten gehen – vermutlich ins ayurvedische Nirwana.

In der Küche nennt man das Vermindern einer Flüssigkeit eine Reduktion. Gibt man dem Vorgange einen französischen Namen und einen Paul Bocuse hinzu, gewinnt er augenblicklich an Würde.

Ich betrachtete mein Werk daher fortan als „Réduction suprême d’eau à l’ancienne".

Mit der Ernsthaftigkeit eines Paul Bocuse wurde das Wasser seiner thermischen Veredelung unterzogen. Serviert werden sollte die Réduction ohne Beilage; der Dampf empfahl sich bereits während der Zubereitung als Gruß aus der Küche.

Das Verfahren erinnerte in seiner Logik entfernt an die Urananreicherung: beträchtlicher Energieeinsatz, ein schwindender Ausgangsstoff und am Ende eine kleinere Menge, der man erheblich größere Bedeutung beimißt.

Mein Nebenprodukt beschlug immerhin nur das Küchenfenster.

Nach elf Minuten besaß ich etwa 875 Milliliter Flüssigkeit, die äußerlich noch immer verdächtig an Wasser erinnerte.

Nun begann der wissenschaftliche Theil des Versuches.

In Betracht kamen eine thermohydrische Molekularreorganisation, eine gesteigerte H₂O-Clusterstabilität, die Verdichtung einer bioverfügbaren Hydratationsmatrix sowie eine zeitabhängige Siedekohärenz.

Letztere beschäftigte mich besonders. Wenn elf Minuten den gewünschten Zustand herbeiführen, muß bei zehn Minuten naturgemäß noch ein strukturelles Defizit vorliegen. Bei zwölf wäre dagegen womöglich bereits mit molekularer Überveredelung zu rechnen. Wo genau das Wasser auf diesem Wege aufhört, gewöhnliches Wasser zu seyn, ließ sich der Anleitung nicht entnehmen.

Leider verfügte mein Haushalt weder über ein Massenspektrometer noch über einen staatlichen Forschungsetat. Die vermutete Neuordnung der Wasserstoffbrücken mußte daher vorerst durch sorgfältiges Anschauen festgestellt werden.

Der Versuch war dennoch nicht völlig ergebnislos.
Die während der thermohydrischen Behandlung freiwerdende Quantenfeuchte ließ sich ohne besondere Meßgeräte an der beschlagenen Fensterscheibe nachweisen.

Damit war wenigstens ein physikalisches Ereignis zweifelsfrei belegt.

Die innere Verfassung des verbliebenen Wassers erwies sich hingegen als schwerer zugänglich. Weder gesteigerte Zellgängigkeit noch molekulare Erleuchtung waren äußerlich zu erkennen. Auch der Molekularverbund verweigerte jede Stellungnahme.

Ich erweiterte daher das Untersuchungsfeld.

Zuerst um Alchemie, sodann um weiße Magie. Nachdem auch dort keine befriedigende Auskunft zu erhalten war, wurde – nach kurzer wissenschaftsethischer Abwägung – die schwarze Magie zugelassen.

Noch immer: Wasser.

Nun blieb nur die höhere Lehranstalt.

Zur endgültigen Bestimmung des Wesens der Flüssigkeit wurde der Sprechende Hut hinzugezogen. Ich setzte ihn auf den Topf und wartete.

Er schwieg.

Ich wartete weiter.

Schließlich zog er seine Krempe in nachdenkliche Falten, räusperte sich und rief mit einer Überzeugung, die mir bei den bisherigen Untersuchungen gefehlt hatte:

„Hufflepuff!“

Damit blieb die molekulare Struktur zwar ungeklärt, wenigstens aber war die akademische Laufbahn gesichert.

Während mein Versuchswasser in einer Thermoskanne seiner höheren Bestimmung harrte, nahm ich den Taschentelegraphen wieder zur Hand, recherchierte ein wenig – und stieß schließlich auf die Wissenschaft.

Im Jahre 2020 hatten Forscher in Pune 60 Beschäftigte zweier IT-Unternehmen sieben Tage lang warmes, abgekochtes Wasser trinken lassen. Erfragt wurden unter anderem Appetit, Verdauung, Aufstoßen, Blähungen, Stuhlgang, Harndrang, Mundgeruch und Geschmacksempfinden.

Eine Kontrollgruppe gab es nicht. Das ist bedauerlich. Sechzig weitere Programmierer, die eine Woche gewöhnliches Wasser trinken, wären gewiß aufzutreiben gewesen. Womöglich sogar gegen Bezahlung.

Nach sieben Tagen meldete die Untersuchung Verbesserungen in zahlreichen abgefragten Bereichen. Besonders erfreulich entwickelte sich der Mundgeruch.
Die Sinneswahrnehmung hingegen blieb unverändert.

Hier zeigte sich die Wissenschaft unerwartet widerstandsfähig.

Inzwischen verlangte auch mein eigenes Präparat nach weiterer Behandlung. Die Empfehlung, das Wasser nach einigen Stunden erneut zu erhitzen, erkannte ich nun als das, was sie im Grunde war: eine thermische Schutzimpfung. Die elfminütige Erstbehandlung hatte lediglich der Grundimmunisierung gedient.

Die Terminologie lag nahe. Ein seinerzeit sehr präsenter Gesundheitsökonom hatte das Publikum schließlich mit großer Beharrlichkeit in Wesen und Nutzen der Auffrischung unterwiesen.

Nach sechs Stunden erhielt mein Wasser seinen Booster. Von weiteren Auffrischungen sah ich einstweilen ab, da selbst die Wissenschaft über deren Anzahl offenbar noch zu keinem abschließenden Befunde gelangt war.

Am Abend war die Thermoskanne leer.

Aus einem Liter gewöhnlichen Leitungswassers waren 875 Milliliter ayurvedisch veredeltes Wasser, eine französische Réduction, eine entfernte Verwandte der Isotopenanreicherung, mehrere Molekülverbände, eine thermische Schutzimpfung, eine kleine wissenschaftliche Untersuchung und ein Angehöriger Hufflepuffs geworden.

Nur die fehlenden 125 Milliliter hatten sich jeder weiteren Untersuchung entzogen.

Sie waren als Quantenfeuchte ins ayurvedische Nirwana eingegangen.




Anmerkung von AnselmusFederkiel:

Den Anstoß zu dieser Betrachtung gab ein seit Jahren durch die sozialen Medien wandernder Zeitungsausschnitt über sogenanntes „eingekochtes Wasser“. Die dortige Empfehlung, einen Liter Wasser auf etwa 875 Milliliter einzukochen, erwies sich als erstaunlich ergiebiger Ausgangspunkt.

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