Porträt des Sorgfalters als alter Mann
Fabel zum Thema Kunst/ Künstler/ Kitsch
von Heitschibumbeitschi
Kommentare zu diesem Text
Diese Geschichte / Portrait geht mir sehr nahe.
Genauso wie Dein Avatar: Dieses "Trostlied" ist das einzige, das mir von meiner Mutter früher vorgesungen wurde. Vielleicht, weil ich meine Mutter gar nicht singend in Erinnerung habe. Vielleicht aber auch wegen des Liedes – von dem ich nur noch die Refrainzeile im Kopf habe.
Willkommen bei kV!
Liebe Grüße von Inge
Genauso wie Dein Avatar: Dieses "Trostlied" ist das einzige, das mir von meiner Mutter früher vorgesungen wurde. Vielleicht, weil ich meine Mutter gar nicht singend in Erinnerung habe. Vielleicht aber auch wegen des Liedes – von dem ich nur noch die Refrainzeile im Kopf habe.
Willkommen bei kV!
Liebe Grüße von Inge
Du erzählst in den wenigen Zeilen deines Kommentars selbst eine Geschichte mit einer ganz eigenen Stimmung. Danke, dass du sie geteilt hast.
Antwort geändert am 23.08.2026 um 18:09 Uhr
Ich bin begeistert von deinem ersten Text, den du hier vorstellst. Es ist m. E. eine wunderbar poetische und gleichzeitig schmerzhafte Parabel über das tragische Paradoxon eines Lebens, das sich in der endlosen Vorbereitung auf das eigentliche Schaffen verliert.
Beim Lesen fühlte ich mich stark an Fernando Pessoas Buch der Unruhe erinnert - dieser ganz feine, fast schwebende Blick nach innen, das Verharren im Denken und die Melancholie des ungelebten Potenzials. Diese Art von Literatur mag ich persönlich sehr, und in deinen Zeilen steckt unheimlich viel Weisheit.
Schon allein diese Wortschöpfung
finde ich genial. In einer Bezeichnung zusammengefasste Perfektion (Falten, Geometrie) mit der Last des Lebens (Sorgen). Wenn er also seine Sorgen physisch zu Papier-Vögeln und Schiffchen faltet, wird dieses Bild wunderbar konkret.
Die Kritik an dem klassischen Spruch "Kunst kommt von Können" hast du hier feinfühlig zerlegt. Der Junge nimmt die Konditionierung der Erwachsenen so tief in sich auf, dass er sich selbst die Erlaubnis verweigert, schöpferisch zu sein. Er verwechselt Handwerk (Sorgfalt) mit Kunst (Ausdruck).
Die Entwicklung im Abschnitt 16 möchte ich als psychologisch brillant beschrieben bezeichnen. Weil er den Absprung verpasst hat, blickt er nun wütend auf die jüngere Generation, die ohne diese lähmende Sorgfalt einfach macht (die Wünstler - sehr bezeichnende Begriffsfindung, toll!). Er ist zum Gefangenen des Systems geworden, das ihn einst erdrückt hat.
Dass er selbst als alter Mann noch denkt:
rundet den Text perfekt ab. Die Konditionierung ist so tief, dass er selbst angesichts des nahenden Endes die Illusion der Vorbereitung nicht loslassen kann.
Ich kann nur wiederholen: Ich bin begeistert, ein solches Juwel hier lesen zu dürfen!
Herzliches Willkommen hier bei KV und Grüße - Vaga
Beim Lesen fühlte ich mich stark an Fernando Pessoas Buch der Unruhe erinnert - dieser ganz feine, fast schwebende Blick nach innen, das Verharren im Denken und die Melancholie des ungelebten Potenzials. Diese Art von Literatur mag ich persönlich sehr, und in deinen Zeilen steckt unheimlich viel Weisheit.
Schon allein diese Wortschöpfung
Sorgfalter
Die Kritik an dem klassischen Spruch "Kunst kommt von Können" hast du hier feinfühlig zerlegt. Der Junge nimmt die Konditionierung der Erwachsenen so tief in sich auf, dass er sich selbst die Erlaubnis verweigert, schöpferisch zu sein. Er verwechselt Handwerk (Sorgfalt) mit Kunst (Ausdruck).
Die Entwicklung im Abschnitt 16 möchte ich als psychologisch brillant beschrieben bezeichnen. Weil er den Absprung verpasst hat, blickt er nun wütend auf die jüngere Generation, die ohne diese lähmende Sorgfalt einfach macht (die Wünstler - sehr bezeichnende Begriffsfindung, toll!). Er ist zum Gefangenen des Systems geworden, das ihn einst erdrückt hat.
Dass er selbst als alter Mann noch denkt:
Ich muss nur noch ein bisschen üben
Ich kann nur wiederholen: Ich bin begeistert, ein solches Juwel hier lesen zu dürfen!
Herzliches Willkommen hier bei KV und Grüße - Vaga
Was meinst du, Vaga, wie viele Menschen das Schicksal des Sorgfalters teilen und vor einem gefüllten Kühlschrank verhungern? Es ist eine tragische Geschichte, noch tragischer ist, wie geläufig sie ist. Ich habe sie als Einstand für das Literaturforum gewählt, um mit ihrer Vorgeschichte aufzuräumen, die erzählt wird, um andere zum Schweigen zu bringen (vielleicht nicht einmal bewusst). Deine Unterteilung in Sorgfalt vs Ausdruck gefällt mir sehr gut!
Schön getroffen!
Ich wollte, ich wäre ein Künstler. Darum bin ich ein Wünstler.
Kunst muss nur wahr sein. Es braucht den Mut zur Veröffentlichung ohne den Anspruch des Erfolges.
Ich wollte, ich wäre ein Künstler. Darum bin ich ein Wünstler.
Kunst muss nur wahr sein. Es braucht den Mut zur Veröffentlichung ohne den Anspruch des Erfolges.
Worauf meinst du kommt es letztendlich an, Mut oder Wahrheit? Das Streben nach Erfolg schließt jedenfalls beide von vornherein aus.
Mut und Wahrheit gehören zusammen.
Wahrheit braucht Mut.
Wahrheit ohne Mut bleibt unveröffentlicht.
Mut braucht Wahrheit.
Mut ohne Wahrheit bleibt leer.
Wahrheit darf subjektiv sein. Sie muss nur echt sein.
Erfolg zerstört beides, weil er Wahrheit verzerren und Mut ersetzen kann.
Wahrheit braucht Mut.
Wahrheit ohne Mut bleibt unveröffentlicht.
Mut braucht Wahrheit.
Mut ohne Wahrheit bleibt leer.
Wahrheit darf subjektiv sein. Sie muss nur echt sein.
Erfolg zerstört beides, weil er Wahrheit verzerren und Mut ersetzen kann.
Ja, das ist einleuchtend. Danke.
Dein Porträt löst intensiveres Nachdenken über Kunst und Handwerk aus, als es ein Essay könnte.
Gruß
Ekki
Gruß
Ekki
Woran liegt das, glaubst du?
Deine Art zu erzählen verwandelt abstraktes Denken in Erleben.
Ich habe lange genug versucht, mich dem abstrakten Denken zu unterwerfen, aber das Erleben ist immer stärker gewesen.
Erleben?
Bedeutet es weniger denken und mehr der Intuition folgen.
In Richtung:
Der Künstler kontrolliert die Kunst nicht vollständig.
Die Kunst selbst ist eher der Künstler.
Bedeutet es weniger denken und mehr der Intuition folgen.
In Richtung:
Der Künstler kontrolliert die Kunst nicht vollständig.
Die Kunst selbst ist eher der Künstler.
Ja, genau.
Antwort geändert am 23.08.2026 um 19:54 Uhr
Das ist also noch lange nicht das Ende der Fahnenstange:
👋😉
Ah, die Band kannte ich noch gar nicht. Das Wortspiel ist ganz nach meinem Geschmack. Joyce selbst sah seinen Dedalus ja eher als Fliehenden denn als Rammenden. Ich frage mich, ob diese beiden Bewegungen nicht ein und dieselbe sind.
Wahrscheinlich vom Ansatz her schon, in der Umsetzung dürften sie sich allerdings unterscheiden. 🤔
👋😂
Antwort geändert am 23.08.2026 um 23:03 Uhr
Hallo, Heitschi.... ,
dein Text ist keine Fabel, sondern eine Parabel.
Aber wurschtegal :
Diese meisterhaften Zeilen sind sondergleichen eindrucksvoll und
außergewöhnlich schön.
Willkommen bei kv !
Der
faszinierte
Hannes
dein Text ist keine Fabel, sondern eine Parabel.
Aber wurschtegal :
Diese meisterhaften Zeilen sind sondergleichen eindrucksvoll und
außergewöhnlich schön.
Willkommen bei kv !
Der
faszinierte
Hannes
Parabel gab es nicht, also nahm ich Fabel, da steckt immerhin "abel" drin!
In der Gruppe "Dramatische Texte" ist in der
"Untergruppe nach Inhalt" auch das "Parabelstück" aufgeführt. Da würde deine Geschichte schon reinpassen.
Wenn du jetzt zurückschreibst, daß das ja kein Theaterstück sei, haben wir beide unsere Gesellenprüfung
als "Sorgfalter" schon bestanden.
:P
Ich sehe, wir verstehen uns
Hallo Heitschi.
Dass Kunst von Können kommt, ist ein ziemlich blöder Spruch, der genauso wahr ist wie "Weisheit kommt von viel Wissen" oder noch alberner "Brot und Kuchen kommen von Kneten" usw. Nein, Können allein führt uns allenthalben zum geschickten Handwerk, Kunst ist viel mehr und ist nicht einmal davon abhängig, ob sie erfolgreich vermarktet wird oder unbekannt bleibt. Kunst kommt eben von ... ehm ... Kunst. Ich denke jedenfalls, dass das K darin für Kreativität steht.
LG Tula
Dass Kunst von Können kommt, ist ein ziemlich blöder Spruch, der genauso wahr ist wie "Weisheit kommt von viel Wissen" oder noch alberner "Brot und Kuchen kommen von Kneten" usw. Nein, Können allein führt uns allenthalben zum geschickten Handwerk, Kunst ist viel mehr und ist nicht einmal davon abhängig, ob sie erfolgreich vermarktet wird oder unbekannt bleibt. Kunst kommt eben von ... ehm ... Kunst. Ich denke jedenfalls, dass das K darin für Kreativität steht.
LG Tula
Den Spruch mit Brot und Kuchen lese ich gerade zum ersten Mal, aber klar, er stößt in dasselbe Horn. Schöne Idee, dass das K für Kreativität steht und damit auch für Lebendigkeit.
Ein Text der zeigt, was für eine große Verantwortung Erwachsene gegenüber ihren Kindern haben und wie wir sie prägen für ihr ganzes Leben. Daran sollten wir denken, wann immer wir auf diese kleinen Wesen mit ihrer unerschöpflich scheinenden Fantasie treffen und sie ermutigen. Das macht auch unser Leben bunter bei all unserer Überei, die wir sowieso nicht mehr ablegen können.
Gerne gelesen.
LG Kerstin
Gerne gelesen.
LG Kerstin
Da gebe ich dir auf jeden Fall recht! Danke, dass du noch einmal daran erinnerst.
Ja,
es ist schon tragisch, wie selbst der peinlichste Sorgfalter am Ende der Alterei unterliegt!
Zunächst scheint sich alles viel amüsanter zu gestalten, aber an den "Leuten" kommt halt niemand vorbei; es gibt einfach zu viele ...
Du kleidest das aufwühlende Geschehen in ein verdeckt witziges Gewand - ganz wie es sein sollte!
es ist schon tragisch, wie selbst der peinlichste Sorgfalter am Ende der Alterei unterliegt!
Zunächst scheint sich alles viel amüsanter zu gestalten, aber an den "Leuten" kommt halt niemand vorbei; es gibt einfach zu viele ...
Du kleidest das aufwühlende Geschehen in ein verdeckt witziges Gewand - ganz wie es sein sollte!
Ja, die Leute treten gerne als Mauer auf, eine andere zum Scheitern verurteilte Lebensaufgabe wäre es, die einzelnen Steine herauszuklopfen
ICH SCHENKE DEM SORGFALTER DIESES GEDICHT:
Nachts ist es kälter als draußen
wie alle andern, sagtest du blasiert,
sollt ich fürs Butterbrot am Tellerrand
die Augen zu und durch, den Kopf im Sand,
mein Leben fristen, statt es ungeniert
dran anzupassen, was ich selber will
und weiß: dass mir mein Hirn der beste Herr-
scher ist, dass ich mich nicht für Geld verzerr
und mir der Clockwork Orange Overkill
ein Selbstmord ist, der nicht vom Leid befreit,
es nur erträglich machen soll, ins Lot
bringt sozusagen, was in einem schreit
verstimmt. Da lob ich mir den Hungertod!
Ich stehe mit der Sonne auf
und gehe mit ihr unter.
wie alle andern, sagtest du blasiert,
sollt ich fürs Butterbrot am Tellerrand
die Augen zu und durch, den Kopf im Sand,
mein Leben fristen, statt es ungeniert
dran anzupassen, was ich selber will
und weiß: dass mir mein Hirn der beste Herr-
scher ist, dass ich mich nicht für Geld verzerr
und mir der Clockwork Orange Overkill
ein Selbstmord ist, der nicht vom Leid befreit,
es nur erträglich machen soll, ins Lot
bringt sozusagen, was in einem schreit
verstimmt. Da lob ich mir den Hungertod!
Ich stehe mit der Sonne auf
und gehe mit ihr unter.
Da geht es eher um das zweite große Kunsterstickungsargument neben der Sorgfalt: das Brot.