Vom Paradies in den Kastanienwald
Essay zum Thema Alles und Nichts...
von S4SCH4
„Wie soll der Mensch sein?"
"So wie er ist?"
"Und wie ist er?"
"So wie er sein soll!“
Ja, diese kurze, sinnfrei scheinende Unterredung – irgendwo im Himmel oder auf Erden – lässt erkennen: Es ist, wie es sein soll. Keine Zeit liegt zwischen zwei Bestimmungen, kein Staubkorn stört den Blick, keine Änderung ist notwendig oder überhaupt möglich. Ein Paradies?
Doch ist es, wie es sein soll?
Und ist er überdies noch derart gut, wie es zum Beispiel ein Goethe bekanntlich fordert (Hymne „Das Göttliche“, 1783):
„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“
Sobald man nicht zu der Erkenntnis, vielleicht sogar dem Vorwurf gelangte, der Mensch sei eben nicht, wie er sein sollte, ist alles gut – unabhängig davon, ob er auch gut sei. Oder?
Sehe ich Steinewerfer und habe kein Urteil gegen sie, fallen sie unter mein ohnehin gelerntes Menschenbild, und sie können deshalb durchaus „hilfreich und gut“ sein.
Sehe ich allerdings hin und habe ein Urteil gegen sie, weil etwas in mir widerstrebt (ich hätte zum Beispiel Goethes Aufruf mit Werten und Normen gefüllt und gliche es im Folgenden mit dem Geschehen ab), werfe ich im übertragenen Sinne den Stein zurück und breche eine Einheit aus Normativ (wie es sein soll) und Deskriptiv (wie es ist) auf.
Hinzu kommt nun die Zeit („Ihr warft zuerst!“) und der Zustand der Moral, exemplarisch so etwas wie: „Ihr würdet auch nicht so behandelt werden wollen“, was wiederum Fragen aufwirft, die sich anschicken in Erfahrung zu bringen, wie denn behandelt und warum usw.
Vergleiche zum Gefühl folgen, Protokolle mit Zeitstempeln werden angefertigt, und vom rein paradiesischen Einheitsgefühl, das freilich ohnehin sehr beengt schien, ist nichts mehr übrig.
Also: Das Ganze ist an die Luft gekommen – zugegeben: dicke Luft.
Dass wir Menschen nun aber im Folgenden immer wieder miteinander und zueinander reden und dabei vergessen – und nur vergessen müssen und können –, wer den ersten Stein tatsächlich warf, gibt es geschichtliche Bestandsaufnahmen und Erfahrungen (auch direkt gegen das Vergessen), die sich ein Menschheitsideal gefallen lassen muss bzw. womit es konfrontiert wird. Dies führt neben der Streitsache an sich stets zu einem ganz besonderen Streitpunkt.
Äpfel und Birnen, zwei Paar Schuhe – und dazu soll gemeinsam ein leckerer Einheitsbrei gemacht werden, den man inhaltlich erklären könne, während sich zudem ein Tanz aufführte.
Dünnhäutigkeit und Diskussionswilligkeit vertragen sich nicht immer und unbedingt. Eine ideale und perfekte Zwiebel lässt dennoch die Augen tränen und möchte oft entweder ausgestellt oder einfach verwertet werden, denn auch sie hat das Recht auf Verwendung und Nützlichkeit.
Eine Trennung von deskriptiven und normativen Argumenten ist nicht immer möglich oder gar sinnvoll; man will verstehen, fühlen und darüber auch verstanden werden.
Jeder Einwurf dazu, wie es war, wie es ist, zürnt dem Ideal; nicht selten wird eben gleich noch selbiges angegriffen (empfunden) und es wird im Folgenden unmöglich, von rein sachlichen Argumenten zu sprechen.
Den Unmut über das verlorene Paradies teilen beide, irgendwie, wenn vielleicht auch nur platonisch oder vorgeschoben. Doch nicht umsonst hat dieses Einheitsgedenken, diese Vereinfachung zur Zeitlosigkeit, zur Inhaltsleere, zum Unabänderlichen in vielen Bereichen eine Renaissance.
Doch kocht nicht auch die Geschichte im Blut der Menschen, gewollt und/oder ungewollt? Die Hexenküche, das Unterbewusstsein, das Körpergedächtnis?
Und rüstet die Stille und diese erzwungene oder mindestens kultivierte Unabänderlichkeit nicht auch im Stillen auf und schärft ihre Waffen mit einem höheren Glauben an das einst Unverbrüchliche und die einheitliche Nähe, wie sie vielleicht nicht einmal in den Sauställen der modernen Wurstverarbeitung anzutreffen ist? (Wozu auch? Der Körper scheint ja überflüssig!)
Schließen wir mit der Wiederholung des Zitates von Goethe:
„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“
Schütteln aber nun vielleicht den Kopf oder nicken hingegen und denken: „Aber dazu muss es erstmal kommen!“, unterdrücken dabei vielleicht die aufkommenden Gedanken an die Sabotage dieser einstigen Errungenschaften, von geplanter Obsoleszenz des Guten, vom Vorbehalt solchen „Guten“ für die „richtigen Leut’“, vom Rückbau dieser Dinge – und bleiben dennoch tapfer. Warum? Weil wir unsere Angst nie verlieren sollten.