PUCKS REISE ZUR ELFENBEINKÜSTE & DAS DUELL IN TORONTO
Märchen zum Thema Fantasie
von harzgebirgler
Puck beugte sich vor und schaute ungläubig. Die Elfen des Waldes machten sich über ihn lustig. König Oberon hatte ihm befohlen, endlich Sitten zu lernen. „Du bist der einzige Geist im Reich, der noch kein Elfenbein küsste!“, hatte die Hofelfe Mohnblüte gekichert. Sie meinte damit den feinen, edlen Elfen-Adel, dessen Haut so weiß und makellos wie Elfenbein schimmerte. Puck, der wilde Kobold mit den dreckigen Stiefeln, hatte für diesen höfischen Kramskrams eigentlich nur ein spöttisches Lachen übrig.
Doch der Stolz des Kobolds war gekränkt. „Ihr wollt, dass ich Elfenbein küsse?“, murmelte er grinsend. „Das könnt ihr haben. Aber ich mache keine halben Sachen!“
Mit einem wilden Purzelbaum aktivierte er seine Magie. Er folgte nicht dem feinen Parfüm der Elfenhöfe, sondern dem Klang der Worte, die der Wind aus der Menschenwelt herübtrug. Er reiste weit über die Meere, bis er an einem goldenen Sandstrand landete, an dem Palmen im Wind wehten und die Sonne heiß vom Himmel brannte.
Vor ihm erstreckte sich die echte Elfenbeinküste.
Es gab hier keine arroganten Hofelfen. Stattdessen stapfte eine riesige, majestätische Elefantenherde durch das Dickicht. Ihre gewaltigen Stoßzähne blitzten weiß in der afrikanischen Sonne – echtes, pures Elfenbein.
Puck kicherte laut auf. Er schwebte unbemerkt zu der größten Elefantenkuh der Herde, setzte sich mutig direkt auf ihre Rüsselspitze und drückte dem riesigen Tier einen dicken Schmatzer auf den gewaltigen, weißen Stoßzahn. Der Elefant nieste laut, sodass Puck im hohen Bogen in die nächste Palme flog.
Als Puck am selben Abend in den heimischen Zauberwald zurückkehrte, klopfte er sich den Wüstensand aus den Haaren. Mohnblüte und die anderen Elfen flüsterten bereits erwartungsvoll.
„Nun, Puck?“, spottete Mohnblüte. „Hast du deine Lektion gelernt? Hat deine raue Lippe endlich zartes Elfenbein berührt?“
Puck grinste von einem Ohr zum anderen, setzte seine Krone aus Blättern schief auf den Kopf und rief: „Oh ja! Und ich kann euch sagen: Euer Elfenbein ist ein Witz. Das Elfenbein, das ich küsste, wiegt zwei Tonnen, hat Ohren wie Wagenräder und kann euer ganzes Elfenreich mit einem einzigen Nieser wegblasen!“
Die Elfen starrten ihn mit offenem Mund an – und Puck wusste, dass er dieses Duell der Worte mal wieder gewonnen hatte.
Das Duell in Toronto
Kaum hatte Puck den Waldnymphen von seinem Elefanten-Kuss erzählt, ließ ihm die Sache keine Ruhe. Die Elfen tuschelten immer noch. „Schön und gut, Puck“, neckte ihn Spinnweb. „Du hast Rüsseltiere geküsst. Aber echtes Elfenbein hat Anmut, Taktik und flinke Beine. Davon verstehst du doch gar nichts!“
Puck fletschte die Zähne. „Flinke Beine? Taktik? Ihr wollt Höchstleistung sehen? Dann kommt mit!“
Mit einem Fingerschnippen riss er die Elfenschar mit sich durch Zeit und Raum. Sie landeten direkt auf der Tribüne des vollbesetzten Stadions in Toronto. Es war der 20. Juni 2026, Flutlichtatmosphäre, die Ränge bebten. Unten auf dem Rasen machte sich die deutsche Nationalelf bereit – und ihnen gegenüber stand die Nationalmannschaft der Elfenbeinküste.
Die Elfen staunten. Die ivorischen Spieler rasten wie der Blitz über den Flügel, spielten messerscharfe Pässe und zeigten pure, athletische Eleganz.
Mohnblüte hielt sich verzückt die Hände vor den Mund. „Oh, Puck… schau dir diese Bewegungen an! Das ist ja magisch. Sind das etwa deine sagenumwobenen Elfenbein-Wesen?“
Puck sprang auf die Brüstung, balancierte auf dem Geländer, blickte hinab auf das Spielfeld und rief mit seiner krächzenden, aber stolzen Stimme über den Fangesang hinweg:
„Fußball wäre auch nichts ohne Beine,
doch elfenbeinern war’n bisher noch keine!“
„Seht ihr das denn nicht?“, lachte Puck und zeigte auf die schnellen Stürmer. „Das sind keine zerbrechlichen Wesen aus Elfenbein! Das sind die 'Elefanten' Westafrikas! Sie haben Muskeln, Herz und puren Kampfgeist im Blut! Ihr feinen Elfen würdet bei dem ersten Tackling im Rasen versinken!“
Als in diesem Moment der Ball mit Warp-Geschwindigkeit im Netz einschlug, sprangen die Fans auf und der Windstoß wirbelte die Hofelfen ordentlich durcheinander. Mohnblüte musste zugeben: Gegen diese „Nationalelf“ wirkte der feine Tanz am Elfenhof plötzlich ziemlich blass.
Und Puck? Der saß grinsend auf der Torlatte, hielt sich den Bauch vor Lachen und genoss das beste Spektakel, das die Menschenwelt je zu bieten hatte.