Geburtswehen
Parabel
von Heitschibumbeitschi
„Es ist aus Fleisch und Blut".
Der Franz hat den Beweis in der Hand gehalten und zufrieden dreingeschaut. Neben ihm ist zusammengekauert das Geschöpf gesessen. Es hat stumm geweint und sich das Bein gehalten. Der Franz hat sein Messer an der Hose abgewischt und das Beweisstück an uns weitergegeben. Ein ganz normales Stück Schenkelfleisch. Hätte von sonst wem stammen können, da sind wir uns alle einig gewesen.
Wirklich ein guter Vorschlag vom Franz, weil die Methode hat zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Da haben sogar der Professor und der Pfarrer beipflichten müssen, obwohl die sonst selten einer Meinung sind. Fleisch und Blut ist eine Sache. Das gilt auch für Tiere. Aber das Weinen! O-Ton Professor: „Die Tränenproduktion von Tieren ist nichts als ein körperlicher Reflex und darf nicht als Ausdruck von Gefühlen missverstanden werden“.
Die Tierfreunde unter uns haben sich darüber ein bisschen geärgert. Tiere haben nämlich auch Gefühle, die zeigen sie nur anders. Voller Sorge waren die Tierfreunde, wir anderen würden das nicht anerkennen. Einigen von uns ist das auf die Nerven gegangen, weil mit der Ausgangsfrage hat das nichts zu tun gehabt. Rein aus Prinzip haben sie sich geweigert, den Tierfreunden zuzustimmen, von wegen Themaverfehlung. Das hat den Ärger der Tierfreunde noch vergrößert, denn Themaverfehlung hin oder her, schließlich hatten sie recht und wenn man sich für eine gute Sache einsetzt, hat man auch ein Anrecht, darin bestätigt zu werden, dass man recht hat. Die Prinzipientreue ist ihnen bloßer Angriff gewesen, gegen ihre Eigenschaft als Tierfreunde und gegen Tiere im Allgemeinen. Das haben die Prinzipientreuen als sehr ungerecht empfunden und erst recht an ihrem Prinzip festgehalten.
Der Franz hat die Diskussion beendet, indem er sich wieder dem Geschöpf zugewandt hat. „Wer bist du?“ Hat der Franz das Geschöpf gefragt. „Ich bin der Franz“. Dabei hat er ein freundliches Gesicht aufgesetzt und sich die flache Hand auf die Brust gelegt. Das Geschöpf hat ihn angesehen und gar nichts gesagt. „Du bist ein Mensch, also musst du einen Namen haben: nomen est omen!“ Der Franz ist ein bisschen stolz gewesen, dass er diesen lateinischen Ausdruck gekannt hat. Er hat anerkennungssuchend in Richtung Professor geschielt.
Der Franz hat sonst im Leben wenige Fehler gemacht. Zuspruch war ihm eine alte Gewohnheit. Diesmal hat er sich aber vertan gehabt. Für den Franz ist sein Name in der Tat sehr wichtig gewesen. Vor ihm hatte schon sein Vater Franz geheißen und vor dem sein Großvater und sein Urgroßvater. Die Franz-Familie war im Dorf seit jeher beliebt, da hatte es der Franz von Anfang an leicht gehabt mit seiner Identität als Franz.
Dem Professor allerdings war es anders ergangen. Erstens ist der Professor ein Zugezogener gewesen und zweitens aus dem Osten. Seine Eltern hatten ihm einen englischen Vornamen gegeben. Das war zwar dort, wo er herkam, nicht unüblich, aber hier bei uns haben sich die Leute darüber lustig gemacht. Der englische Vorname hat bei den Leuten einen falschen Eindruck erweckt, Kevinismus nämlich. Ist folglich eine sehr ungeeignete Identität für den Professor gewesen. Sehr viel Mühe hatte er darauf verwandt, sich eine andere Identität zu meißeln und seinen Namen mit Titeln auszustaffieren. Die Titel haben eher auf Oberschicht hingedeutet. Mit dem Geschöpf, das seinen Namen nicht nennen wollte, hat er darum großes Mitgefühl gehabt.
„Wer bist du?“ Hat der Professor gefragt. „Ich bin Professor an der Universität. Mein ist die Wissenschaft und ihre logische Beweisbeweisführung. Noch nie habe ich etwas gedacht, das nicht anhand von Quellen hätte bestätigt werden können. Wer bist du und was weißt du? Du bist ein Mensch, also musst du einen Verstand besitzen!“ Das Geschöpf hat dem Professor aufmerksam zugehört. Ob es ihn verstanden hat, haben wir nicht beurteilen können, denn es hat nach wie vor geschwiegen.
Der Versuch des Professors hat den Unmut gleich mehrerer Dorfbewohner erregt. Den Pfarrer hat die angebliche Wissenschaft des Professors erzürnt, ist er doch selbst ein Anhänger des Glaubens gewesen und gegen die logische Beweisführung. Er hat gemeint, der Professor wollte ihm seine ureigenen Erfahrungen streitig machen. Vor seiner Erleuchtung hatte sich der Pfarrer ziemlich unwohl in seiner Haut gefühlt, genau wie der Professor, bevor der seinen ersten Titel ergattert hatte. Da hatten die beiden sehr wenig Ahnung, wie ähnlich sie sich eigentlich waren. Seitdem ist er sich sicher gewesen, dass ein Mensch das sei, was er glaube.
Die Mutter, unstudiert und früh vermählt, hat sich über die Kälte des Professors empört. Der Mensch sei schließlich, wen er liebe und Mutterschaft älter als Wissenschaft. Nie hätte jemand eine tiefere Seligkeit verströmt, als ein trinkendes Baby an ihrer Brust. Soviel zum Glauben. Die große Mehrheit hat wie immer Fleiß gerufen. Den haben sie beim Professor auch bewundert, nur mit dem Denken haben sie es weniger gehabt.
Die Dorfschönheit hat sich an der Diskussion nicht beteiligt, dafür hat sie sich das Geschöpf näher angesehen. Das Geschöpf ist schön gewesen. Das hat die Dorfschönheit ein wenig beunruhigt. Gerne hätte sie gewusst, ob es sich bei dem Geschöpf um einen Mann oder eine Frau handelte. Sie hat aber lieber nicht nachgefragt, um die Aufmerksamkeit der Männer nicht auf das Aussehen des Geschöpfs zu lenken.
Der Journalist hat sich gefreut, dass sich alle so gestritten haben. Es hat ihn in seiner Ansicht bestätigt, dass die Identität des Menschen von seinen Meinungen bestimmt sei. Übrigens auch der Grund für seine Berufswahl. Er hat sich vor das Geschöpf gekniet. Ein Mensch äußert seine Meinung entspannter, wenn man ihm dabei auf Augenhöhe begegnet. „Wer bist du?“ Hat der Journalist gefragt. „Wenn du ein Mensch bist, musst du eine oder mehrere Meinungen haben, die dich ausmachen. Sag uns deine Meinung!“
Zuerst hat das Geschöpf wieder nur geschaut. Dann hat es geantwortet: „mein Bein tut weh. Vor allem aber langweile ich mich hier.“
Anmerkung von Heitschibumbeitschi:
Zur Schließung von KV stelle ich noch einmal diesen alten Text ein.