Mamas Hand und Papas Stimme

Kurzprosa zum Thema Alter

von  Tilottama

Zusammen sind wir sechsmal umgezogen. Den Esstisch nahmen wir mit. Er war unser Lebensmittelpunkt. An diesem Esstisch schrien wir uns an und sahen uns beim Weinen zu, ließen unbeabsichtigt Zigarettenasche darauf fallen und machten uns darauf aufmerksam. Um diesen Esstisch saßen wir, wenn wir sangen und zeichneten. Mamas Sehnsuchtslied war ein Eigenheim. Das hat sie sich ganz allein erfüllt. Jetzt ist sie ruhiger.

An den ersten Umzug erinnere ich mich nicht. Beim zweiten Umzug verlor ich meine Geburtsstadt, von ihr blieben mir nur ein paar sinnliche Wahrnehmungen. Noch über vierzig Jahre später steigt beim Anblick der gelben U-Bahn eine diffuse Freude in mir auf. Wir hatten eine Familiensprache, eine lautmalerische Gemütlichkeit, die irgendwann ausstarb. Wenn ich krank war, legte mir Mama eine Hand auf die Stirn und Papa las mir eine Geschichte vor.

Papas Lebensmittelpunkt war der Schreibtisch in seinem Büro. In den Ferien jobbte ich bei ihm, um Zeit mit ihm zu verbringen. Ich saß am anderen Ende des Schreibtischs. Papa sprach mit seinen Kunden wie mit Freunden. Er zauberte sich eine Liebenswürdigkeit in die Stimme, unter der seine Wut nicht zu hören war. Ich habe dieses Talent von ihm geerbt.

Mamas linker Mittelfinger ist von der Arthritis schief geworden. Jetzt begleite ich uns auf der Gitarre und spiele ihre Lieblingslieder. Beim Kochen muss sie jetzt öfter eine Pause machen und sich hinsetzen. Ich habe Mama nie anlügen können. Sie hat mir immer alles angesehen.

Als wir im dritten Haus wohnten, pendelte Papa mit dem Zug in ein Büro in einer anderen Stadt. Auf der Rückfahrt hatte er nur einen einzigen Gedanken: dass ich noch wach sein möge, damit er mir vorlesen könne. Ich habe nie daran gezweifelt, dass er unsere Vorlesestunden genauso genoss wie ich. In diesem September hat Papa jede Woche einen Arzttermin: MRT, MMST, DemTect, MoCA, Uhrentest. Papa geht immer noch jeden Tag in sein Büro und sitzt an seinem Schreibtisch.

„Du brauchst dir keine Sorgen machen, Mama.“, sage ich. „Wenn es irgendwann nicht mehr geht, komme ich und pflege dich, du kannst in deinem Haus bleiben.“ „Das würde ich nie von dir erwarten.“, sagt Mama. Ich weiß.

Das Fahrradfahren habe ich mir selbst auf dem kleinen Fahrrad eines Nachbarsjungen beigebracht. Auf einem alten Foto, das in der zweiten Wohnung in meiner Geburtsstadt aufgenommen wurde, trage ich in jeder Hand ein großes Bilderbuch. Mein Gesichtsausdruck ist ernst und konzentriert. So sähe ich immer noch aus, sagt mein Freund.


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Kommentare zu diesem Text


 Redux (03.10.26, 14:01)
Ganz und gar beeindruckend formulierte Erinnerungen. Einerseits distanziert und doch durchgehend voller Empathie.
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