Porträt des Sorgfalters als alter Mann

Fabel zum Thema Kunst/ Künstler/ Kitsch

von  Heitschibumbeitschi


1.

Dem Sorgfalter zittern die Hände, sobald er einen Gegenstand darin hält. Oder sind es die Gedanken in seinem Kopf, die zittern? Die Gedanken rutschen ihm aus dem Kopf wie die Gegenstände aus den Händen. Es fällt ihm schwer, sie voneinander zu unterscheiden.

 

2.

Er kann die Urkunde nicht mehr entziffern, seit die Singvögel in seinen Augen nisten und ihm den Blick verstellen. Das macht nichts, er kann den Text auswendig. Es ist sein Meisterbrief.

 

3.

Er hat die Meisterprüfung im Sorgfalten mit Auszeichnung bestanden. Das darf er von sich sagen, auch laut.

 

4.

Als er klein war, waren Töne und Farben und Düfte um ihn herum. Licht und Watte und Schmirgelpapier. Sie hatten eine eigentümliche Art aufeinander einzuwirken, die machte ihn froh.

 

5.

Als er älter wurde, hatte er Lust, aus dieser Freude etwas zu machen; und er hatte Lust, diese Freude mit anderen zu teilen.

 

6.

„Was willst du einmal werden?“, fragten die Erwachsenen. „Ich möchte einer werden, der Töne und Farben und Düfte und Konsistenzen und Aggregatszustände aufeinander einwirken lässt“, sagte er. Die Erwachsenen lachten. Nur einer nicht.

 

7.

Der Eine sagte, „du willst also Künstler werden?“ „Ist denn ein Künstler einer, der Töne und Farben und Düfte und Konsistenzen und Aggregatszustände aufeinander einwirken lässt?“ „Ja“, sagte der Eine, „und mehr noch.“ Da wurde der Junge froh, denn es gab eine Zukunft für ihn.

 

8.

Der Junge setzte zusammen, was um ihn herum war und auch, was früher um ihn herum war und jetzt nicht mehr, und: was einmal um ihn herum sein könnte. Jedes Mal anders. Und mit allem, was in ihm war, hielt er es zusammen.

 

9.

„Was soll das sein?“, fragten die Erwachsenen. „Kunst“, sagte der Junge. Die Erwachsenen sagten mit spitzen Stimmen: „Kunst kommt von Können, nicht von Wünschen, sonst hieße es Wünstler.“ Sie stachen ihr Denkmuster in ihn hinein wie eine Nähmaschine einen Stofffetzen bearbeitet.

 

10.

Da wurde dem Jungen tot zumute, denn es gab keine Zukunft für ihn.

 

11.

„Können kann man lernen“, sagten die Erwachsenen zum Trost. „Geh in die Lehre, übe fleißig, mach die Gesellenprüfung, werde Meister der Sorgfalt, kein Strich, kein Komma, kein Ton darf verrutscht oder schief aussehen, dann, nur dann, darfst du es dir anmaßen, dein Werk als Kunst zu bezeichnen.“

 

12.

Der Junge nahm eine Lehrstelle als Sorgfalter an. Er bestand die Gesellenprüfung. Er wurde Meister im Sorgfalten.

 

13.

Doch gerade weil er das Sorgfalten so meisterhaft beherrschte, fand er immer wieder Fehler in seinem Werk: Verrutschtes, Schiefes, Sperriges, Gestolpertes.

 

14.

„Ich muss weiter üben, fleißig weiter üben, jetzt, wo ich Meister der Sorgfalt bin, fehlt nicht mehr viel, bald darf ich anfangen, Kunst zu schaffen.“

 

15.

Als er im mittleren Alter war, traf er zufällig den Einen wieder, der ihm damals gesagt hatte, was Kunst sei. Er war jetzt ein sehr alter Mann. „Wie ist es dir ergangen?“, fragte er. „Bist du Künstler geworden?“ „Möchtest du mir zeigen, was du in all den Jahren erschaffen hast?“ „Noch nicht, vorerst bin ich Sorgfalter geworden, aber bald, wenn ich vollkommen fehlerfrei sorgfalte, darf ich mit der Kunst anfangen.“ Der sehr alte Mann nickte traurig und schlurfte davon.

 

16.

Heute weiß der Sorgfalter, dass er nicht lange genug leben wird, um noch mit der Kunst anzufangen. Die Kunst heute ist eine ganz andere als die Kunst damals. Er verflucht die jungen Leute, die nicht in die Sorgfaltslehre gegangen sind. „Diese Wünstler“, schnaubt er wütend vor sich hin.

 

17.

Der Sorgfalter faltet seine Sorgen zu Vögeln und Schiffchen, die er in seiner Werkstatt in Glasvitrinen stellt. Er faltet mit zitternden Händen oder Gedanken. Zwei von den Vögeln müssen sich ihm in die Augen gesetzt haben und immer öfter rutschen ihm die Gedanken in die Schiffchen.

 

18.

Irgendwann, denkt er, bald, werde ich sie freilassen. Ich muss nur noch ein bisschen üben.



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Kommentare zu diesem Text


 IngeWrobel (23.08.26, 12:27)
Diese Geschichte / Portrait geht mir sehr nahe. 

Genauso wie Dein Avatar: Dieses "Trostlied" ist das einzige, das mir von meiner Mutter früher vorgesungen wurde. Vielleicht, weil ich meine Mutter gar nicht singend in Erinnerung habe. Vielleicht aber auch wegen des Liedes – von dem ich nur noch die Refrainzeile im Kopf habe. 

Willkommen bei kV! 
Liebe Grüße von Inge

 Heitschibumbeitschi meinte dazu am 23.08.26 um 18:09:
Du erzählst in den wenigen Zeilen deines Kommentars selbst eine Geschichte mit einer ganz eigenen Stimmung. Danke, dass du sie geteilt hast.

Antwort geändert am 23.08.2026 um 18:09 Uhr

 Vaga (23.08.26, 12:55)
Ich bin begeistert von deinem ersten Text, den du hier vorstellst. Es ist m. E. eine wunderbar poetische und gleichzeitig schmerzhafte Parabel über das tragische Paradoxon eines Lebens, das sich in der endlosen Vorbereitung auf das eigentliche Schaffen verliert.
Beim Lesen fühlte ich mich stark an Fernando Pessoas Buch der Unruhe erinnert - dieser ganz feine, fast schwebende Blick nach innen, das Verharren im Denken und die Melancholie des ungelebten Potenzials. Diese Art von Literatur mag ich persönlich sehr, und in deinen Zeilen steckt unheimlich viel Weisheit.
Schon allein diese Wortschöpfung
Sorgfalter
finde ich genial. In einer Bezeichnung zusammengefasste Perfektion (Falten, Geometrie) mit der Last des Lebens (Sorgen). Wenn er also seine Sorgen physisch zu Papier-Vögeln und Schiffchen faltet, wird dieses Bild wunderbar konkret.

Die Kritik an dem klassischen Spruch "Kunst kommt von Können" hast du hier feinfühlig zerlegt. Der Junge nimmt die Konditionierung der Erwachsenen so tief in sich auf, dass er sich selbst die Erlaubnis verweigert, schöpferisch zu sein. Er verwechselt Handwerk (Sorgfalt) mit Kunst (Ausdruck).
Die Entwicklung im Abschnitt 16 möchte ich als psychologisch brillant beschrieben bezeichnen. Weil er den Absprung verpasst hat, blickt er nun wütend auf die jüngere Generation, die ohne diese lähmende Sorgfalt einfach macht (die Wünstler - sehr bezeichnende Begriffsfindung, toll!). Er ist zum Gefangenen des Systems geworden, das ihn einst erdrückt hat.
Dass er selbst als alter Mann noch denkt:
Ich muss nur noch ein bisschen üben
rundet den Text perfekt ab. Die Konditionierung ist so tief, dass er selbst angesichts des nahenden Endes die Illusion der Vorbereitung nicht loslassen kann.

Ich kann nur wiederholen: Ich bin begeistert, ein solches Juwel hier lesen zu dürfen!
Herzliches Willkommen hier bei KV und Grüße - Vaga

 Heitschibumbeitschi antwortete darauf am 23.08.26 um 18:25:
Was meinst du, Vaga, wie viele Menschen das Schicksal des Sorgfalters teilen und vor einem gefüllten Kühlschrank verhungern? Es ist eine tragische Geschichte, noch tragischer ist, wie geläufig sie ist. Ich habe sie als Einstand für das Literaturforum gewählt, um mit ihrer Vorgeschichte aufzuräumen, die erzählt wird, um andere zum Schweigen zu bringen (vielleicht nicht einmal bewusst). Deine Unterteilung in Sorgfalt vs Ausdruck gefällt mir sehr gut!

 EVdR (23.08.26, 14:24)
Schön getroffen!

Ich wollte, ich wäre ein Künstler. Darum bin ich ein Wünstler. 

Kunst muss nur wahr sein. Es braucht den Mut zur Veröffentlichung ohne den Anspruch des Erfolges.

 Heitschibumbeitschi schrieb daraufhin am 23.08.26 um 18:30:
Worauf meinst du kommt es letztendlich an, Mut oder Wahrheit? Das Streben nach Erfolg schließt jedenfalls beide von vornherein aus.

 EVdR äußerte darauf am 23.08.26 um 19:31:
Mut und Wahrheit gehören zusammen.
Wahrheit braucht Mut.
Wahrheit ohne Mut bleibt unveröffentlicht.
Mut braucht Wahrheit.
Mut ohne Wahrheit bleibt leer.

Wahrheit darf subjektiv sein. Sie muss nur echt sein.
Erfolg zerstört beides, weil er Wahrheit verzerren und Mut ersetzen kann.

 Heitschibumbeitschi ergänzte dazu am 23.08.26 um 19:53:
Ja, das ist einleuchtend. Danke.

 EkkehartMittelberg (23.08.26, 17:26)
Dein Porträt löst intensiveres Nachdenken über Kunst und Handwerk aus, als es ein Essay könnte.

Gruß
Ekki

 Heitschibumbeitschi meinte dazu am 23.08.26 um 18:31:
Woran liegt das, glaubst du?

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 23.08.26 um 18:40:
Deine Art zu erzählen verwandelt abstraktes Denken in Erleben.

 Heitschibumbeitschi meinte dazu am 23.08.26 um 18:51:
Ich habe lange genug versucht, mich dem abstrakten Denken zu unterwerfen, aber das Erleben ist immer stärker gewesen.

 EVdR meinte dazu am 23.08.26 um 19:40:
Erleben?
Bedeutet es weniger denken und mehr der Intuition folgen.
In Richtung:
Der Künstler kontrolliert die Kunst nicht vollständig.
Die Kunst selbst ist eher der Künstler.

 Heitschibumbeitschi meinte dazu am 23.08.26 um 19:53:
Ja, genau.

Antwort geändert am 23.08.2026 um 19:54 Uhr

 FrankReich (23.08.26, 18:09)
Das ist also noch lange nicht das Ende der Fahnenstange:





👋😉

 Heitschibumbeitschi meinte dazu am 23.08.26 um 18:38:
Ah, die Band kannte ich noch gar nicht. Das Wortspiel ist ganz nach meinem Geschmack. Joyce selbst sah seinen Dedalus ja eher als Fliehenden denn als Rammenden. Ich frage mich, ob diese beiden Bewegungen nicht ein und dieselbe sind.

 FrankReich meinte dazu am 23.08.26 um 23:03:
Wahrscheinlich vom Ansatz her schon, in der Umsetzung dürften sie sich allerdings unterscheiden. 🤔

 FrankReich meinte dazu am 23.08.26 um 23:03:
👋😂

Antwort geändert am 23.08.2026 um 23:03 Uhr

 Hannes (23.08.26, 20:52)
Hallo, Heitschi.... ,
dein Text ist keine Fabel, sondern eine Parabel.
Aber wurschtegal :
Diese meisterhaften Zeilen sind sondergleichen eindrucksvoll und
außergewöhnlich schön.
Willkommen bei kv !
Der
faszinierte 
Hannes

 Heitschibumbeitschi meinte dazu am 23.08.26 um 21:32:
Parabel gab es nicht, also nahm ich Fabel, da steckt immerhin "abel" drin!

 Hannes meinte dazu am 23.08.26 um 22:09:
In der Gruppe "Dramatische Texte" ist in der
 "Untergruppe nach Inhalt" auch das "Parabelstück" aufgeführt. Da würde deine Geschichte schon reinpassen.
Wenn du jetzt zurückschreibst, daß das ja kein Theaterstück sei, haben wir beide unsere Gesellenprüfung
 als "Sorgfalter" schon bestanden.
:P

 Heitschibumbeitschi meinte dazu am 23.08.26 um 22:45:
Ich sehe, wir verstehen uns  :D

 Tula (23.08.26, 21:46)
Hallo Heitschi.
Dass Kunst von Können kommt, ist ein ziemlich blöder Spruch, der genauso wahr ist wie "Weisheit kommt von viel Wissen" oder noch alberner "Brot und Kuchen kommen von Kneten" usw. Nein, Können allein führt uns allenthalben zum geschickten Handwerk, Kunst ist viel mehr und ist nicht einmal davon abhängig, ob sie erfolgreich vermarktet wird oder unbekannt bleibt. Kunst kommt eben von ... ehm ... Kunst. Ich denke jedenfalls, dass das K darin für Kreativität steht.

LG Tula

 Heitschibumbeitschi meinte dazu am 23.08.26 um 22:58:
Den Spruch mit Brot und Kuchen lese ich gerade zum ersten Mal, aber klar, er stößt in dasselbe Horn. Schöne Idee, dass das K für Kreativität steht und damit auch für Lebendigkeit.

 diestelzie (24.08.26, 03:28)
Ein Text der zeigt, was für eine große Verantwortung Erwachsene gegenüber ihren Kindern haben und wie wir sie prägen für ihr ganzes Leben. Daran sollten wir denken, wann immer wir auf diese kleinen Wesen mit ihrer unerschöpflich scheinenden Fantasie treffen und sie ermutigen. Das macht auch unser Leben bunter bei all unserer Überei, die wir sowieso nicht mehr ablegen können.

Gerne gelesen.
LG Kerstin

 Heitschibumbeitschi meinte dazu am 29.08.26 um 18:16:
Da gebe ich dir auf jeden Fall recht! Danke, dass du noch einmal daran erinnerst.

 AchterZwerg (24.08.26, 08:53)
Ja,
es ist schon tragisch, wie selbst der peinlichste Sorgfalter am Ende der Alterei unterliegt!
Zunächst scheint sich alles viel amüsanter zu gestalten, aber an den "Leuten" kommt halt niemand vorbei; es gibt einfach zu viele ...

Du kleidest das aufwühlende Geschehen in ein verdeckt witziges Gewand - ganz wie es sein sollte!  <3

 Heitschibumbeitschi meinte dazu am 29.08.26 um 18:50:
Ja, die Leute treten gerne als Mauer auf, eine andere zum Scheitern verurteilte Lebensaufgabe wäre es, die einzelnen Steine herauszuklopfen  ;)

 Schtzngrrrrm (29.08.26, 18:06)
ICH SCHENKE DEM SORGFALTER DIESES GEDICHT:


Nachts ist es kälter als draußen

wie alle andern, sagtest du blasiert,
sollt ich fürs Butterbrot am Tellerrand
die Augen zu und durch, den Kopf im Sand,
mein Leben fristen, statt es ungeniert

dran anzupassen, was ich selber will
und weiß: dass mir mein Hirn der beste Herr-
scher ist, dass ich mich nicht für Geld verzerr
und mir der Clockwork Orange Overkill

ein Selbstmord ist, der nicht vom Leid befreit,
es nur erträglich machen soll, ins Lot
bringt sozusagen, was in einem schreit
verstimmt. Da lob ich mir den Hungertod!

Ich stehe mit der Sonne auf
und gehe mit ihr unter.

 Heitschibumbeitschi meinte dazu am 29.08.26 um 18:59:
Da geht es eher um das zweite große Kunsterstickungsargument neben der Sorgfalt: das Brot.
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