Chemnitz oder die hohe Kunst des Stillstandes – Possen aus der Provinz – Theil I

Satire zum Thema Realität

von  AnselmusFederkiel

Noch im vergangenen Jahre durfte Chemnitz sich Kulturhauptstadt Europas nennen. Besucher kamen, Fahnen wehten, Reden wurden gehalten, und allerorten versicherte man sich gegenseitig, welch verheißungsvolle Zukunft nun angebrochen sei.

Kaum ist der europäische Glanz ein wenig verblichen, arbeitet die Stadt bereits am nächsten Titel: Baustellenhauptstadt des Abendlandes.

Annaberger Straße, Augustusburger Straße, Bernsdorfer Straße, Zwickauer Straße, Theaterstraße – die Aufzählung besitzt mittlerweile die Feierlichkeit einer Litanei. Die Baustelle am Falkeplatz soll uns gar bis 2027 erhalten bleiben, und wer befürchtete, der Vorrath an verengten Fahrbahnen könne zur Neige gehen, darf beruhigt sein: Am Rosenplatz wird bereits für Nachschub gesorgt.

Man muß der Chemnitzer Verkehrsplanung eine gewisse Konsequenz lassen. Der Individualverkehr wird hier nicht durch schnöde Verbote bekämpft. Das wäre viel zu gewöhnlich. Man gestattet dem Bürger weiterhin vollkommen frei, sein Automobil zu besteigen, Benzin zu verbrennen und sodann an einem Orte seiner Wahl stillzustehen.

Auch die Geschwindigkeitsbegrenzung erledigt sich auf diese Weise beinahe von selbst. Wo sich Fahrzeuge nur noch in geologischen Zeiträumen fortbewegen, könnte man manches Tempo-Schild aus Gründen der Verwaltungsvereinfachung eigentlich verhüllen.

Karl Marx bleibt von der allgemeinen Bautätigkeit ebenfalls nicht verschont. Dem Nüschel soll zur Untersuchung eine Platte am Hinterkopfe geöffnet und sein Inneres betrachtet werden. Eine ausgesuchte Vorzugsbehandlung: Während der Chemnitzer Kraftfahrer seit Monaten rätselt, was in der Stadtplanung vor sich geht, wird bei Marx wenigstens einmal nachgesehen.

Das Kulturhauptstadt-Motto lautete bekanntlich „C the Unseen“.

Für die Gegenwart ließe es sich behutsam fortschreiben:

„C the Unmoving.“

Oder, dem berühmtesten Sohne der städtischen Bronze etwas angemessener:

Autofahrer aller Stadttheile, vereinigt Euch – Ihr stehet ohnehin schon beisammen.




Anmerkung von AnselmusFederkiel:

Dieser Text entstand bereits vor einigen Wochen und war nach mehr als fünfundzwanzig Jahren mein erster Versuch, mir wieder einmal mit der Feder Luft zu verschaffen.

Daß daraus noch einige Possen werden würden, war damals nicht vorgesehen.

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Kommentare zu diesem Text


 Juli (03.09.26, 13:25)
Das Kulturhauptstadt-Motto lautete bekanntlich „C the Unseen“

Was bedeutet das Motto? Wofür steht das C?
Chemnitz der Unsinn?

Kommentar geändert am 03.09.2026 um 13:26 Uhr

 AnselmusFederkiel meinte dazu am 03.09.26 um 13:31:
Verehrte Juli,

man wollte sich seinerzeit ein besonders gelungenes Wortspiel ausdenken: Das „C“ steht für Chemnitz, soll aber zugleich wie das englische „see“ gelesen werden. Gemeint war also ungefähr: „Sieh das Ungesehene.“

„Chemnitz der Unsinn“ ist nicht offiziell überliefert, erscheint mir aber durchaus anschlußfähig.

A. Federkiel
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