Angelika Marianne
Text
von Janna
Es war bemerkenswert zu sehen, wie wenig die Zeit an einem Gefühlszustand ändert. Dass wir einmal gute Freunde waren, lag fast 40 Jahre zurück. Dann hatte uns ein Ereignis getrennt, das meiner Kindheit ein jähes Ende setzte. Als wir uns fünfzehn Jahre später bei Großmutters Beerdigung wiedersahen, lagen Welten zwischen uns, denn er war anwesend. Noch einmal zwanzig Jahre später gab es wieder eine Beerdigung, diesmal ohne ihn. Ein Blick in deine Augen genügte und alles, was ich damals an Gefühlen verdrängen musste, lebte wieder auf.
Du hingst an meinen Namen ein „chen“ an wie 40 Jahre zuvor, aber ich durfte dich nicht mehr Tante nennen. In meinem Kopf warst du immer mein Tantchen, das bist du heute noch.
Die gemeinsamen Interessen wie Lesen und klassische Musik bildeten schnell eine Basis, auf der wir uns wieder nah kamen. Ich liebte es, wenn du bei Tisch aus dem Nähkästchen plaudertest. Einmal erzähltest du, wie du deine Unschuld verloren hast und gabst eine detaillierte Beschreibung des Tathergangs und des jungen Mannes ab, der sie dir genommen hatte. Er sei 18 Jahre alt gewesen und du 25 und der Sex mit ihm sei so gut gewesen wie kein anderer. Während mein Grinsen immer breiter wurde, traf mich der strafende Blick meiner Mutter, aber davon bekamst du nichts mit, da du nahezu blind warst.
Du lerntest auf deine alten Tage noch portugiesisch; zu diesem Zweck hattest du dir einen Scanner angeschafft, mit dem du dir Bücher und Zeitschriften vorsprechen lassen konntest. Es imponierte mir, wie wissbegierig du noch warst und wieviel Lebensfreude noch in dir steckte, obwohl das Laufen dir zusehends schwerer viel. Ich besuchte dich ab und zu und als du dahinter kamst, dass ich schreibe, kannte deine Begeisterung keine Grenzen. Von nun an war ich dazu verurteilt, dir meine Anfangsgedichte vorlesen zu müssen. Es störte dich nicht, dass das Metrum rumpelte, du schriest begeistert:
„Du schreibst ja viel besser als mein Vater!“
Wir verbrachten Stunden damit, alte Bilder anzusehen und in Erinnerungen zu schwelgen.
Ich hatte viele Fragen und du sagtest mir, dass du dich oft darüber geärgert hast, mache Fragen nicht gestellt zu haben, als die Großeltern noch lebten.
Über das, was uns einst entzweite, sprachen wir nie, aber ich wusste aus zuverlässiger Quelle, dass deine Sicht der Dinge sich verändert hatte. Das genügte mir, denn auch meine hatte sich verändert und ich ahnte, dass deine Reaktion eine Art Überlebensstrategie gewesen war. Ich glaube nicht, dass dir bewusst war, dass du mich geopfert hattest, aber es war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr wichtig.
Es war neu für mich, innerhalb einer Familie, in der es verpönt war, Gefühlsregungen zu zeigen, jemanden zu finden, der offen darüber sprach, dass er an Depressionen gelitten und oft tagelang geweint hatte. Du erzähltest mir, wie du deinem jüngeren Bruder eine warme Mahlzeit an den Zug gebracht hattest, als er zurück zu seinem Bataillon fuhr und dass dies das letzte Mal gewesen sei, dass du ihn gesehen hattest. Du hattest Tränen in den Augen; sechzig Jahre später.
Du schenktest mir deinen ganzen Schmuck, den ich sehr mochte. Es handelte sich überwiegend um Jadeschmuck, der in Silber gefasst war. Wenn ich eine Weile neben dir saß, glitten deine Hände über meine Arme und wenn du eines deiner Armbänder ertastetest, strahltest du übers ganze Gesicht.
Unsere Wege trennten sich wieder, als ich krank wurde, Tantchen. Ich konnte dich nicht mehr besuchen, aber ich dachte oft an dich.
Von deinem Tod erfuhr ich erst vier Wochen später und das auch nur, weil die Testamentsvollstreckung es erforderte. Du hattest mir deinen gesamten Hausstand vermacht, inklusive Klavier und den von dir heißgeliebten Büchern. Auf meine Anfrage teilte man mir mit, dass alles im Container gelandet sei, liebes Tantchen. Familienbande, wenn du verstehst. Für mich keine neue Erfahrung.
Nein, ich bin nicht dagegen angegangen. Mehrere Leute rieten mir dazu, aber was ich von dir bekam, war mehr als totes Mobiliar. Eine Erinnerung an einen Menschen, der an mich glaubte und der dazu in der Lage war, begangene Fehler wieder gut zu machen. Danke.