Papierhaut

Gedankengedicht zum Thema Weihnachten

von  lilly-rose

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Einleitung/Vorbemerkung: 
Ich bin mir garnicht sicher ob es ein Gedicht, ein Text, oder ein Song ist. Die Kategorie SONG gab es auf KV früher mal, habe sie aber gerade nicht gefunden.  Ich bin nun seit 20 Jahren bei KeinVerlag, und ich wenn ich bedenke wie lange das ist, so muss ich wirklich ein großes DANKE an Jan sagen, dass er so lange seine Zeit, Kraft und Geld in dieses Forum steckt: Danke!! Wer mag, hört gerne auch die Vertonung zu "Papierhaut".

Ich hab‘ meinen Mantel nicht ausgezogen.

Der Geruch hier drin beißt sich mit dem Parfüm, das ich dir mitgebracht habe.

Es riecht nach Bohnerwachs, nach Suppe und nach Aufgeben.

Auf dem Tisch steht das Plastikbäumchen von der Station,

seine LED-Lichter blinken in einem falschen, hektischen Takt.

Ich habe deine Serviette von zu Hause mitgebracht, die aus Stoff,

und das gute Silbermesser.

Ich lege es auf deine Seite.

Deine Finger zittern, als du nach der Schleife auf dem Geschenk greifst.

Du entknotest sie so vorsichtig, als wäre darin dein ganzes Leben verpackt.

 

Und draußen tun sie alle so, als gäbe es ein Zurück.

Sie zünden Kerzen an gegen die Dunkelheit in ihren Köpfen.

Und hier drin brennt nur eine Neonröhre.

Sie summt den hellen Ton der Einsamkeit.

Ich halte deine Hand.

Sie fühlt sich an wie Papier.

Und ich warte auf den Moment, in dem du mich wieder verlässt.

 

Du schaust auf das Foto im silbernen Rahmen, das ich neben dein Glas gestellt habe.

Zwei Menschen am Strand – jung - die Haare vom Salz verklebt,

sie lachen, als gäbe es keinen Dezember.

Du streichst mit dem Daumen über das Glas, genau über mein Gesicht.

Für einen Atemzug lang werden deine Pupillen ganz groß.

Da ist ein Aufblitzen, ein winziger Funke,

als würde das Licht in einem sterbenden Stern noch einmal kurz zucken.

Mein Herz macht diesen einen, schweren Schlag aus Hoffnung.

Ich atme ein. Ich will gerade deinen Namen sagen...

 


Doch draußen tun sie alle so, als gäbe es ein Zurück.

Sie zünden Kerzen an gegen die Dunkelheit in ihren Köpfen.

Aber hier drin brennt nur diese Neonröhre.

Sie summt den hellen Ton der Einsamkeit.

Ich halte deine Hand.

Sie fühlt sich an wie Papier.

Und da ist er. Der Moment.

 

Dein Blick gleitet ab. Er fällt auf meine Jacke.

Deine Stimme ist ganz leise, fast höflich, so wie man mit Fremden im Bus spricht.

Du tippst auf das Foto und sagst:

„Das war ein schöner Tag damals. Ihr wart ein hübsches Paar.

Sagen Sie… kommt Ihr Vater heute auch noch zu Besuch?

Oder sind Sie ganz allein an Weihnachten?“

 

Ich ziehe meine Hand nicht zurück.

Ich lasse sie einfach liegen, wie ein totes Blatt auf deinem Bettlaken.

Ich schaue auf das Besteck, das auf deiner Seite liegt.

Das Messer, mit dem du nie wieder schneiden wirst.

„Nein“, sage ich. „Ich bin nicht allein.“

Ich lüge für uns beide.

Die LED-Lichter am Plastikbaum blinken weiter.

Blau. Rot. Grün.

Aus.



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