Katzen sind Mistviecher!

Text

von  Janna

Ich wollte keine Katze. Doch welcher Tierfreund kann widerstehen, wenn man ihm ein winziges, grau-getigertes Katzenkind unter die Nase hält? Ich jedenfalls nicht. Ich trug dich ins Haus, wo mein Hund Rex lauerte und zu meiner Überraschung sofort Gefallen an dir fand. Wenn es Liebe unter Tieren gibt, liebte er dich abgöttisch. Er lief dir auf Schritt und Tritt nach und bei den Spaziergängen rannte er wie ein Verrückter, um schnell nachhause zu kommen.


Eine Woche nach deiner Ankunft kam ein Hundebaby ins Haus, das so alt war wie du: Ganze acht Wochen. Es bekam den Namen Wiedu. Ihr beiden seid zusammen aufgewachsen und als du, mein Katerchen, ins Flegelalter kamst, half er mir der junge Hund bei deiner Erziehung. Du machtest dir  einen Spaß daraus, Rex auf die Nase zu hauen, der sich leider nicht zu helfen wusste und jedes Mal jämmerlich schrie.
Bis zu dem Tag, als Wiedu die Treppe heruntergeschossen kam, dir seine mittlerweile große Pranke auf den Rücken legte und dich langsam und unnachgiebig zu Boden drückte. Dein Mienenspiel in dieser Minute hat sich mir eingeprägt, dir war anzusehen, dass du das als große Demütigung empfandest. Danach war Ruhe; du hast Rex nie  mehr etwas zuleide getan.
Wir bekamen Zuwachs: Saara, eine rote Katzendame, die sich zu einer geschickten und eleganten Jägerin entwickelte. Wenn sie im Sommer abgehetzt ihre Beute in den Garten schleppte, lagst du faules Stück im Schatten, in dem du Stunden vor dich hin gedöst hattest. Kaum hatte sie ihre Maus, Ratte oder was es war abgeworfen, bist du aus dem Gesträuch hervorgeschossen, klautest die Mahlzeit und verzehrtest sie seelenruhig.
Sie hatte die Fähigkeit, Türen zu öffnen, indem sie graziös auf die Türklinke sprang und  ins Zimmer schwebte. Natürlich besaß sie auch die Voraussetzungen, um sich elegant bewegen zu können: Sie war hochbeinig und gertenschlank, während du eher einem kleinen Mehlsack glichst, mit deinem gedrungenen Körper und den kurzen Beinen. Wir nannten dich manchmal „Birnli“, wenn man dich von hinten irgendwo sitzen sah, hattest du die Konturen einer Williams Christ. Das hielt dich jedoch nicht davon ab, Saara nachzueifern und zu versuchen, die Wohnzimmertür zu öffnen. Du sprangst also in Richtung Klinke, doch auf halber Höhe poltertest du gegen die Tür und fielst zu Boden wie ein Säckchen Kartoffeln. Es blieb bei diesem einen Versuch.
Andere Sachen gelangen dir besser, beispielsweise unter dem Küchenschrank zu lauern, bis ich nach dem Frühstück die Küche verließ. Kaffeesahne war eine deiner Lieblingsspeisen. Du schlugst kurzerhand gegen den Behälter, so dass sich die Milch auf dem Tisch ausbreitete, wo du dich gütlich tatest. Wiedu kam auch nicht zu kurz, er stellte sich vor den Tisch und ließ sich die Sahne ins Maul laufen.
So lerntet ihr, als Team zusammen zu arbeiten. Du sprangst auf den Herd, schobst die Pfanne mit den Schnitzeln ein Stück, bis sie auf den Boden krachte und ihr vier ließt euch in aller Gemütsruhe unser Mittagessen schmecken. Sobald ich die Küche betrat, ranntest du an mir vorbei nach oben und krochst unter das Doppelbett.


Es kam der Tag, an dem du deine größte Sünde begangen hast, du verdammtes Miststück.
Ich saß am Computer und hörte ein leichtes Poltern, das ich nicht sofort einordnen konnte.
Als ich in den Flur schaute, stand die Tür zum Vogelzimmer offen. Dort lebte der letzte  meiner Sittiche. Die Volière stand dort, seit Katzen im Haus waren, damit die Vögel unbeschwert einen Freiflug nehmen konnten. Jemand hatte die Tür nicht fest verschlossen.
Sofort sah ich nach, aber der kleine Vogel mit Namen Penny war nirgendwo zu sehen und du warst zum Glück auch nicht dort. Ich suchte nach dem Vögelchen im Regal, hinter jeder Ritze und auf dem Kleiderschrank, er war nicht aufzufinden.  Ich rief meinen Sohn, denn ich hatte Angst, dass der Vogel irgendwo feststeckte. Mein Sohn kam, öffnete den Kleiderschrank und sagte: „Mama, der Kater sitzt im Schrank und frisst den Vogel.“
Als ich nachsah, wurde mir schlecht. Vom Sittich war nur noch der Bürzel übrig; du Mistvieh hattest ihn mit Haut und Federn aufgefressen.
Dass du Schränke öffnen konnte, war mir bekannt. Wie du diesen Schrank aber von innen verschließen konntest und vor allen Dingen, wieso, lässt mich bis heute grübeln. Wenn es so war, wie man vermuten könnte, warst du ein verdammt cleveres Aas.
Eines Sonntags rief mich mein Sohn an, um mir zu erzählen, dass er eine ausgesetzte Katze bei sich aufgenommen hatte. Ich schwankte zwischen Freude und Angst, denn du hattest am Morgen nicht, wie sonst, Punkt sechs auf der Fensterbank gesessen und um Einlass gebeten. Gebeten? Wenn ich nach den ersten zarten Miau das Fenster nicht öffnete, steigerte sich deine Aufforderung unaufhaltsam, bis sie in einem wilden Gebrüll endete.
Als ich dich am nächsten Tag suchte, erfuhr ich von Nachbarn, dass du dich schwer verletzt in das gegenüberliegende Wiesengrundstück geschleppt hattest.
Nach acht Jahren Freigang und insgesamt elf glücklichen Jahren hatte dich ein Auto erwischt. Ich suchte dich tagelang, wochenlang. Rief auf dem Baubetriebshof an, beim Tierschutz, bei der Polizei. Alles ohne Ergebnis. Ich hab dich nie zurückbekommen, nicht mal tot. Bis heute schmerzt das, aber es war wohl dein Wille, dich zurückzuziehen und in Ruhe zu sterben.

Warst schon manchmal ein miserables Stück, aber gerade das machte dich so liebenswert und unvergesslich.






Anmerkung von Janna:

Älterer Text. Niemands Gedicht gestern hat mich daran erinnert.

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