Willst du mir Freund sein? Von frühen Fluchtplänen aus Westdeutschland und zu nassen Haaren.
Kurzprosa zum Thema Freundschaft
von S4SCH4
Ein Leben lang wollte ich mich einer Sache zugehörig fühlen. Das begann einst mit der Familie, die sich, ohne es hier vorwegnehmen zu wollen, irgendwann trennte und entzweite: ein Bruder, der das Elternhaus bekam, und eine Schwester, die verzog. Keines meiner Geschwister hat Kinder, zu meinen Eltern sagt man selten mehr als, wie es einem geht, und auch sonst wird nichts gefeiert. Geburtstage und Feiertage bleiben zwar nicht ohne Gratulation und Glückwunsch, aber gemeinsames Feiern, Zusammensitzen, Speisen und über alte Geschichten Lachen und Weinen gehören nicht dazu.
Anknüpfend an die frühen Familientage, in denen die Familie zumindest noch soweit intakt war, als dass die Trennung noch nicht vollzogen war, man stritt und feierte sehr wohl und wurde handgreiflich, laut, grob … aber das wären andere Geschichten, kam ich in meinem Heimatdorf früh in den Kindergarten.
Und an meinen ersten Tag im Kindergarten erinnerte ich mich später noch so genau, dass ich irgendwann davon ausgehen musste, es sei doch nur ein Traum gewesen; niemand erinnert sich an solch frühe Tage derart eindringlich, dachte ich. Und so ist jene Begebenheit mir neben der Erinnerung eben auch zur Legende geworden ist.
Mit Mutti an der Hand ging ich also den Weg von zu Hause in den Kindergarten, trat in das große Gebäude ein, und wir suchten gemeinsam auf dem Flur das genaue Zimmer für die mich aufnehmende Rote Gruppe, neben der es noch die Gruppen Blau, Grün, Gelb gab. Noch später in meinem Leben werde ich meinen, Menschen diese Farben zuordnen zu können, und etwas, das mir aber am sichersten war: Rückwirkend gesehen passten alle Kinder auf das Genaueste zu ihrer jeweiligen Farbe der Gruppe, in die sie gingen.
Zurückzukommen auf meinen ersten Tag in der besagten Roten Gruppe: Ich stand nun also mit Mutti an der Hand vor der riesigen Tür zum Zimmer und wir klopften an … Dieses Klopfen erregte hinter der Tür bereits die Neugier jedes einzelnen Kindes. Ich weiß nicht mehr, ob die Kindergärtnerin die Tür öffnete oder ob wir hereingebeten wurden, was auch nebensächlich ist, denn sie öffnete sich und ich erschien auf der Schwelle, als ausnahmslos alle Kinder anfingen, laut zu lachen.
Der Grund war von mir irgendwann gefunden: Es handelte sich um meine knallrote Kinderstrumpfhose, die eng an meinen Beinen anlag und deren Tragen mir zur Tragik wurde.
Es gäbe im Folgenden eine Menge über diese aufrührende Zeit im Kindergarten der 80er Jahre zu sagen: Duelle mit meinem Erzfeind aus der Gruppe, einem Jungen namens „Eierkopf“, in der Kinderpuppenecke; die denkwürdigen Tage, an denen Milchreis mit Apfelmus auf dem Speiseplan stand; die geschaffenen Höhlen aus den dortigen Tischen, indem man dicke Wolldecken über sie warf, um darunter etwas Privatsphäre zu haben.
Ferner sei gedacht an meine erste große Flamme Anna-Katrina, mit der ich aus Westdeutschland (!) flüchten wollte – dies geplant auf kleinen Faltlandkarten eines alten Notizbuchs oder Terminplaners, den ich von zu Hause zum Zweck der gemeinsamen Flucht mitbrachte. Weitere Geschichten fielen mir wohl ein aus dieser Zeit, aber ich möchte meine Erinnerung hier nicht zu sehr bemühen.
Was mir letztgenannte Anekdote, rückwirkend gesehen, allerdings sehr früh klarmachte, war, dass man sich oft zu entscheiden habe, ob man eher der Typ mit vielen Freunden sei und sich in einer derartigen, größeren Gruppe zugehörig fühle oder aber, ob es eher eine Zweisamkeit wäre, über die man zum gewünschten Zugehörigkeitsgefühl käme.
Beides zusammen schien mir im Leben oft kaum zu vereinbaren, und ich wählte nicht selten in meinem Leben diese Zweisamkeit, wie ich sie bei meinen ersten Fluchtplänen aus der BRD zuerst kennengelernt hatte.
Nahezu alle Freundschaften wie auch die Feindschaften der Kindergartenzeit verliefen im Sande, als ich schließlich gegen Ende der 80er Jahre eingeschult wurde – ein Ort, der sich nur etwa zwanzig Meter vom Kindergarten entfernt, nämlich einmal über die Straße, befand und der für die nächsten vier Jahre meine tagtäglichen Betätigungen und Lernerfolge beheimaten sollte.
Gleich ab Tag eins saß ich vorne vor dem Lehrerpult, direkt vor unserer Lehrerin Frau Müller und neben dem hyperaktiven Marv. Mit Marv freundete ich mich schnell an, ich blieb allerdings etwas reserviert aufgrund seiner hyperaktiven Art. Mich zog es eher nach innen; als Beobachter blieb ich weniger aktiv im Machen und im Tun, gab bisweilen merkwürdige Antworten, wenn mich die Lehrerin etwas fragte, als träumte ich noch, als würde die Grenze zwischen Richtig und Falsch verschwimmen.
So auch einmal, als mich Frau Müller fragte, was man mit nassen Haaren nicht machen sollte, und ich antwortete: „Sich die Haare föhnen“, um anschließend das Grölen und das Lachen der gesamten Klasse zu vernehmen, ohne zu wissen, weshalb, warum … Meine Antwort und Überzeugung hatten einen einfachen Hintergrund, denn ich stellte mir vor, wie lange und klitschnasse Haare in den Föhn hineinkommen konnten und einen Elektroschock verursachen würden. Woher das bezugnehmende Bildnis zu meiner Antwort kam, eben jene Frau, die mit absolut nassen Haaren aus einem See oder einer Badewanne stieg, ist mir bis heute ein Rätsel. Doch so war es nun mal. Ich blieb ausgelacht und mit meiner Erklärung allein, denn das Gelächter schien meinen Mitschülern und Mitschülerinnen wichtiger – wichtiger als eine Erklärung meinerseits, zu dem in mir aufgekommenen Bild, das in jene verlachte Antwort mündete.