KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 17. März 2026, 22:35
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Der Text ist tot - es lebe der Text

876. Kolumne

Der Text ist tot – es lebe der Text
 
Im Büchermarkt tummeln sich derzeit tolle Bücher - feinste literarische Qualität hie und billiger Schund im bibliophilen Taschenbuchgewand da - und das in seriösen ‚Publikumsverlagen‘. 
Wirtschaftlich sprießt das Genre NEW ADULT, auch YOUNG ADULT: Dickleibige Herzschmerzromane, aufgeblasene Dreigroschenromane mit überwunden geglaubten Frauenbildern, gelesen ganz überwiegend von jungen Frauen, die sehnsüchtig sind nach dem tollen Mann. So tief gesunkene Literatur gab es noch vor einiger Zeit nicht in den Buchläden, sondern nur in Heftchen, allerdings immer schon massenhaft; daneben die recht mächtigen Genres: Fantasy, SF, ‚historische‘ Romane, Krimis ... 
 
Althergebrachte anspruchsvolle Literatur - Belletristik, Sachbücher - gibt es weiterhin, ganze Wände auch in Thalia-Buchläden. Zum Beispiel: Clemens J. Setz (Büchnerpreisträger) hat unter dem Titel „Das All im eignen Fell: Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie“ ein höchst vergnügliches Buch gemacht. Und der neue Büchnerpreisträger, Oswald Egger, ein Südtiroler mit italienischer, österreichischer und deutscher Staatsangehörigkeit, Professor für Poesie und Gestalt (!) in Kiel, schreibt Gedichte und Prosa auf sprachlich unerhörtem Niveau, was Wortfelder und Neologismen angeht. Schwer begreifbar, man muss als Leser mitdichten, sonst kommt man nicht hinter die Kulissen. Gekauft habe ich mir jetzt: „Entweder ich habe die Fahrt am Mississippi nur geträumt, oder ich träume jetzt“ - mit sehenswerten Bildseiten (s. o.: Poesie und Gestalt), die den Mississippi in verschiedener Weise verbildlichen. Es ist Kindheit auf höchstem erwachsenem Niveau ...
 
Unterschiede zu früher: Die Bandbreite anspruchsvoll unterhaltender Bücher hat zugenommen. Die gesamte Bandbreite (in Buch-Form) ebenso. Frühere Tabuthemen sind heute stark reduziert. Die Bücherwelt ist wesentlich bunter geworden. Soweit ich informiert bin, sind die Buchleser nicht weniger geworden, sie waren ohnhehin immer schon eine Minderheit.
Selbst die Lyrik hat sich gehalten - auch sie hat an Buntheit und Bandbreite zugenommen, wenn auch nicht an Sympathie. 
Als ich zur Schule ging, war das Interesse am Deutschunterricht und den dort gelesenen Lektüren kaum größer als heutzutage. Es gab allerdings mehr Respekt gegenüber der Dichtung, weil damals der Bildungskanon noch ein anderer war, nach meiner Auffassung ein ziemlich altmodischer und einer, der Herrschaft durch Sprache im Auge hatte. Heute sind umgekehrt die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer respektierter. 
 
Der Textbegriff heute im Unterschied zu früher: Klar, durch das Internet und das Lesen am Computer, Laptop oder Smartphone sind kurze Texte (für jeden!) geeigneter als lange. Immerhin gibt es bei den Online-Ausgaben von ZEIT, FAZ, NZZ, SZ etc. auch die im Print üblichen Längen zu lesen. 
Dass die Printmedien (Zeitungen, auch Literaturzeitschriften) allmählich weniger Käufer haben und vielleicht auch bald eingehen, liegt mehr an ökonomischen Gesetzen als an Bildungsschwund. Es liegt auch an den social media, die m. E. für viele (nicht nur junge) Leute eine Bildungs- und Informationsfalle darstellen können, für kluge Teilnehmer aber auch bereichernd sein können.
Nein, der Text ist nicht tot. Er hat Konkurrenz bekommen durch Twitter/X etc. und dumme Plattformen wie fb und instagram, die natürlich aus werbetechnischen und ökonomischen Gründen auch von denen als Instrumente benutzt werden, die sich mehr Bekanntheit erhoffen. Was die Eitelkeit betrifft und alle Moden: die gab's immer schon. Sie haben heute aber mehr Entfaltungsmöglichkeiten im Netz. 
 
Andererseits: Viele Lit.Zss. existieren heute schon viral. Es gibt teils sehr gute Online-Literaturplattformen, Blogs etc. So gesehen ist der literarische Austausch vor allem unter jungen Leuten wesentlich größer als je zuvor. Die Lit.Zs. DICHTUNGSRING, die ich mit anderen in Bonn seit 43 Jahren betreibe, wird noch gedruckt, aber sie lebt vom Netz und den jungen Autoren dort, die uns ihre Texte schicken; auch bekannte Autoren sind darunter, etwa der Berliner Lyriker Max Czollek, der einen der bisher 8 mal von uns verliehenen Bonner Literaturpreise gewann. 
 
Im Netz werden Gedichte und Erzählungen diskutiert, etwa auf der Plattform keinverlag.de. Da wird tatsächlich an Texten gearbeitet. 
 
Längere Texte, Romane, sind weiterhin am besten bei Verlagen aufgehoben. Ich bin zur Zeit sicher, dass Bücher sich halten werden. Ich bin ein hybrider Leser wie heute wohl jeder: Ich lese online Zeitungen, ich habe die ZEIT print, den Bonner GENERAL-ANZEIGER, ich schaue in die FAZ im Café Fürst in Bonn (beim Uni-Haupteingang). Ich kaufe viele Bücher antiquarisch im Netz, aber auch in den Antiquariaten, die leider weniger geworden sind wie auch Buchhandlungen. 
 
Eine Studie ergab neulich, dass in Bonn ~46% aller Bewohner akademische Bildung besitzen. Das ist bundesweit der 3. Platz. Aber in den Städten sind es mindestens 20% und mehr. D. h. der Bildungsgrad der Gesamtbevölkerung ist gestiegen gegenüber meiner Jugendzeit. Nicht oder kaum gestiegen ist wohl die Leselust oder gar die Lust an Texten. Ich bin aber sicher, dass es heute weit mehr Schreibende gibt, vor allem Frauen, die früher eher nicht schrieben, allerdings schon immer mehr Belletristik lasen als Männer.
 
Die Bilder-Welt. Ja, die ist größer geworden - natürlich auch wegen der technischen Möglichkeiten: sowohl beim Selbermachen (ein Smartphone ist heute den meisten analogen Kameras überlegen) als auch in der Wiedergabe und Verbreitung (Internet). Was die Wirkung der Bilder betrifft, so gilt nicht erst seit Immanuel Kant: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Hier liegt der Hase im Pfeffer: Ich kann heute mit Bildern und Textchen und Memes im Netz viel mehr Menschen verführen als die Faschisten mit dem Radio. 
 
Wenn ich sage, im Wesentlichen habe sich nicht viel geändert, so weiß ich doch, dass die Kontexte, die technischen, sozialen, finanziellen Möglichkeiten sich verändert haben. 
Die Unlust oder gar Angst, längere Texte zu lesen, die scheint nur deswegen zugenommen zu haben, weil wir heute angesichts einer umfangreicheren und längeren Schulbildung mehr Leser mit Interesse erwarten.
 
Gott ist tot, sagte Nietzsche im ZARATHUSTRA. Aber der Text ist nicht tot. Wir müssen nur einsehen, dass wahrscheinlich eine Mehrheit ein anderes Verhältnis zum Text hat wie Sie oder ich. Oder Text nur in Schule, Ausbildung, Studium akzeptiert und sich mit der SMS-Armseligeit zufriedengibt, oder mit den Fragmentsätzchewn, Phrasen, Liken etc auf den verschiedenen gerade in Mode befindlichen social platforms ... 
 
Fazit: Ich bin überhaupt nicht resigniert, nicht frustriert, ich sehe, wie die Welt ist und kann mir nach wie vorstellen, dass ich mich mit einem Nichtleser oder Textfremdler weiterhin sehr gut mündlich unterhalten kann, auch ohne Bier und Schnaps. Ich bin nicht nur umgeben von Leuten, die wie ich die Literatur lieben, das Philosophieren, Spielen mit der Sprache, Politisieren, Erinnern, Erzählen, Spinnen ... Und wenn ich gefragt werde, ob ich eine Kulturkrise sehe, dann antworte ich: Diese Krise ist geradezu konstituierend für das Leben. Gut, dass es sie gibt.
 
Ulrich Bergmann, 13.8.2024

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